27.02.2026

Professor Schneidewind, seine Kritiker und seine Freunde

Ein noch nicht erhältliches Buch sorgt für Wellen. Dabei geht es um mehr als um eine Amtszeit. Für die CDU und Grüne keine Mehrheit fanden und intern keine Einigkeit.

Zuerst einmal ist es anrührend & lobenswert, dass sich ein OB überhaupt zu einer öffentlichen Reflektion seiner Tätigkeit bereit erklärt; ist das nun protestantische Gewissenserforschung oder doch eher in der kommunistischen Tradition von “Kritik & Selbstkritik“ zu sehen? Im Oktober 2025 hielt Prof. Schneidewind eine Abschiedsvorlesung. Da er kürzlich in der Citykirche bei einer Diskussion unter Gleichen zentrale Argumente wiederholte, will ich ein paar Anmerkungen zu diesen Vortrag in der Kirchlichen Hochschule machen. Im Folgenden wird aus dem Redemanuskript zitiert (Wissen und Macht: Vortrag von Prof. Dr. Uwe Schneidewind). Niemand von denen, die heute sein Buch kritisieren, das erst am 12. März für Normalsterbliche ausgeliefert wird, hat diesen Vortrag kommentiert. Hier greife ich auf meine Notizen zurück.

Professor Schneidewind versucht das Vordringen von Bullshit-Denken in der Gesellschaft zu verstehen und setzt ihm den wissenschaftlichen Diskurs entgegen. Offen spricht er vom herrschenden Diskurs, ohne über die Herrschenden zu reden. Er kennt offenbar nur die Gesellschaft der Gleichen, der Citoyens. Auch Aktivisten haben sich den wissenschaftlichen Diskursregeln zu unterwerfen, bevor ihre Anliegen überhaupt wahrgenommen werden dürfen, lautete der Konsens in der Citykirche.

Er ignoriert aber die Reproduktion von Klassen, Hegemonialstrukturen, Habitusformen usw. durch Sitten und Gebräuche, durch Anerkennung von Wissensbeständen als sozialem Kapital (Bourdieu). Nur das orthodoxe Wissen ist anerkannt und wird honoriert, in Aufstieg umgemünztes ökonomisches Kapital, auch wenn das Infragestellen zum wissenschaftlichen Habitus zu gehören scheint. Es kann nur leider nicht jede/r am Wissen gleichermaßen partizipieren: es bedarf Zeit, Geld und mit Zeit und Geld erworbenes Vorwissen der Vorgenerationen. Der Aufschwung des general intellect, von dem Marx in MEW 42 gleichwohl zustimmend spricht, also das Wissen der Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht, steht im Zusammenhang mit der Dynamik der Produktivkraftentwicklung, die erst die kapitalistische Produktionsweise wirklich entfesselt und von Zufällen emanzipierte („alles stehende und Ständische verdampft“, heißt es im kommunistischen Manifest).

Wissens- und Datenmonopole einerseits und schwindende / sich verlagernde Wissensvorsprünge (S.4) erhöhen nach Auffassung von Prof. Schneidewind Ungleichheiten, aber er erklärt sie nicht. Um Ursachen der Ungleichheit drückt sich Prof. Schneidewind. Er de-thematisiert sie sogar, weil sie ihn unweigerlich auf die realexistierenden Widersprüche in der Produktionsweise und die unterschiedlichen Positionen im gesellschaftlichen Arbeitskörper selbst und die darauf gründende Revenue-Verteilung zurückführen würden. Damit entgeht ihm aber, wieso in Gesellschaften Verlustängste, Zukunftssorgen und Ohnmacht dominierend wurden und noch sind, die er ja beobachtet (S.5).

Seine anregenden Betrachtungen über die Blasenbildung bleiben dadurch aber letztendlich in einer weiteren Blase gefangen. Sie wird von Leuten geteilt, denen ebenfalls das Verständnis abgeht. Diese Blase verlangt ebenfalls nur die richtigen Signale feiner Unterschiede, scheinbar selbstverständlich-sachlicher Argumentationsketten, Sprachfloskeln und Loyalitätsbeweise für die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe ab, um Zugang zu haben zu sozialen Kontakten innerhalb der Blase, zum kulturellen Kapital der Gruppe usw..

Die Gruppe all jener, die sich und ihr Systemwissen entwertet fühlen, gründete eine rechte Protestpartei, den „Ausknipsern“. Die Euro-Kritik des Prof Lucke wurde aus der Herrschaftsblase ausgegrenzt und wurde ob dieser Erfahrung aufgebläht  von Leuten, die ähnliche Ausgrenzungserfahrungen mit ihren reaktionären, völkischen usw. Ressentiments gemacht haben.

