31.01.2014

Friedrich-Engels-Allee Historismus Luisenviertel Romantik Sophienkirche Stadtbild Deutschland e. V. Wuppertal Unterbarmer Hauptkirche Wuppertal

Historismus 2 – Die Romantik

Darf´s ein wenig ornamentenreicher sein? Der romantische Historismus (1835 - 1866)

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Der Klassizismus war der Stil der griechischen Tempelarchitektur aus der Antike. Jedes wichtige Gebäude einer Stadt sollte während dieser Zeit möglichst rein klassizistisch und „vornehm-schlicht“ sein. So kam es vor, dass verschiedenartige Gebäude (ob Kirchen, Bahnhöfe, Theater, Rathäuser, Börsen, Schlösser, etc.) gleichsam wie griechische Tempel aussahen, was mit der Zeit eintönig wirkte und zu Verwechselungen führte. Außerdem war man der dauerhaften Schlichtheit in der Architektur, und sei sie noch so edel, etwas überdrüssig! So wünschten sich unsere Vorfahren eine zarte Belebung der Fassaden. Wie es zum Beispiel im Empire, einer französischen Strömung des Klassizismus, geschah.

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Also fügten die Architekten der Romantik den Profanbauten wieder einige Ornamente und den Sakralbauten gerne gotisierende Glockentürme an, die aber letztlich doch mit der reinen klassizistischen Architektur disharmonierten. Darauf folgte die Erkenntnis, dass die idealere Bauweise für Kirchen doch insgesamt die Gotik sei. Allerdings, so richtig gotisch zu bauen traute man sich dennoch nicht, galt der gotische Stil doch bis vor kurzem noch als etwas barbarisches. Als Kompromiss entstand eine klassizistische Form der Gotik. Schlicht und rein, aber doch ein bisschen gotisch, jedoch ohne die typischen gotischen Spitzbögen. Man wählte einen Mix aus byzantinischen und romanischen Stilelementen dazu. Letztlich wollte man den ganz kargen Klassizismus nicht mehr haben und schaute auch im Bau von Profanbauten wieder mehr auf die Renaissance oder den neuen Rundbogenstil-Mix.

Rundbogenfenster: gotisches Maßwerk ohne SpitzbögenRundbogenfenster: gotisches Maßwerk ohne Spitzbögen

Mit dem Sieg über Napoléon bei Waterloo und Belle Alliance und der darauf einsetzenden Zeit der Romantik entwickelte sich ein Gefühl der Heimatverbundenheit. Die völlig neue Zeitrechnung, die mit der Industrialisierung Einzug gehalten hatte, ließ viele Menschen nach einem Ausgleich oder einer Identität sinnen. Das Individuum zählte während dieser Zeit immer weniger. Dies führte auch zu einer strebsamen Suche nach einem heimatlicheren Baustil. Und diesen meinte man dann tatsächlich in der Gotik oder der Romanik zu finden. So folgte der Schluss, die Kathedralen des Mittelalters nach historischen Plänen zu vollenden. Bekannteste Beispiele in Deutschland dafür sind der Kölner Dom, das Westwerk des Speyerer Domes oder das Ulmer Münster! Mit der Vollendung der Kathedralen war das ideologische Eis gebrochen in der Zukunft wieder gotisch, also neogotisch, bauen zu dürfen, denn das handwerkliche Geschick und Wissen war durch die Dom-Bauhütten nunmehr wieder vorhanden.

Ein anderes Beispiel dieser Zeit sind die Burgen entlang des Rheins. Man entdeckte sie neu und manche wurde wiederhergestellt, besonders Burg Stolzenfels bei Koblenz. Einige von ihnen sogar prächtiger als sie jemals zuvor waren! Die Engländer liebten den deutschen Mittelrhein über alles, so entwickelte sich bereits eine frühe Form des Tourismus in diesem Bereich. Aber auch in anderen Teilen Deutschlands blühte die Romantik in der Architektur auf; bei Pattensen im Königreich Hannover errichtete man die Marienburg, bei Füssen Schloß Hohenschwangau, oberhalb Kelheims die Befreiungshalle,  in Potsdam wurde der Park von Sanssouci mit zahlreichen Schlössern und Gärten erweitert sowie Schloß und Park Babelsberg errichtet. Schließlich entstand auf dem Zollern, jenem Berg der schwäbischen Alb, auf dem das preußische Königshaus seine Wurzeln hat, die alte Burg Hohenzollern wieder neu.

