Buch der Woche: Hermann Schulz’ Wendlandgeschichten

Ein Kaninchen, ein Hahn und zwei Hühner spielen eine Hauptrolle in den oft bitteren, manchmal lustigen und insgesamt sehr unterhaltsamen Jugenderinnerungen des Wuppertaler Autors.

Es sind – um noch einmal aus der Vorbemerkung Hermann Schulz’ zu zitieren – „keine Geschichten von einer heilen Welt“, „wohl aber von großartigen Persönlichkeiten, tragischen Schicksalen und der unvergesslichen Warmherzigkeit der Menschen des Wendlands“ (Seite 9 f.). Zu ihr passt vor allem die Geschichte jenes „Bauern aus G.“, der gemeinsam mit den ihm zugewiesenen „Fremdarbeitern“ aus der UdSSR, Polen und Frankreich nach getaner Arbeit in einer Gastwirtschaft einkehrt, in der aber die Fremdländischen der Stube verwiesen werden und ihr Bier draußen trinken sollen. Der Bauer, der bleiben dürfe, geht mit seinen Leuten auf die Straße, befiehlt das Zerdeppern der ausgetrunkenen Flaschen und betritt die Kneipe nie wieder.

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Er war übrigens „unbewaffnet, obwohl es gegen die Vorschrift verstieß“ (S. 18 f.). Diesem Landmann gehört Schulz’ Sympathie, und so setzt er ihm ein literarisches Denkmal.

Nicht nur das eingangs angesprochene Quartett, auch andere Tiere gehören zum Personal. Wie etwa in der „Pferdegeschichte“ (S. 26 ff.). Sie müssen ihm immer wieder Anerkennung liefern, die seiner Schwester und ihm die eigene Mutter versagt (S. 8 und S. 22). „Am liebsten ging er hinter die alte Scheune, da sprach er mit den wilden Blumen. So als würden sie ihn verstehen“ (S. 23). Rührt von daher sein nicht nachlassendes Engagement für sozial Schwache, Nicaragua und für Länder Afrikas, das er – im letztgenannten Fall – mit seinem früh verstorbenen Vater teilt, dessen Leben er in seinem Roman „Die Nacht von Dar es Salaam“ aufgearbeitet hat?

Schwarz und weiß, Freud’ und Leid. „Die Farbe von Trauer“ ist die Story über den 1946 aus dem Krieg heimkehrenden Cousin, der ihn zu seinem Hochzeit einlädt und von dem er später erfährt, dass er bei der Waffen-SS war (S. 42 f.). Er taucht in einem anderen Zusammenhang in Schulz’ ebenfalls im Wendland spielenden Roman „Warum wir Günter umbringen wollten“ auf.

Das Leben steckt eben voller Wunder, und nicht immer kommen wir ihm auf die Schliche. In „Heilkunst im Wendland“ berichtet der Verfasser von einem – wie soll man ihn sonst nennen? – Wunderheiler, der ihn, Hermann Schulz, 1980 von einer Gürtelrose befreit (S. 13 f.).

Schulz wurde 1981 der Von-der-Heydt-Kulturpreis der Stadt Wuppertal und 1998 die Hermann-Kesten-Medaille des PEN zuerkannt. Der Autor räsoniert einleitend über Schriftsteller und „die Entdeckung der Tiefen ihrer Erfahrungen“ und schreibt: „Manche erzählen ihre Lebensdramen auf kunstvollen Umwegen wie Thomas Mann oder Truman Capote; andere, zu denen ich mich rechne, kleiden sie in einfachere Gewänder, weil sie ihrem Inneren und ihrer Welt (oder ihrem begrenzten Können) angemessener sind“ (S. 9). Sehr wahr und sehr passend, auch wenn der Rezensent in diesem Fall die Klammer durchgestrichen hat.

Die „Wendlandgeschichten“ sind in der Reihe der Besonderen Hefte erschienen, in der auch Hermann Schulz’ „Der Tag, an dem ich meine Schularbeiten nicht mehr gemacht habe …“ erschienen ist. Besondere Hefte für besondere Leser.Schulz-Hermann-Wendlandgeschichten-Cover

 

MATTHIAS DOHMEN

 

 

Hermann Schulz, Der Junge schläft schon. Wendlandgeschichten, Wuppertal: Nordpark 2015, ISBN 978-3-943940-08-4, 54 S., Euro 6,50, www.norpark-verlag.de.

 

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