Sport & Freizeit
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Whew100 – ein Tag im Ausnahmezustand

03.05.2016 22:52

Am vergangenen Samstag ist der Whew100 Ultramarathon über die Bühne gegangen. Eine Beobachtung über einen Tag im Ausnahmezustand.

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© Wilma Schrader

Samstag, morgens 6:15, es gießt in Strömen, gefühlte 2 Grad, Mirker Bahnhof. Im Hutmacher Gewusel: Menschen in Sportkleidung, hautenge Hosen, bunte Laufschuhe und dünne raschelnde Kapuzenjacken, Brötchen in der einen Hand, Kaffee in der anderen, aufgekratzte Stimmung. Es dämmert. Gleich ist es so weit. Um 7.00 Uhr soll der Startschuss für den 100 km-Lauf der Whew100 fallen.

Wuppertal, Hattingen, Essen, Wuppertal – das ist die Runde, die es zu bewältigen gilt: von Einzelläufern, von 2er-Staffeln, 4er-Staffeln und mehreren Run and Bike Teams. Moderator Oliver Witzke ruft zum Start: noch 10 Minuten. Aus der dampfenden Wärme der Bahnhofshalle geht es in den Regen. Ein Angang.

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Start 100 km ©Wilma Schrader

Draußen wird gedehnt gehüpft, hin und her gelaufen. Und dann ist es soweit. … 5,4,3,2,1. Aygül Tolan gibt den Startschuss und eine Menschenmenge von über 100 Läufern und Fahrradfahrern setzt sich in Bewegung, erst in die Gegenrichtung, dann Richtung Osten, um die vorgegebenen 100 km exakt einzuhalten. Noch einmal passieren alle Läufer den Bahnhof, lachen, winken unter Beifall und dann sind sie weg, unterwegs, um an ihre Leistungsgrenzen zu gehen, um auszuloten wie weit ihr Körper und ihr Wille sie trägt.

Es kehrt Ruhe ein im Hutmacher. Die DJ- Station wird aufgebaut, das Live-Tracking wird überprüft, der Bildschirm eingerichtet auf dem 40 kleine Zahlen wandern und sich im Sekundentakt verändern. Die Verpflegungsstation 1 meldet die Ankunft erster Läufer: “Sie wollen alle nur heißen Tee.” Kein Wunder, es regnet immer noch in Strömen.

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Die fabelhaften Verlauf-Boys ©Wilma Schrader

15 Minuten später gehen drei weitere Run and Bike Teams auf die Strecke. Eines nennt sich die “Fabelhaften Verlauf-Boys” die noch in der Nacht ihr Spezial-Fahrrad, welches entfernt an Easy Rider erinnert, zusammengebaut haben. Ihre Mission ist, möglichst viel Spenden-Gelder für den Kinderschutzbund einzusammeln.

Ab 10:00 Uhr wird es wieder voll im Startbüro. Die nächsten Läufer melden sich für die 5 km und die 10 km-Strecke. Inzwischen drehen die DJ die Turntables und verwandeln den Vorplatz des Mirker Bahnhofs trotz Nieselregen in eine urbane Tanzfläche. Die Verpflegungszelte sind aufgebaut, in denen es vom selbstgebackenem Kuchen über Nudelsalat bis zur Currywurst alles gibt, was viele Kohlehydrate enthält – Kraftnahrung eben. Langsam lässt der Regen nach – es wird heller.

Oberbürgermeister Andreas Mucke

Oberbürgermeister Andreas Mucke ©Wilma Schrader

Um 10 Uhr kommt die Meldung durch, dass das erste Run and Bike Team die 50 km Marke geknackt hat. “Wahnsinn”, befindet ein Gast. Ab Mittag geht es dann wieder rund. Der 5 km und 10 km-Lauf geht auf die Strecke, mit dabei Oberbürgermeister Andreas Mucke. Er läuft die 10 km in respektablen 57:35 Minuten. Als Hobbyläufer ist er mit seinem Ergebnis zufrieden. Annelore Giese, mit 79 Jahren die älteste Teilnehmerin der Whew100, benötigt für die gleiche Strecke 1:09:48 Stunden. Sie ist die letzte und wird mit lautem Beifall in das Ziel begleitet.

Team Rubikuzi

Team Rubikuzi ©Wilma Schrader

Ausgelassene Stimmung am Bahnhof, es ist trocken, hin und wieder lässt die Sonne sich sehen, guter Soul wärmt die inzwischen zahlreich erschienenen Besucher. Moderator Oliver Witzke kündigt die ersten Rückkehrer der 100 km Strecke an. Ein Raunen geht durch die Menge, gespannte Erwartung gen Westen. Und dann biegen Björn Esser und Timo Schaffeld vom Team Willpower um die Kurve. Lautes Klatschen und Anfeuerungsrufe begleiten ihren Weg zum Ziel. Sie haben die 100 km in sagenhaften in 6:53:14 Stunden geschafft.

In Abständen von etwa 20 Minuten kommen die nächsten RnB Teams zurück: auf dem 2. Platz das Team ‘Rubikuzi’, Jochen Kunze, Markus Ziemann, ganz entspannt im Hier und Jetzt, in 7:20:42 Stunden und auf dem 3. Platz ‘Fgpt.de’, Matthias Lohe und Falko Gallenkamp in 7:40:54 Stunden. Er und sein Bruder Guido sind die Urheber von Run and Bike. Als eine Art Schnapsidee und während einer Nacht und Nebel Aktion, begleitet mit Social Media, sind die beiden im vergangenen Jahr per Run and Bike von Wuppertal nach Koblenz gelaufen.

