21.02.2014

Historische Stadthalle Historismus Johannisberg Ruhmeshalle Stadtbild Deutschland e. V. Wuppertal Wuppertal

Historismus 4 – Die Wilhelminische Zeit

In der Wilhelminische Zeit - auch Späthistorismus (1890 - 1910) genannt - entstand eine hohe Anzahl prachtvoller Bauwerke.

Das Deutsche Reich unter Kaiser Wilhelm II. boomte mehr denn je, es unterhielt inzwischen selber einige Kolonien in Afrika, Asien und der Südsee, die Wirtschaft brodelte, Nobelpreisträger gaben sich die Klinke in die Hand; das Land war auf dem Höhepunkt seiner wirtschaftlichen Macht und nahm die erste Stellung in Europa ein. Lieblingsstil des jungen Kaisers waren die italienische Hochrenaissance und nun auch der Neobarock. So waren alle peinlich darauf bedacht, bei Großaufträgen diese Stile des Historismus möglichst zu verwirklichen. Die Möglichkeit des Einspruchs in Architektur-Fragen sicherte dem Monarchen das „Fassadenrecht der Krone“ zu, vom welchem der Kaiser ab und zu Gebrauch machte. (Übrigens, ganz aktuell: auch der Prinz von Wales, Charles, mischt sich ebenfalls gerne mal in das aktuelle Architektur-Geschehen im Vereinigten Königreich ein: „Er fordert eine kontextuelle, nachhaltige Architektur, die sich an der klassischen Formensprache und regionalen Traditionen ausrichtet.“)

JahrhundertwendeJahrhundertwende

So kam Groß-Berlin unter Wilhelm II. also doch noch in den Genuss, als architektonisch würdigere deutsche Hauptstadt in die Geschichte einzugehen. Neben dem Reichstag, der neoromanischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche (benannt nach Wilhelm I.) und dem Ausbau der Prachtboulevards Kurfürstendamm und Unter den Linden wurde der neue Berliner Dom (errichtet von Julius Carl Raschdorff), im Stil der italienischen Hochrenaissance erbaut, zum Hauptwerk des wilhelminischen Historismus in Deutschland. Im Jahre 1900 fand in Paris die Weltausstellung (Exposition Universelle de 1900) statt, die auch in Architekturstil-Fragen für Europa richtungsweisend war. Den deutschen Pavillon der Expo schuf Johannes Radke im Stil des Eklektizismus.

Es war nun sehr beliebt verschiedene Baustile in einem Gebäude miteinander zu kombinieren. Schön war, was gefiel! Ein bisschen Gotik, ein bisschen Renaissance, viel Barock und noch eine Prise Klassizismus, umrühren und fertig! Nicht immer war das Ergebnis wirklich stil- und qualitätsvoll, manchmal kam auch billiger „Kirmesbudenbarock“ dabei heraus. Aber der Großteil der Bauten des Späthistorismus beeindruckt uns bis heute. Die damalige Technikbegeisterung spiegelte sich ebenfalls im Stadtbild wider. Bauten des Großhandels, Warenhäuser, Gebäude der Wissenschaft und der Industrie, Elektrizitätsanlagen etc. entstanden mit ihren typischen allegorischen Stilelementen überall im Reich. Teilweise sogar schon in Form des „Jugendstils“. In Elberfeld entstanden die Villenviertel Brill und Zoo, vorwiegend unter der Feder des Architekten Heinrich Plange. Doch so manches mittelalterliche Gebäude verschwand zu dieser Zeit aus den Innenstädten und selbst aus manchen Dörfern. Alte, knorrige Dorfkirchen, die heute unter Denkmalschutz stünden, wurden für himmelstrebende neogotische Sakralbauten einfach beseitigt. Vieles Mittelalterliche ging in dieser Zeit in den Stadtbildern verloren, was aus heutiger Sicht sehr schade ist! Dennoch wurde auf Ensemble-Bildung und ein gepflegtes architektonisches Stadtbild – anders als in der bundesdeutschen Wirtschaftswunderzeit – sehr viel wert gelegt.

