25.04.2018

Datenschutz: Bergische Unternehmer kann ja nichts aufhalten

Es ist Datenschutzreform - und ganz Europa macht bei ihrer Umsetzung mit, oder bemüht sich wenigstens darum.

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In die gespenstische Ruhe des bisher eher unauffällig praktizierten nationalen Datenschutzes drang dieses neue europäische Gesetz förmlich aus dem Nichts wie eine Bombe, war gerade mal seit zwei Jahren erlassen und damit vollkommen überraschend für alle Beteiligten. Im Land der Dichter und Denker schien jedenfalls von Anfang an mehr Verwirrung als Kontrolle über die neuen Regelungen zu herrschen, obgleich man hierzulande bekanntlich gerne Ad-Blocker, dublosnichträkmi und wehejufolomi-Einstellungen für ein ungestörtes Surfvergnügen nutzt.

Dabei ist die Reform ganz toll, immerhin durfte ein bislang ziemlich erfolgreicher amerikanischer Internetunternehmer letztens vor dem US-Kongress ganz freiwillig seine Meinung zu einzelnen Regelungen des neuen Normenwerks äußern. Ob es das Ende seines Geschäftsmodells bedeuten könnte, falls die Amis und die ganze restliche Welt dieses vorbildliche EU-Gesetz ebenfalls einführen, blieb dabei wirklich völlig offen.

Im Bergischen Land traf die frohe Botschaft über noch mehr Datenschutz offenbar erst Anfang des Jahres ein, und auch dem letzten Unternehmer dämmerte schnell, dass sich die Neuerungen nicht so easy umsetzen ließen wie klammheimlich erhofft. Wer glaubte, sich „mal eben“ einen zügigen Überblick über seine neuen Pflichten verschaffen zu können, scheiterte umgehend an den eher kryptisch als pragmatisch anmutenden Texten der DS-GVO. Einige Unternehmer aus der IT-Branche hegten gar den Verdacht, dieses Gesetz wende sich gleich auf sich selbst an und müsse erst decodiert werden, bevor man Zugang zum richtigen Gesetz erhielte. Jedenfalls gestaltete sich dessen Lektüre als schier unmöglich, und zwar offenbar unabhängig vom IQ oder Bildungsgrad des jeweiligen Lesers, sodass jeder Versuch mit der Erkenntnis enden musste: So wird das nix.

Einen wissensdurstigen Unternehmer kann aber nichts ausbremsen, schon gar nicht ein solches Textungetüm, und so machte er sich auf die Suche nach einer Veranstaltung zum neuen Gesetz,  Hauptsache kostenlos und mit total verständlicher Zusammenfassung aller Änderungen inklusive perfekt passender Muster zur sofortigen Umsetzung. Doch wo waren die sonst gefühlt omnipräsenten Juristen bloß auf einmal alle hin, wenn man sie wirklich brauchte? Die Anwaltschaft schien plötzlich bevorzugt auf Tauchstation zu gehen anstatt sich mutig an die Datenschutzfront zu wagen. Gleiches Phänomen traf durch die Bank auch auf IT-Redeprofis und andere Datenschutzexperten zu. Zeitweise konnte man sogar den Eindruck gewinnen, ein Vortrag zu dem Thema sei für diese Akteure trotz exorbitant gestiegener Nachfrage irgendwo zwischen Kamikaze und Wahnsinn angesiedelt. In ihrer Not sollen einige sogar erstaunliche Honorare für eine Rede verlangt haben. Nachvollziehbar, wenn man hört, dass der ein oder andere unter ihnen sich wohl bis heute dagegen sträubt, einen Computer zu benutzen. So lässt sich zumindest die Umsetzung der „TOM“ auf entspannte „OM“ reduzieren.

Zu ihrer Verteidigung sei aber angemerkt, dass die dringend benötigte Literatur zum brandheißen Thema „Datenschutz auf einer einsamen europäischen Insel, auf dem Ponyhof und sonstwo“ noch gar nicht publiziert wurde, sondern von den üblichen Fachverlagen mit dem recht theoretischem Erscheinungsdatum: „Voraussichtlich im Verlauf des 3. Quartals 2021-jedenfalls-eindeutig-zu-spät-so-ein-Pech“ bloß vage angekündigt war. So trauten sich nur wenige Referenten aus der Deckung, um den derweil ungeduldigen Unternehmern im Powerpoint-Staccato endlich den ersehnten Überblick zu verschaffen, wohin die Reformreise so geht, natürlich auch mit der leisen Hoffnung auf lukrative Beratungsaufträge im Anschluss.

Doch die cleveren Unternehmer machten diesen Bemühern einen Strich durch die Rechnung und quetschten nach kostenloser Teilnahme zu den Details lieber ihre bis dato eher passiven als aktiven externen Datenschutzbeauftragten aus, schließlich würden sie diese dafür bezahlen. Vor Schreck über das ungewohnt proaktive, teilweise sogar ziemlich versierte Fragen-Bombardement ihrer Auftraggeber kündigten diese wiederum nach kurzer Zeit an, ihre Honorare erhöhen zu müssen, sozusagen zwingend, denn gerade ihr Job bereitet im Angesicht dieses Reform-Monsters schon gefühlt mehr Mühe. Man müsse sich da erst einmal selber warm anziehen …ähm… einarbeiten, und sei daher bis auf weiteres fort zur Fortbildung, jedenfalls nicht erreichbar, melde sich aber wieder, irgendwann, bestimmt.

Damit tauchten auch noch die letzten Datenschutz-Strohhalme ab, so dass den Unternehmern letztlich nur noch die „do-it-eben-yourself“-Strategie blieb: Erst mal vorsorglich die Website offline schalten und abwarten, und online surfen nach Antworten, vorsichtshalber im anonymen Modus, so als Training und damit niemand sieht, dass man nichts weiß. Doch der Erfolg blieb auch bei dieser Methode irgendwie aus. Zwar lassen sich im Dschungel des Internets viele Lösungen finden, aber bei über 99 gleichzeitig geöffneten Tabs zu mindestens genauso vielen Datenschutz-Unterthemen, unbrauchbaren Mustern, kostenpflichtigen Generatorseiten und dem Eindruck, dass selbst die Aufsichtsbehörden in Schockstarre verharren und noch ungläubig darüber staunen, was da neben all der neuen Macht auf sie zurollt, kam auch ein nur durchschnittlich verzweifelter Unternehmer ins Grübeln, ob er überhaupt jemals ein verordnungskonformes Datenschutzniveau erreichen vermag.

Eins ist jedenfalls klar: Die Situation ist ernst, der Countdown läuft …

Um diesem nur rein subjektiv empfundenen Reformkuddelmuddel irgendwie doch noch pünktlich Herr zu werden, ist jedenfalls die Bereitschaft zu generationsübergreifender Kooperation hilfreich. Wenn also der gestandene Unternehmenspatriarch seinem IT-affinen Enkel die Chance geben würde, ihm darzulegen, was SSL ist, und dabei Bemerkungen unterlassen könnte wie: „Früher haben wir das auch nicht gebraucht“, dann klappt das schon.

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