04.01.2021

Ungewöhnliche Geschichten von gewöhnlichen Leuten

In sechs Episoden, zusammengebunden zu einem Roman, begleitet der Leser vier Frauen, drei Männer und einen Jungen von März bis Juli des Corona-Jahres 2020.

Also im ersten Lockdown. Mittlerweile erscheinen Geschichten, Sachbücher und Fiktionales über Covid-19 in immer dichterer Folge, aber das Gros wird uns Ende des Jahres schon nicht mehr interessieren. Aus der Flut der Titel ragt Tanja Heinzes Buch heraus. Es versammelt ungewöhnliche Geschichten von gewöhnlichen (will sagen: unprominenten) Menschen. Es geht um Hundezüchter und Schwimmtrainer, um Jüngere und Ältere, durchgeknallte und ganz normale Leute, die feststellen müssen, dass sie an einer Krankheit leiden, die „keine gewöhnliche Erkältung ist“ (S. 21). Woher auch: „Das Tückische an dieser Krankheit ist, dass sich Patienten oftmals auf dem Weg der Besserung befinden, sich bereits in Sicherheit wiegen und dann von einem Tag auf den anderen intensivmedizinisch betreut werden müssen“ (S. 36).

Heinze erzählt unaufgeregt, aber eindringlich. Ihre Geschichten, wird sie in der Wuppertaler „Stadtzeitung“ zitiert, seien in Telefoninterviews entstanden, die die Autorin mit den Menschen während des ersten Lockdowns „und in den ersten Wochen danach“ geführt habe. Die einzelnen Episoden beziehungsweise Kapitel heißen „Die grüne Terrasse“ (Lupine, die Covid-19-Infizierte in Quarantäne), „Elfenzauber“ (Corinna, die Mutter eines Jungen, der sich in einer bayerischen Forensik befindet), „Familienbande“ (Tim, der 13-Jährige mit sieben Geschwistern), „La dolce vita“ (Vittoria, Schauspielerin am TiC-Theater), „Wellenbrecher“ (Bernd, der ehemalige Schwimmtrainer) und „Wupper-Berner“ (Petra, die Hundezüchterin). Mehrfach geht es italienisch zu, und bei einer Neuauflage wäre zu erwägen, ob man die reichlich gestreuten Zitate nicht ins Deutsche übersetzen könnte.

Die Geschichten spielen in Wuppertal und in Velbert, aber könnten sich, so oder ähnlich, in Bergamo oder in Philadelphia ereignet haben. Jede Seele „hinterlässt Spuren“, schreibt Heinze auf S. 260. Der Gedanke hat dem Roman seinen Titel gegeben.

Heinze ist 1975 in Wuppertal geboren, wo sie heute lebt und arbeitet. Studiert hat sie Philosophie an der Bergischen Universität. Ein knappes Dutzend Titel konnte die produktive Erzählerin bislang vorlegen, die in der „Edition Erata“ (Leipzig) und zuletzt bei Books on Demand (BoD, Norderstedt) erschienen sind. Für dieses Jahr sind zwei weitere Veröffentlichungen in Vorbereitung. Man darf gespannt sein.

Tanja Heinze, Spuren der Seele. Mit Illustrationen von Jacqueline V. Droullier, Norderstedt: BoD 2020, ISBN 978-3-7519-8881-0, 262 S., Euro 9,99, www.bod.de.

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