06.09.2015

Caritas charles petersohn Orientexpress

Orientexpress – Ein Statement für die Schönheit der Kulturen

Es scheint schon eine Ewigkeit her. Inzwischen ist der Herbst eingezogen. Aber erst am vergangenen Samstag fand das Ende des Interkulturfestivals Orientexpress seinen fulminanten Abschluss auf dem Laurentiusplatz. Eine Nachlese mit Charles Petersohn.

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Nun ist Orientexpress vorbei – tolles Programm. Wie würdest Du das Festival insgesamt bewerten?

Aus verschiedenen Gründen bewerte ich das Festival als ein gelungenes und wichtiges Zeichen für die Menschen, die aus anderen kulturellen Backgrounds kommen und hier leben. Ein Zeichen des Willkommens, der Wertschätzung und Dankbarkeit.

Alle Menschen kommen von irgendwo und landen irgendwo. Manche leben immer dort, wo sie geboren sind, doch die meisten anderen suchen aus freien Stücken oder aus Not einen Ort, an dem sie leben wollen, sich entwickeln und entfalten können. Das ist der Lauf der Menschheit und entspricht seiner Natur. Der Anspruch mancher, dass sie ein Anrecht auf einen Ort in dieser Welt haben, ist falsch, arrogant, egoistisch und gefährlich.

Künstler und Kulturtreibende helfen, Brücken zu bauen. Das Festival stellte Künstler in den Vordergrund, deren kulturelle Wurzeln von Paris bis nach Istanbul vielfältig sind, die aber hier in NRW ihr zu Hause, ihren Lebensmittelpunkt gefunden haben. Das Festival hat die Qualität, die Einzigartigkeit und Schönheit der Kulturen zelebriert und aufgezeigt, wie sie sich mixen, gegenseitig beeinflussen und dadurch verändern, erneuern.

Last not least hat das Festival in einer Zeit ein künstlerisches Statement für Migration, für Multikulti und Willkommenskultur gesetzt, in der viele Menschen nach Argumenten suchen, dass dies unser Land sei und viele, die hierher kommen und Schutz suchen, Schmarotzer seien. Es war spürbar und greifbar, dass viele Gäste auch darum den Orientexpress besuchten, um ihren Humanismus mit anderen zu teilen.

2. Wie war das Konzept des Festivals?

Nachdem die Caritas von 1995 bis 2011 das Festival „Ost West Kontakte“ durchführte, bei dem ähnliche Dinge vor allem in sozialen, kirchlichen und städtischen Einrichtungen stattfanden, wollte man neue Wege gehen, ein neues, ein breiteres Publikum erreichen. Durch die Auswahl der Locations und die Kooperationen mit den teilnehmenden Veranstaltern ist das wunderbar gelungen.
Der Caritas Verband Wuppertal/Solingen e.V. hat in Kooperation mit „die börse“ geschafft, sich auch mittels der Kulturarbeit ins Gedächtnis der Menschen und Medien zu bringen. Beispiel: Herr Schaarwächter als Gastgeber des Theaterstücks „Sunays Coming Out als Mensch oder: Der neue West-östliche Divan“ (was für ein Titel) einen Moment gebraucht, um zu verstehen, dass nicht Heiner Bontrup, der Regisseur, der Partner ist, für den er das Theater am Engelsgarten zur Verfügung stellt, sondern die Caritas. So ging es im Laufe der letzten Wochen und Monate oft. Vielen Menschen war bislang nicht bewusst, dass die Caritas auch Kulturarbeit macht. Das ist nun anders!

3. Haben die Wuppertaler/Solinger/Schwelmer das Festival angenommen?

Ja sehr. In allen drei Städten gab es volle Häuser bei mehreren Veranstaltungen. Es gab keinen einzigen Flop, alle Veranstaltungen waren gut besucht. Auch ein sperriger Film wie AGHET hatte statt erwarteter 20 Besucher an einem Dienstag mehr als 40 Besucher. Zu Eröffnung haben wir natürlich mit gutem Besuch gerechnet. Es waren mehr Menschen im Kunstmuseum Solingen, als es Stühle gibt. Zur politischen Runde über die Reparationszahlungen Deutschlands an Griechenland als Wiedergutmachung der Zerstörung und des Leids aus dem 2. Weltkrieg waren 70 Leute in der VHS, normaler Weise sind dort 30 bis max. 40. Ähnlich war es beim Filmabend „Zimt und Koriander“ im Haus Martfeld, Schwelm. Man rechnete bei schönem Wetter mit ca. 70 Gästen. Es kamen 140. Trotz des Theaterfests und des Trassen Raves hatten wir beim Finale auf dem Laurentiusplatz  am vergangenen Samstag ständig Gäste beim Open Air Fest. Mal 50, mal 100, spätestens ab der Tanzperformance und dem Konzert von Marianna Sorba 300. Das sind alles „nur“ Zahlen. Aber eben schöne Zahlen. Der Orientexpress war ein sehr erfolgreiches Festival.