Manuel Herren

Manuel Herren ©Wilma Schrader

Ab 15:00 geht es nun Schlag auf Schlag. Die 4er und 2er Staffeln laufen ein. Angefeuert von Oliver Witzke und den Zuschauern geben sie auf den letzten Metern ihr Letztes. Dann aber stiehlt ihnen der erste Rückkehrer der Ultramarathonman die Show – Henryk Thurow ist sein Name. Pech nur, dass er einen Messpunkt verpasst hat und nicht nachweisen kann, dass er wirklich die 100 km gelaufen ist – Disqualifikation – leider. Ihm folgen die beiden Luxemburger Manuel Herren (8:26:27) und Fernand Clees (8:33:36). Völlig erschöpft und sichtlich lädiert stürzen sich beide auf das Bier, das ihnen jemand reicht. Die Gesichter? Das Strahlen überwiegt, aber erkauft ist es mit Schmerzen in den Gliedern. “Ob sie zwischendurch aufhören wollten?” “Ja, immer wieder!” “Und dann?” “Einfach weiter laufen! Das waren vorerst meine letzten 100 km”, antwortet Manuel Herren. Ganz anders sein Freund und Gegner Fernand Clees, Gewinner der Whew100 ’15: “Mein nächster Lauf geht über 102 km. Ich muss schnell wieder fit werden. Abends ein Salzbad, dann geht das schon wieder. Wir sind alle völlig verrückt”, grinst und humpelt davon. Es scheint, als seien die Schmerzen eine Art Siegestrophäe, die zu einem Ultramarathon dazu gehört. Als Dritter läuft Sascha Kowalsky (8:52:46) ein – sein erstes Mal und gleich Dritter. Er reißt beim Finish die Arme hoch, strahlt, läuft noch ein Stück weiter und stützt sich dann völlig erschöpft und außer Atem auf den eigenen Knien ab, ohne das Lachen aus dem Gesicht zu verlieren.

Fernand Clees

Fernand Clees ©Wilma Schrader

Immer mehr Läufer kommen zurück. Der Platz vor dem Mirker Bahnhof füllt sich mit Athleten, die ihren Sieg über die Strecke, über ihren Körper, über den Unbill, den die Natur ihnen zugemutet hat, ausgelassen feiern. Währenddessen finden die Siegerehrungen statt. Manch’ einer kommt vor lauter Muskelschmerzen kaum auf das Podest hinauf und wieder herunter. Besonders gefeiert wird Jörg Rosenbaum, der Weltrekordhalter im 100 km Lauf der Gehörlosen ist. Er hat in diesem Jahr seine Bestzeit noch einmal unterboten und ist in der Gesamtwertung auf den 8. Platz gelaufen.

Jörg Rosenbaum

Jörg Rosenbaum ©Wilma Schrader

Etwa 2 Stunden später treffen die ersten Ultramarathonwomen ein. Cornelia Bullig (10:32:02) und Claudia Stadler (10:32:03) liefern sich ein Kopf an Kopf Rennen, so dass beiden der erste Platz bei der Siegerehrung zuerkannt wird. Den dritten Platz belegt Anke Libuda mit etwa 20 Minuten Abstand.

Cornelia Bullig, Claudia Stadler, Anke Libuda

Cornelia Bullig, Claudia Stadler, Anke Libuda ©Wilma Schrader

Auch die Soundbikes, die die Läufer den ganzen Tag begleitet haben sind inzwischen wieder am Mirker Bahnhof eingetroffen. Nach 14:23:49 Stunden geht um 21:38:28 Uhr mit der einsamen Rückkehr der fabelhaften Verlauf-Boys ein langer, aufregender Tag zu Ende. Sie haben mit ihrer Tour 1000 Euro für den Kinderschutzbund gesammelt. Es ist schon wieder dunkel.

Soundbikes und andere Begleiter

Soundbikes und andere Begleiter ©Wilma Schrader

Mit der Whew100 haben der MTV Elberfeld, Guido Gallenkamp und zahlreiche ehrenamtliche Unterstützer ein Laufevent in Wuppertal installiert, welches bei allen Teilnehmern einhellig Begeisterung auslöst: ob das die Organisation, die Verpflegung auf der Strecke, die sympathische Betreuung, der ideale Streckenverlauf, oder die entspannte Atmosphäre betrifft. Einziger Kritikpunkt war die eine oder andere fehlende Streckenmarkierung. Selbst das ungemütliche Wetter haben die meisten als ‘typisch Wuppertal’ hingenommen, obwohl die Nässe und die niedrigen Temperaturen den einen oder anderen schneller an seine Leistungsgrenze gebracht hat. Mit 268 Teilnehmern im vergangenen Jahr und 455 in diesem Jahr haben sich die Anmeldungen fast verdoppelt. Die Whew100 wird im nächsten Jahr sicher wieder Ausnahmeathleten und besondere Menschen nach Wuppertal holen, denn die die dabei waren, haben ihr Wiederkommen via Facebook und auf anderem Wege schon angekündigt.
Alle Ergebnisse unter: http://my6.raceresult.com/43383/results

 


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