08.05.2015

Akten her! Wir wollen unsere Vergangenheit endlich abstauben…

Anlaß des Offenen Briefes ist nicht nur der 70. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus, sondern vor allem die Nachricht, daß die Renovierung des Polizeipräsidiums in eine entscheidende Phase tritt.

 

 

An die Polizeipräsidentin
Frau Birgitta Radermacher
Polizeipräsidium Wuppertal
Friedrich-Engels-Allee 228

 

Wuppertal, im Mai 2015

Offener Brief

Sehr geehrte Frau Radermacher,

wir wollen unsere Vergangenheit endlich abstauben

Seit vielen Jahren versuchen wir, Licht ins Dunkel unserer Vergangenheit zu bringen.
Bis jetzt sind wir immer daran gescheitert, dass Akten der Wuppertaler Polizei nicht eingesehen werden konnten.
Entweder – weil diese angeblich vernichtet wurden – die Personalakte des Kriminalsekretärs Wilhelm Ober tauchte nach deren Vernichtung plötzlich wieder auf,
oder weil viele Akten noch im Archiv des Polizeipräsidiums einen tiefen Schlaf tun.
Das Burgholzmassaker war wahrscheinlich nicht das einzige in Wuppertal, es gibt Hinweise auf weitere Exekutionen.
Die Täter des Massakers am Wenzelnberg wurden nicht vor ein Gericht gestellt – das Verfahren wurde eingestellt.
Es gibt Dokumente, aus denen hervorgeht, dass mehrere Polizeibeamte aus Wuppertal bei dem Einsatzkommando C / 6 (Standort Lwiw und Kiew – Babij Jar) waren, (Wilhelm Ober – SS und SD und 7* weitere Kollegen, hier namentlich genannt.)
Diese Männer wurden nie bei einem „Einsatzgruppen – Prozeß“ vor Gericht gestellt, obwohl das Mitmachen mit Personalakten zu belegen gewesen wäre.

Die „Kriegsarchive“ in England (The National Archive, Kew), in den USA (NARA – National Archives and Records Administration) und sogar Russland (Sonderarchiv RGWA, Moskau, vor wenigen Wochen) wurden zum großen Teil der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Wenn wir unsere Vergangenheit unseren Kindern, Enkeln und nicht zuletzt uns selbst verständlich machen wollen, können wir nur aus Dokumenten das lernen, was uns befähigt, unsere Traumata zu verstehen und eine Zukunft zu schaffen, in der ein zweiter Holocaust nicht stattfinden kann.
Bevor diese Akten/Dokumente bei den anstehenden Renovierungsarbeiten des Polizeipräsidiums ausgeräumt bzw. endgültig vernichtet werden, ist es Ihre Pflicht, diese den forschenden Historikern und nicht zuletzt den noch lebenden Angehörigen zugänglich zu machen.

Mit freundlichen Grüßen

Lieselotte Bhatia

 

Zum Hintergrund:

 

Nicht so erfreulich ist nach wie vor, der nur schlechte Zugang zu Akten der Täter aus der Polizei. 70 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus ist unser Wissen über die Tätergruppe aus Gestapo, Kriminalpolizei und Schutzpolizei, die z.B. am Wenzelnberg und am Burgholz mordeten oder zu diesem Verbrechen mindestens Beihilfe leisteten, nur sehr gering. Die meisten Personalakten sind nicht zugänglich bzw. nicht (mehr) vorhanden. Das liegt zum einen daran, dass Akten von den Nationalsozialisten gezielt vernichtet oder bei der Befreiung beim Sturm aufs Polizeipräsidium zerstört wurden. Zum anderen, weil das Wuppertaler Polizeipräsidium bis heute im Keller wertvolle Personalakten mit Betreffen zur NS-Zeit sammelt, die eigentlich ins Landesarchiv gehören. Hier werden – wie das Beispiel der Akte Wilhelm Ober deutlich macht – Akten gesammelt, die sogar strafrechtlich noch relevant sind.
Zum Verständnis: Am 17. April 2010 beantragte Lieselotte Bhatia, die Tochter des Wilhelm Ober, Akteneinsicht in die Personalakte ihres Vaters beim Wuppertaler Polizeipräsidium. Die Polizeipräsidentin Radermacher antwortete am 18. Mai 2010 wie folgt: „Die Personalakte Ihres Vaters, Wilhelm Ober, wurde, nach dem der letzte Anspruch auf Versorgungsansprüche im Jahr 1997 erloschen war, dem Hauptstaatsarchiv zur Aufbewahrung angeboten. Da dieses die Akte nicht zur Aufbewahrung anforderte, wurde sie am 6. April 2006 vernichtet.“ Ein weiteres Dokument verweist auf die (vollzogene) Aktenvernichtung in der zuständigen Polizeischule in Selm.
Nur wenige Monate später, im Rahmen der Dreharbeiten für die 2-teilige ARD-Dokumentation „Hitlers Polizei“ im Wuppertaler Polizeipräsidium kam eine Angestellte mit der angeblich verbrannten Personalakte von Wilhelm Ober auf das Filmteam und auf Frau Bhatia zu. Mit dem Verweis, „wir haben noch vielmehr im Keller“, übergab die Angestellte die Akte der Tochter, die sie gegen Quittung nach Hause mitnehmen konnte. Die Wuppertaler Polizei hat seitdem nicht mehr nach dem Verbleib der Akte gefragt. Die Personalakte enthält neben Hinweisen zu Tötungen im Burgholz auch einen Nachweis, dass Wilhelm Ober als Angehöriger der Wuppertaler Kripo zu der Einsatzgruppe C, Einsatzkommando 6 einberufen wurde und 1941/1942 in der Ukraine eingesetzt war und damit an Massenmordaktionen beteiligt war. (Wäre der Vater nicht schon verstorben, wäre dieser Befund ein Grund für ein Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zum Mord.)

Darüber hinaus hat die Wuppertaler Polizei nach 1945 in Wiedergutmachungsangelegenheiten und in Personalangelegenheiten wiederholt auf eine Kriminalkartei aus den Jahren 1933-1945 zurückgreifen können, die Auskunft über Vorstrafen sowohl bei Polizeibeamten als auch bei NS-Opfern geben konnte. Auch dieser für die historische Forschung höchst relevante Bestand ist unseres Wissens nicht ins Landesarchiv abgeben worden und lagert vielleicht auch noch im Keller des Wuppertaler Polizeipräsidiums. Auch andere Bestände der Kriminalpolizei waren in den 50igern noch vorhanden und nicht zerstört. So konnte der ehemalige Mitarbeiter für „Zigeunerangelegenheiten“ Paul Kreber in den Wiedergutmachungsverfahren von Wuppertaler Sinti-Familien sogar auf Verhaftungsprotokolle der Kriminalpolizei der 40iger Jahre zurückgreifen. Auch diese Unterlagen sind leider verschwunden.

In diesem Sinne hoffen wir auf baldige Herausgabe der Akten und auf ordnungsgemäße Überstellung ins Landesarchiv und wir bedanken uns bei denjenigen Archiven, in denen der Zugang gewährleistet ist.

Stephan Stracke

 

 

 

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