Thron und Altar waren zur Zeit der Romantik unter den preußischen Königen Friedrich Wilhelm III. und besonders Friedrich Wilhelm IV. im Bündnis mit den „Drei Schwarzen Adlern“ – Rußland, Österreich, Preußen – eng miteinander verbunden. Sie sollten zu einem Gegenpol der frz. Revolution und dem daraus resultierenden Nationalismus und Laizismus werden. Den Gegenentwurf stütze eine Reichsidee, die eher dem Heiligen Römischen Reich entsprach, wo Nationalität, Rasse oder Sprache nur eine stark untergeordnete bis gar keine Rolle spielten. Unter dem preußischen König waren sowohl der kaschubische Fischer katholischer Prägung, als auch der bergische Industrielle calvinistischer Prägung, miteinander vereint! Obwohl sie sonst grundverschieden waren. Die Biedermeierzeit wirkt auf uns heute recht gediegen, friedlich, heilig, gemütlich aber auch ein wenig kleinbürgerlich. Ähnlich wie bei den „Hobbits“ im Auenland bei J. R. R. Tolkiens Fantasy-Romanen. Und so war sie tatsächlich vielfach! Jedenfalls bis zum Deutschen Krieg 1866… Wünscht man sich in der hektischen Zeit heute nicht auch manchmal einen solchen „gemütlichen Ausgleich“?!

Sophienstraße mit Neuer KircheSophienstraße mit Neuer Kirche

Die evangelisch-reformierte Neue Kirche („Sophienkirche“) im Elberfelder Luisenviertel ist ein typisches Kind dieser romantischen Epoche. Sie wurde von 1853 bis 1858 durch den Kölner Dombaumeister Ernst Friedrich Zwirner im gotisierenden Rundbogenstil errichtet. Also nicht mehr rein klassizistisch, aber auch – noch – nicht wirklich neogotisch. Leider ging die Innenausstattung in den 1960er Jahren während einer grundlegenden Modernisierung weitestgehend verloren, in den 1980er Jahren folgte eine weitere Veränderung des Innenraumes. Die benachbarten Wohnhäuser im Bereich der Sophienkirche stammen vielfach aus gleicher Zeit-Epoche und sind – wie im Bergischen Land üblich – teilweise verschiefert. So haben einst auch die Stadtviertel Aue und Bökel ausgesehen, die man leichtfertig beim Bau der Bundesallee opferte.

Unterbarmer HauptkircheUnterbarmer Hauptkirche

Erwähnt hatten wir bereits im letzten Artikel die von 1828 bis 1832 durch den badischen Architekten Heinrich Hübsch erbaute Unterbarmer Hauptkirche – übrigens die einzige zweitürmige evangelische Kirche im Tal der Wupper – welche ebenfalls ein typischer Bau aus der Zeit der Romantik in unserer Stadt ist. Heinrich Hübsch hatte sich bereits bei der Vollendung des Speyerer Domes einen Namen gemacht. So haben wir mit Hübsch und Zwirner zwei bedeutende Kirchbaumeister der Romantik in Wuppertal gehabt. Die Unterbarmer Hauptkirche bildet mit dem leider nicht mehr vorhandenen gotisierenden König-Friedrich-Wilhelm-III.-Monument und der klassizistischen „Allee“ (heute: Friedrich-Engels-Allee) ein bauliches Ensemble des Klassizismus, des Empire und der Romantik par excellence.

Noch heute ist die Friedrich-Engels-Allee zwischen dem Haspel und der Loher Straße mit ihren sehenswerten Profanbauten und dem großartigen Baumbestand eine der prächtigsten Alleen Wuppertals. Leider mindert der relativ starke Verkehrsfluss der „Bundesstraße 7“ ihren Charakter erheblich, so dass viele ihren Wert erst auf den zweiten Blick erkennen. Man sollte sich dennoch einmal die Zeit nehmen, an einem Sonntagmorgen im Frühling in aller Ruhe über die Allee zu spazieren. Neben einem alten Bankhaus, einer Freimaurerloge und den Unternehmer-Palais wird man erstaunt sein, wie viele Fachwerk- und Schieferhäuser dort bis heute erhalten geblieben sind. Im Jahre 2012 feierte die baumbewachsene Prachtstraße ihren 200. Geburtstag.

Friedrich-Engels-AlleeFriedrich-Engels-Allee

Natürlich existieren weitere architektonische Beispiele der Romantik in Wuppertal. Erwähnen möchten wir noch das Landgericht mit seiner grandiosen Loggia, erbaut 1848 bis 1853 durch Carl Ferdinand Busse. Auf unserer Facebook-Homepage haben wir heute darüber berichtet. Aber auch die evangelisch-lutherische Kreuzkirche zu Elberfeld, bei deren Bau auch Friedrich August Stüler mitgewirkt haben soll. In der nächsten Folge wenden wir uns der bekanntesten Epoche des Historismus zu: der Gründerzeit! Zur gewohnten Zeit: Freitag um 12 Uhr! Man findet uns übrigens auch auf Facebook unter: Stadtbild Deutschland e. V. Wuppertal.

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