Daher kann Prof. Schneidewind bspw. auch nicht mehr erkennen, dass diejenigen, die z. B. seine Tempo 30-Anläufe mit Bullshit-Argumenten zum Scheitern brachten nun aber genau diejenigen sind, die „sein“ BUGA-Projekt zum Heerbanner machten, an dessen Strahlkraft wieder einmal die Stadt gesunden werde (nach Döppersberg und Seilbahn). Die 80 Meter am Laurentius-Platz waren nur 1 bescheidener Versuch und dann wandte er sich wegen Widerstand von diesem wissenschaftlich von seinem Institut begründeten Projekt ab, gibt damit den Ausknipsern indirekt recht. Dass die Tempo-30-Ablehnung an einer vermeintlich besseren Vergangenheit mit Verbrenner-Motoren, entsprechender Zulieferindustrie Wissens- und Steuerungshierarchien festhalten, fällt außer Betrachtung. Er fragt gar nicht erst nach dem Warum. Er ahnt „eine Vielfalt anderer Motive getriebener Debatten in den Stadtgesellschaften und Räten vor Ort“, schreckte aber in seiner gesamten Amtszeit davor zurück diese Interessen-Vielfalt zu thematisieren, sich Bündnispartner zu organisieren.

„Es geht vielmehr um das selektive „Ausknipsen“ bestimmter Systemwissenskategorien: beim Klima, bei der Gesundheitsforschung (Impfen), bei der Gender-Forschung oder der Evolutionsbiologie. Hier treten an die Stelle von wissenschaftlichen Wissensbeständen religiöse Überzeugungen oder der „gesunde Menschenverstand“.  – Genau dieses Ausknipsen, der Ausschluss aus dem öffentlichen Diskurs geschieht nicht akteurslos und geschieht im Interesse anderer Akteure, die über die machtvollen Sprechpositionen verfügen, darüber spricht man nicht.

„Dies (Ausknipsen – BS) hat den Effekt, dass auch wissenschaftsferne Bevölkerungsschichten mit ihren Überzeugungen wieder an Wissenssystemen teilhaben können. Eine so gestaltete Wissensgesellschaft wird dann vermeintlich nicht mehr zum Elitenprojekt und schafft neue Identifikationsmöglichkeiten.“ Da wird Prof. Schneidewind aufmerksam. Hier wird deutlich, wie stark der vermeintliche Visionär Prof. Schneidewind In den Bahnen einer Eliten-Herrschaft denkt: wissensferne Bevölkerungsschichten sollten besser nicht an Wissensprojekten und gar an der Gesellschaftsgestaltung beteiligt werden?! Das wäre im Sinne seiner Kritiker, die sich Bürgerentscheide auch nur über Fragen vorstellen können, ob es Wuppertal oder Wupperberg heißen solle.

Die sogenannten Bildungsfernen, die oft über ein sehr genaues – nur eben nicht akademisch zertifiziertes – Wissen von Wirtschaft und Gesellschaft verfügen, haben das sicherlich auch schon gespürt und die Sache der Bürgerbeteiligung blieb deshalb (und nicht nur wegen der bescheidenen finanziellen Ausstattung) eine Spielwiese für  kleinste pressure groups und ihre Mobilisierungsfähigkeit im jeweiligen Milieu. Wer sich aber um die konfligierenden Interessen keine Rechenschaft abgeben will, ist zum Scheitern verurteilt.

Dabei handelt es sich nicht um die banale Frage „cui bono?“ von Gestaltungsdiskursen sondern um die Frage, was ist das Resultat eines „Kräfteparallelogramms“ dieser konfligierenden materiellen gesellschaftlichen Interessen (Poulantzas), auch wenn diese These jetzt mechanistisch verkürzt erscheint. Was Prof. Schneidewind mit Blick auf die  wissenschaftlichen Disziplinen verlangt, müsste auch auf die Gesellschaft und ihre Teile gelten: „multidisziplinären Blick, die Verbindung sehr unterschiedlicher Sichtweisen“ (S.11)

Mit seinen lokalpolitischen Widersachern teilt Schneidewind die unausgesprochene Sichtweise, es gäbe soetwas wie eine normative Übereinstimmung aller Akteure über soetwas wie „der Stadt Bestes“.  Und im Zweifel obsiege laut Professoren-Katheder eben das bessere Argument, was das denn sei und wie dahin zu gelangen wäre. Zweifellos sind seine lautstarken Kritiker von heute aber auch genau jene bisherigen Verhinderer einer wissensbasierten Weiterentwicklung in der Stadt.