Stadthalle auf dem JohannisbergStadthalle auf dem Johannisberg

Auch Elberfeld und Barmen waren zur wilhelminischen Ära sehr reiche und angesehene Städte. Man leistete sich aufwendige Theater, Rathäuser und Sakralbauten. Das bedeutendste erhaltene Bauwerk des Späthistorismus in Wuppertal ist wohl die Stadthalle auf dem Johannisberg in Elberfeld. Sie wurde von 1895 bis 1900 im Stil der italienischen Hochrenaissance erbaut und gilt bis heute als DAS Schmuckstück und die gute Stube der Stadt Wuppertal. Bei ihrer Eröffnung war sogar Richard Strauss anwesend und dirigierte das Festkonzert. Die Stadthalle wird bis in unsere Tage in einem Atemzug mit anderen bedeutenden europäischen Musiktheatern, z. B. derer von Wien, Zürich oder München, genannt. In den 1930er Jahren hat man den Wert des Gebäudes leider verkannt, im Innern purifiziert und eine Menge Stuck abgeschlagen. Die Stadthalle überlebte den schweren Luftangriff auf Wuppertal-Elberfeld im Jahre 1943 nahezu unbeschadet, obwohl die gesamte Südstadt Drumherum in Trümmern lag. Im Jahre 1996 hat man sie dann aber historisch einwandfrei renoviert, die Stuckelemente erneuert, respektive rekonstruiert, die alte Farbgebung wiederhergestellt und eine grandiose historische Raumwirkung erzielt. Das war eine wirkliche Glanzleistung unserer Stadt, die man immer wieder positiv erwähnen muss! Die Stadthalle ist mit Abstand der bedeutendste Bau des Späthistorismus in Wuppertal. Aber selbstverständlich nicht der einzige, vermutlich dicht gefolgt von der Ruhmeshalle in Wuppertal-Barmen.

Den Beschluss zum Bau einer derartigen Ruhmeshalle zu Ehren des Reichsgründers Kaiser Wilhelm I. fasste man im Barmer Rat noch im Dreikaiserjahr 1888. Wenige Jahre zuvor war auch der Wunsch nach einem Kunstmuseum in Barmen laut geworden; folglich fasste man diese beiden Anliegen in einem Bau zusammen. Die Barmer Bürgergesellschaft sammelte daraufhin Gelder für die Errichtung dieses Vorhabens. Von 1897 bis 1900 wurde die Ruhmeshalle dann im Stil der Neorenaissance, gepaart mit ein bisschen Klassizismus, durch den Barmer Architekten Erdmann Hartig errichtet. Im Jahre 1900 erfolgte die festliche Einweihung in Anwesenheit des Kaiserpaares; und fortan diente der Bau nun als Barmer Ruhmes- und Kunsthalle. In ihrer ursprünglichen Gestalt hatte sie ein Tonnendach mit Kuppel und ähnelte dem Berliner Reichstag oder der Oberlausitzer Ruhmeshalle zu Görlitz (Heute Kulturhaus; seit 1945 auf polnischer Seite der Stadt, in Zgorzelec, gelegen). Letztere ist bis heute im Ursprungszustand weitestgehend erhalten geblieben und kann besichtigt werden.

RuhmeshalleRuhmeshalle

Die Ruhmeshalle jedoch wurde im 2. Weltkrieg schwer beschädigt, ihr Wiederaufbau in den 1950er Jahre geschah ohne Kuppel und Dach, auch wirken die Fenster aufgrund der dunklen Farbgebung der Unterteilungen sehr leer. Das verstärkt den Eindruck, als seien gar keine Fensterscheiben vorhanden, und dadurch wirkt das gesamte Gebäude leicht ruinös bzw. inhaltsleer. Im Ergebnis war der Wiederaufbau der Ruhmeshalle als „Haus der Jugend“ also eher mittelmäßig. Typisch aber für die 1950er Jahre, wo man der Architektur des Historismus bekanntlich keine große Wertschätzung entgegen brachte. Dennoch stellt der Bau – auch in seiner schlichteren Form – ein schönes Beispiel des Späthistorismus in unserer Stadt dar, und steht seit 1985 unter Denkmalschutz. Wir bleiben noch etwas in Barmen und schauen uns weiter nach wilhelminischen Bauten um:

Das sehr prächtige Stadtpalais Concordia wurde von 1898 bis 1900 durch die Architekten Emil Schreiter und Bernhard Traugott Below errichtet. Sie leiteten das sehr renommierte Architekturbüro Schreiter & Below zu Köln, wo sie u. a. maßgeblich am Aufbau der kölnischen Villenviertel Bayenthal, Lindenthal und Marienburg beteiligt waren. Aber auch das neubarocke „Geschäftshaus Farina“ am Kölner Jülichs Platz stammt aus ihrer Feder, eines der wenigen Kölner Stadtpalais, das den 2. Weltkrieg und die Abrisswelle überdauert. Nur selbstverständlich, dass dieses Architekturbüro auch im Wuppertal einige Projekte verwirklichte; neben der Concordia waren sie für eine Villa in der Katernberger Straße, die zurückliegend im Bereich des heutigen Dr.-Tigges-Weg liegt, verantwortlich.

Palais ConcordiaPalais Concordia

Im Bild sehen wir den bombastischen Haupteingang zum Gesellschaftshaus Concordia vis-à-vis des Wuppertaler Rathauses. Darüber befindet sich ein Balkon der von einem Atlanten sowie einer Karyatide getragen wird. Das Innere des Palais beherbergte einst ein prachtvolles Treppenhaus und einen grazilen Konzertsaal mit Orgel. „In der historischen Concordia war das Bürgertum unter sich. Alles, was Rang und Namen hatte, ging hier ein und aus, um sich den schönen Künsten zu widmen. Es wurde Politik betrieben, man präsentierte und feierte sich, engagierte sich aber auch in christlicher Nächstenliebe mit „edlen Thaten“ für die „unteren“ Gesellschaftsschichten.“

Bei dem verheerenden Luftangriff auf Wuppertal-Barmen im Jahre 1943 wurde auch das Palais Concordia bis auf die Umfassungsmauern zerstört. Nach dem Krieg baute man es in stark vereinfachter Form wieder auf. Leider verzichtete man dabei auf das aufwendige Dach und die schöne Eisen-Glaskonstruktion der Ladenlokale im Parterre. Auch lässt die äußere Gestaltung der Geschäfte stark zu Wünschen übrig. Ein 1948 eingebautes Lichtspielhaus zerstörte große Teile des Raumeindruckes im Inneren. Seit 1998 ist das Kino nicht mehr in Betrieb, aber einen Nachfolger gibt es nicht. Einige Räume im Obergeschoss werden von der Gesellschaft „Concordia“ genutzt.

Dennoch präsentiert sich das Palais auch heute noch als ein prächtiger Bau unserer Stadt, auf den man durchaus stolz sein kann! Wollen wir hoffen und setzen wir uns nach Kräften dafür ein, dass diesem schönen Gebäude wieder eine Zukunft beschiedenen sein wird, die an alte Zeiten anknüpfen kann. Vielleicht böte es sich ja als Spielstätte für die Wuppertaler Bühnen an?! Denn das Schauspielhaus an der Kluse wurde im letzten Jahr geschlossen. Bei der Gelegenheit könnte man das Dach sowie die Ladenlokale wieder in den Ursprungszustand zurückversetzen.

Auch im Späthistorismus gab es in Wuppertal bedeutende städtische Erweiterungen, insbesondere im Bereich der Mirke im Bezirk Elberfeld, welche bis heute nahezu im Originalzustand erhalten sind. Diese Häuser aus der Zeit der Jahrhundertwende waren im Gegensatz zu jenen der frühen Gründerzeit wesentlich stabiler und komfortabler. Dazu hatten wir in den letzten Tagen auf unserer Facebook-Homepage: Stadtbild Deutschland e. V. Wuppertal einige Beispiele präsentiert. Am kommenden Freitag stellen wir auf „njuuz“ die bekannteste Kirche Wuppertals vor! Auch sie ist ein besonderes – weithin sichtbares – Werk des Späthistorismus in unserer Stadt, darüber hinaus möchten wir uns ein wenig der Friedhofskultur des Historismus widmen.

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