01.04.2015

Buch des Monats Kaj Munk matthias dohmen Schoenborn

Bonhoeffers Amtsbruder

„Preziose“ ist nach dem „Wiki-basierten freien Wörterbuch“ Wiktionary Synonym für Kostbarkeit, Juwel, Kleinod. Und um ein kostbares Schmuckstück handelt es sich bei Paul Gerhard Schoenborns „Kaj Munk, der politische Pfarrer und Dichter, den die SS erschoss“.

Es gilt, einen Dorfpfarrer zu entdecken oder wieder zu entdecken, der in Dänemark als Erneuerer des skandinavischen Theaters gefeiert wird und der aus einer konservativ-restaurativen Überzeugung heraus den deutschen Besatzern und ihren dänischen Kollaborateuren offen und öffentlich die Stirn bot und dabei zum Tyrannenmord aufforderte, bis ihn eine aus Berlin angereiste SS-Teroreinheit am 4. Januar 1944 im Pfarrhaus verhaftet und am selben Tag auf Hørbylunde Bakke nahe Silkeborg erschießt. Munk am 5. Dezember 1943 von der Kanzel des Kopenhagener Doms herab: „Wenn man hier im Lande mit der Verfolgung einer gewissen Gruppe unserer Landsleute anfängt, nur um ihrer Abstammung willen, dann ist es christliche Pflicht der Kirche zu rufen: ‚Das ist gegen das Grundgesetz im Reiche Christi, die Barmherzigkeit, und das ist verabscheuungswürdig für jedes freie nordische Denken.’ Geschieht das noch einmal, dann wollen wir mit Gottes Hilfe versuchen, das Volk zum Aufruhr zu bringen. Denn ein christliches Volk, das tatenlos zuschaut, wie seine Ideale zertrampelt werden, gewährt einer zerfressenden Fäulnis Einlass in seine Seele, und Gottes Zorn wird es treffen“ (zit. S. 57).

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Unser Buch des Monats April ist ein Besonderes Heft geworden, wie ja auch die Reihe des Nordpark-Verlages heißt, in der es erscheint. Autor ist der pensionierte Pfarrer Paul Gerhard Schoenborn, der sich seit den 1990er-Jahren mit dem „komplizierten Menschen“ Munk beschäftigt.schoenborn

Die Veröffentlichung umfasst neben einem Vorwort und der Kurzvita des Autors einen Vortrag Schoenborns vor bergischen Schriftstellern über ihren eigenwilligen Kollegen aus dem Norden, einen mehrseitigen Auszug aus dem 1943 veröffentlichten – und unter den Augen der deutschen Besatzung aufgeführten – zweifelsfrei politischen Dramas aus Munks Feder „Vor Cannae“, sein in Dänemark populäres Gedicht „Die blaue Anemone“, Schoenborns autobiographische Skizze „Mein Weg zu Kaj Munk – meine Wege mit Kaj Munk“ und rund zehn Seiten Lebensdaten des Rebellen, wobei sein Wiederentdecker und Übersetzer einen Schwerpunkt auf dessen Veröffentlichungen der Gedichte und Schauspiele legt.

Was man über Dänemark lernt: Die Widerstandsbewegung umfasste Dänen aus dem gesamten politischen Spektrum von den Kommunisten bis zu den Radikal-Konservativen (S. 13), zu denen Munk zu zählen ist. Dass der stark von Søren Kierkegaard beeinflusste, zugleich fromme Pfarrer und weltoffene Publizist eine Zeitlang Mussolini bewunderte, den er gegen Hitler glaubte in Stellung bringen zu können (S. 15 f.), verbindet ihn etwa mit seinem britischen Dichterkollegen George Bernard Shaw.

Ende der 1930er- und Anfang der 1940er-Jahre war er ein gefeierter Bühnenautor, dessen Stück „Das Wort“ in der Übersetzung von Erwin Magnus im Winter 1934/1935 sogar das Schweriner Staatstheater eroberte. Munks Credo kommt in einer Rezension zum Ausdruck, die ein paar Jahre vorher in einer dänischen Zeitung erschien: „Jesus war Jude, und ‚Sohn Davids’ und ‚Sohn des Menschen’ waren die zwei Würdenamen, die er so souverän miteinander vereinen konnte, dass zweitausend Jahre davor gekniet haben“ (zit. auf S. 25).

Den widerständigen Munk stellt der Wuppertaler Theologe in eine Reihe mit Dietrich Bonhoeffer und dem salvadorianischen Erzbischof Oscar Romero. Schoenborn plädiert dafür, den Begriff des christlichen Märtyrers weiter und politischer zu fassen (S. 44 f.). Übrigens sahen die dänischen Bischöfe drei Mal schärfer hin, wenn es um politische Verfolgung und Judenhetze ging, als ihre deutschen Kollegen, die Bekennende Kirche eingeschlossen (S. 55). Wenn der Rezensent eine Lese- und Kaufempfehlung ausstellen darf: Nehmt dieses auch in bibliophiler Hinsicht besondere Heft und verbreitet es!

 

MATTHIAS DOHMEN

 

Paul Gerhard Schoenborn, Kaj Munk, der politische Pfarrer und Dichter, den die SS erschoss, Wuppertal: Nordpark 2014 (= Die Besonderen Hefte), ISBN 978-3-935421-99-7, 93 S., Euro 6,50, www.nordpark-verlag.de.

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