Das Ausklammern von divergierenden materiellen Interessen mündet dann bei Prof. Schneidewind notwendig in einer völligen Fehlinterpretation Gramscis. Für Prof. Schneidewind liefert Gramsci nur die Arbeitsvorlage, eine raodmap für den Rechtsextremismus, nach der die AfDer-Partei u. a. erfolgreiche rechtsextreme Parteien in Europa  arbeiten (Ausknipsen von wissenschaftlichem Wissen, Besetzung von Begriffen usw.) Und selbst hier lässt er einen wesentlichen Strang der Ideologen des Rechtsextremismus (bspw. Kubitscheks Institut für Staatspolitik) aus: Beständig den Raum des Sagbaren auszudehnen für die eigenen Werte, Positionen und Ressentiments. An dieser Ausdehnung sind im Übrigen die Wohlmeinenden aktiv beteiligt, die rechtspopulistische Politiker, Wissenschaftler und andere Klopffechter in ihre Medien und Podien einladen, weil der Dialog ja essentiell demokratisch sei. Dazu hatte die Stadt einen intensiven Meinungskampf geführt, nachdem die Stadthalle an die Rechtsradikalen vermietet worden war und nachdem Prof. Schneidewind in einem Scharnier-Organ zwischen CDU und rechtspopulistischer Professorenschaft publiziert hatte.

Der Mitbegründer der Kommunistischen Partei Antonio Gramsci sah die Grundlage von Hegemonie im Zweiklang von Konsens und Zwang. Eine gesellschaftliche Gruppe wird dann hegemonial, wenn sie nicht nur die eigenen Interessen korporativ formuliert sondern derjenigen anderer Gruppen vereinigen und in ein Programm der moralischen Erneuerung gießen kann, dass im Kern immer ein ökonomisches ist und den Geist der Epoche widerspiegelt, der Durchsetzung einer neuen gesellschaftlichen Betriebsweise (damals der Fordismus). Zugegeben: keine allein kommunale Aufgabenstellung. Der Faschismus war das genaue Gegenteil: Die Mobilisierung aller parasitären Schichten, die sich von dieser neuen Betriebsweise Nachteile zu erwarten hatten bzw. untergegangene Vorteile („mare nostrum“) wiedergewinnen wollten. Mussolinis Sieg zu erklären, war das Hauptanliegen Gramscis in den „Gefängnisheften“.

Es ist Prof. Schneidewind zuzustimmen, wenn er schreibt „Und die Verteidiger von Demokratie und offenen Gesellschaften stehen da derzeit sehr blank da, haben sich vermeintlich zu lange in der Komfortzone eigener Hegemonie ihrer Welt- und Wertvorstellungen sicher gefühlt.“(S.7)  Die daraus abgeleitete Frage „Gibt es Wege, die Kraft der geschlossenen „Blasen“ insbesondere in den sozialen Medien noch zu sprengen?“ richtet sich daher auch an die scientific community, die liberale Klasse und auch an die Konservativen selbst. (Es ist eben nicht nur eine Frage von „wording“ oder „framing“).

Wo vor einem Jahr  2 Mio. gegen die Remigrationspläne auf die Straße gingen (12000 in Wuppertal), herrscht angesichts der Stadtbild-Bereinigungs-Phantasien des Kanzlers und der Wuppertaler Café Cosa-Debatte fast nur zustimmendes Schweigen. (Zur Erinnerung: Der mittlerweile wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung vorbestrafte französische Staatspräsident Sarkozy sprach vor 10 Jahren vom „Weg-Kärchern“ in den Vorstädten; seine Nachfolger sehen sich bei den Kommunalwahlen im März mit dem Rechtspopulismus als der stärksten Kraft konfrontiert.)

Das Arbeitsprogramm Prof. Schneidewinds setzt die richtigen Akzente, wenn es denn – im Sinne Gramscis – diese moralische Reform in eine ökonomische Reform einbettet: „Transformationswissen liefert Antwort auf Fragen wie die folgenden: Wie lässt sich Komplexität des Wandels steuern?          Was sind die Mechanismen, mit den Veränderungsprozesse immer wieder blockiert werden? Wie lässt sich ein solches Blockadewissen entlarven und Blockaden überwinden? Beim Transformationswissen geht es nicht nur um kognitive Wissensbestände, sondern auch um ein Verständnis von Energien, von Stimmungen, von Ästhetik, um Wandlungsprozesse zu verstehen und zu gestalten.“(S.8)

Das Grundproblem bei aller Anrufung der Demokratie bleibt, dass sie nämlich auf Grundlagen existiert, die sie selbst nicht garantieren kann (Böckenförde). Es bedarf einer materiellen Absicherung aller, die am Diskurs beteiligt sein sollen.

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Kommentare

  1. Bernhard Sander sagt:

    Für die etwas komplizierte Sprache bitte ich um Nachsicht. Es handelt sich um einen liegengebliebenen Brief an Herrn Schneidewind. – BS

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