20.06.2016

Buch der Woche Carsten Gansel Durchbruch bei Stalingrad heinrich Gerlach matthias dohmen

Bericht vom totalen Fiasko – Heinrich Gerlachs „Durchbruch bei Stalingrad 1944“

Kann man auch Nachworte rezensieren? Warum nicht, jedenfalls wenn sie so aufschlussreich, hintergründig und packend geschrieben sind wie in unserem Buch der Woche 25.

Tief gegraben und Bedeutendes ans Licht gezerrt: In einem Moskauer Archiv hat der Gießener Literaturwissenschaftler Carsten Gansel die Urfassung des Stalingrad-Romans von Helmut Gerlach gefunden, der ursprünglich unter dem Titel „Die verratene Armee“ erschienen war und jetzt – nicht das Unwesentlichste – auch Passagen enthält, in denen Verbrechen der Wehrmacht auf ihrem Ostfeldzug geschildert werden. Wir konzentrieren uns jedoch an dieser Stelle auf die Nachbemerkungen Gansels, in denen er den Werdegang seiner sensationellen Entdeckung schildert und Gerlachs Werk in seine Zeit stellt – in diejenige, in der das Buch entstand, und diejenige, in der es erschien.

gerlach

Auf die Welt, also zu Papier, kam die Geschichte in sowjetischen Lagern, und erzählt wird das entscheidende Vierteljahr (November 1942 bis Januar 1943), als „um des verheißenen ‚nahen Endsieges’ willen eine ganze Armee bewusst und ohne jeden Skrupel geopfert“ wurde, wie es der Rezensent der „Stuttgarter Zeitung“ Anfang 1958 zusammenfasste (zit. auf den Seiten 544 f.). Gerlach traf wie kein anderer den „Ton der Zeit“ (S. 561).

Der Autor war Gründungsmitglied des Bundes Deutscher Offiziere, der mit dem Nationalkomitee Freies Deutschland verbunden war. Als der nationalsozialistischen Partei und Regierung oppositionell gegenüberstehend erwies sich auch ein Autor wie Ernst Wiechert, der am 6. Juli 1933 seine berühmte „Rede an die deutsche Jugend“ hielt. Der katholische Schriftsteller war die erste Anlaufadresse des späteren DDR-Kulturministers Johannes R. Becher, als dieser im Westen Mitstreiter für seinen Kulturbund für die demokratische Erneuerung Deutschlands suchte, ein Konzept umsetzend, das er bereits im Moskauer Exil ausgetüftelt hatte und das auf „Versöhnung und die Gewinnung aller demokratisch gesinnten Kräfte für den Neuaufbau ausgerichtet war“ (S. 519). Gerlach wäre eine Adresse gewesen, denn ihn trieb der Gedanke an, dass sein Roman „gerade in unserer Zeit, die drauf u. dran ist, über den Vorbereitungen eins neuen Krieges die Schrecken des vorigen zu vergessen“, erscheinen müsse (S. 551). Doch bei Bechers Goodwilltour saß Gerlach noch im Kriegsgefangenenlager und galt seinen Bewachern als Revanchist. Auch diese Geschichte erzählt uns Gansel. Gerlach trifft auf alle, die in der damaligen KPD Rang und Namen hatten, wie Walter Ulbricht, Anton Ackermann, Rudolf Herrnstadt oder Alfred Kurella, der 17 Sprachen spricht, mittelasiatische Lyrik ins Russische übersetzt und von Romain Rolland schwärmt, als dessen Sekretär er arbeitete (S. 610). In der Zeitschrift „Freies Deutschland“ erschien eine Episode von Gerlachs Roman als Vorabdruck. Dort schilderte der Autor, wie im Kessel von Stalingrad „auf höheren Befehl zweihundert Soldaten für die aussichtslose Verteidigung einer Anhöhe geopfert wurden“ (S. 618), was im Übrigen lebhaft an die Kommandoaktionen vor Verdun oder an der Somme im Weltkrieg I erinnern.

Für die sowjetischen Gutachter, die darüber befinden, ob Gerlach sein Manuskript mit nach Hause nehmen darf, handelt es sich bei dem Roman um eine „sehr geschickte“ Stimmungsmache für einen neuen Krieg, das „den angloamerikanischen Brandstiftern bei Stärkung von revanchistischen Tendenzen in Westdeutschland sehr nützlich“ sein kann. Gerlach selbst charakterisieren sie als „unbelehrbaren SS-Mann“ (S. 672 f.). So viel zum Thema Bündnispolitik.

Gansel macht wieder Lust, Romane von Egon Günther (dem erdboden gleich), Erich Loest (Jungen, die übrig blieben), Theodor Plivier (Stalingrad) oder Harry Thürk (Stunde der toten Augen) zu entdecken oder wieder zu entdecken. Man schreibt letzten Endes immer über sich selbst: Romanfiguren „sind erfunden, sind zusammengesetzt aus vielen persönlichen Eindrücken, die ich hatte. Und insofern ist der Vorgang des Erfindens eigentlich ein Erinnerungsvorgang“ (Uwe Johnson, zit. S. 545).

MATTHIAS DOHMEN

Heinrich Gerlach, Durchbruch bei Stalingrad 1944. Herausgegeben, mit einem Nachwort und dokumentarischem Material versehen von Carsten Gansel, Berlin: Galiani 42016, ISBN 978-3-86971-121-8, 693 S., Euro 34,00, www.galiani.de.

 

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