4. Veranstalter war der Caritasverband Wuppertal Solingen e.V. Wie war Deine Rolle?

Die Vorbereitungen des Festivals haben insgesamt zwei Jahre in Anspruch genommen. Ende letzten Jahres war ein Großteil des Programms unter Dach und Fach. Leider musste einer der federführenden Mitarbeiter aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig aussteigen. Diese Lücke durfte ich schließen. Meine Aufgabe bestand in der Organisation, der Redaktion und im Hinblick auf Medien, Künstler, Managements und Veranstalter in der Kommunikation. Ich durfte einige Veranstaltungen nach meinen Vorstellungen gestalten, andere mit meinen Ideen ergänzen.

Obendrein war ich als Künstler an einigen Programmen beteiligt. Fühlte mich wie ein Fisch im Wasser. Helfen, die Dinge auf den Weg zu bringen, beraten, sowie offen für den Rat der anderen Teammitglieder zu sein und einen eigenen künstlerischen Beitrag beizusteuern. Dieser Mix aus Aufgaben und Verantwortung war vielfältig und anspruchsvoll. Das Vertrauen, das mir entgegen gebracht wurde, gab mir die nötige Kraft, in relativ kurzer Zeit viele unterschiedliche Aufgaben wahrzunehmen und zielführend umsetzen zu können. Das war auch darum möglich und nötig, weil speziell die Cheforganisatorin Arbeit leistete, die andernorts zwei, wenn nicht drei Personen übernehmen. Die Projektleiterin wiederum hat mit ihrem Weitblick und ihrer Erfahrung stets dafür gesorgt, dass alle Entscheidungen, die zu treffen waren, nicht nur dem Ziel dienen, sondern auch dem Team.

Die Mitarbeit an dem Festival nehme ich aus verschiedenen Gründen wahr wie ein Geschenk.

5. Ich habe nicht wahr genommen, dass auch die Abschlussveranstaltung Klangart im Skulpturenpark mit Günther Baby Sommer und auch die erste Veranstaltung der Politische Runde in der VHS zum Thema deutsche Reparationszahlungen an Griechenland Bestandteil des Festivals waren, was ich schade finde – habe ich nicht genau genug gelesen?

Kurz und knapp – ja, da hast Du nicht genug gelesen. Aber – ist das schlimm?

Jede Veranstaltung konnte auch für sich stehen und bestehen. Es gab und gibt parallel so viele Europa- und Welt umspannende Themen, Flüchtingskatastrophen und die Aufgabe, den Flüchtenden einen Ort der Sicherheit zu bieten, die Griechenland Krise, die Frage nach dem Genozid am Armenischen Volk, der bis heute abgestritten wird, etc. pp.
Wir sind umgeben von vielen großen Themen. Jedes für sich verdient und beansprucht Aufmerksamkeit und Wertschätzung.  Da kann man schon mal übersehen, dass mehrere Veranstaltungen ein und das gleiche Thema behandeln.

6. Welche Veranstaltung mochtest du am meisten?

Ich mochte das Festival insgesamt sehr. Als Mitarbeiter, als Künstler und als Humanist war der Orientexpress eine große Bereicherung für alle Beteiligten. Herausheben möchte ich die Eröffnungsveranstaltung mit Lydie Auvray. Das Kunstmuseum war wie gesagt rappelvoll und es war ab diesem Tag spürbar, dass viele Menschen dankbar sind für dieses Festival als einen Ort, an dem Humanismus nicht nur willkommen ist, sondern die Basis des Schaffens, das Maß der Dinge! Dieser Geist  überdauerte alle 16 Festival Tage.

7. Das Programm am Samstag hat den Laurentiusplatz bei schönstem Wetter, entspannter Musik von bester Qualität, sowohl live als auch aus der „Konserve“ auf eine wunderbare Weise gestimmt. Wie viele Menschen haben die Atmosphäre insgesamt genossen?

Siehe Punkt 3.

8. Ich wünsche mir, dass es eine Wiederholung gibt. Wird es die geben?

Da bin ich überfragt. Es gab für mich noch gar keine Gelegenheit, danach zu fragen. Der Erfolg des Festivals könnte die Entscheidungsträger ermutigen, sich über eine Fortsetzung Gedanken zu machen.

Vielen Dank Charles. Ich freue mich auf eine Fortsetzung – denn seitdem Uli Armbruster seine Talklang-Festivals eingestellt hat, habe ich sein Engagement vermisst. Mit Orientexpress nimmt die Caritas diesen Faden wieder auf und spinnt ihn weiter fort. Darüber freue ich mich.

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