05.04.2026

Pina Bausch Urban Wilderness Förderung

Wie viel Stadtentwicklung steckt wirklich dahinter?



Gute Nachrichten für die Stadtentwicklung in Wuppertal? Zumindest klingt es zunächst so: Wie die Stadt auf ihrer Homepage mitteilt, fördert die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) die Umgestaltung der Außenflächen rund um das Pina-Bausch-Zentrum mit 70.000 Euro. Unter dem Titel „Urban Wilderness“ ist ein 15-monatiges Modellprojekt gestartet.

Doch schaut man sich das Vorhaben etwas genauer an, stellt sich schnell die Frage: Wie viel tatsächliche Veränderung kann mit dieser Summe überhaupt erreicht werden?

Laut Projektbeschreibung geht es zunächst weniger um konkrete bauliche Maßnahmen als um Konzeptentwicklung, Experimente und Bürgerbeteiligung. Temporäre Begrünungen, Workshops, künstlerische Interventionen und Beteiligungsformate sollen den großen Platz rund um das künftige Kulturzentrum beleben. Erkenntnisse aus diesen Tests sollen später in die dauerhafte Gestaltung der Außenflächen einfließen.

Das klingt auf dem Papier sinnvoll. Allerdings relativiert die Fördersumme die Erwartungen schnell. 70.000 Euro sind im Kontext von Stadtentwicklung kein besonders großer Betrag – zumindest nicht, wenn damit sichtbare Veränderungen im öffentlichen Raum entstehen sollen. Ein erheblicher Teil dürfte in Organisation, Beteiligungsformate, Veranstaltungen und Dokumentation fließen.

Bleibt die Frage, was am Ende tatsächlich im Stadtraum sichtbar sein wird.

Mit etwas Fantasie lässt sich das Ergebnis bereits erahnen: ein paar bepflanzte Hochbeete aus Paletten oder Restholz, provisorische Sitzgelegenheiten und vielleicht einige mobile Pflanzkübel. Temporär, experimentell und partizipativ – aber möglicherweise auch mit der Ästhetik eines improvisierten Upcycling-Projekts. Solche Ansätze tauchen inzwischen in vielen Städten auf, wirken aber nicht immer wie eine überzeugende Gestaltung für prominente Orte.

Dabei gab es in Wuppertal erst kürzlich ein Beteiligungsformat, das sich ebenfalls mit der Innenstadt und dem Umfeld des Schauspielhauses beschäftigt hat: das Projekt „InnenStadtBand“. Die dort entstandenen architektonischen Entwürfe waren durchaus interessant und haben gezeigt, welche Qualität im öffentlichen Raum möglich wäre. Allerdings bewegen sich solche Ideen in ganz anderen finanziellen Dimensionen als 70.000 Euro.

Auch die bisherigen Planungen zum Pina-Bausch-Zentrum selbst haben bereits Impulse gegeben, wie das Umfeld künftig aussehen könnte. Umso spannender wäre es gewesen, frühzeitig stärker in dauerhafte Maßnahmen zu investieren.

Eine naheliegende Idee wäre zum Beispiel eine teilweise Entsiegelung der großen Pflasterflächen. Weniger Stein, mehr Boden – und darauf echte Bepflanzung mit Sträuchern, Stauden und Bäumen. Das würde nicht nur optisch mehr Qualität bringen, sondern auch einen echten Beitrag zum Stadtklima leisten.

Denn eines scheint inzwischen viele Menschen zu ermüden: die überall auftauchenden Holz- oder Palettenkübel, die als schnelle Begrünungslösung dienen sollen. Was als kreatives Upcycling gedacht ist, wirkt im öffentlichen Raum häufig eher provisorisch als hochwertig gestaltet.

Vielleicht liegt genau hier die eigentliche Herausforderung des Projekts: zu zeigen, dass Bürgerbeteiligung und temporäre Experimente mehr sein können als improvisierte Pflanzkisten. Wenn „Urban Wilderness“ tatsächlich neue Ideen hervorbringt, die später in eine dauerhafte, qualitätsvolle Gestaltung des Platzes einfließen, könnte das Projekt am Ende doch noch mehr sein als ein kleines Förderexperiment.

Bis dahin bleibt allerdings eine berechtigte Frage: Reichen 70.000 Euro wirklich aus, um rund um eines der wichtigsten Kulturprojekte der Stadt einen überzeugenden Eindruck zu hinterlassen? Was bedeutet eigentlich „Urban Wilderness“?

Für mich persönlich ist „Urban Wilderness“ eigentlich sehr einfach zu erklären: Es sind die Flächen, die sich die Natur im urbanen Raum zurückerobert.

Das kann der Löwenzahn sein, der sich zwischen den Fugen von Pflastersteinen oder Asphalt seinen Weg bahnt. Zusammen mit anderen sogenannten Beikräutern und Gräsern zeigt er, wozu Natur selbst unter schwierigsten Bedingungen in der Lage ist. Manchmal entstehen sogar kleine spontane Wälder – sogenannte „Tiny Forests“ – auf Brachflächen, in alten Industriearealen oder sogar auf Gebäuden.

Genau das ist für mich urbane Wildnis.

Denn sie entsteht dort, wo der Mensch Flächen nicht mehr intensiv nutzt. Die Natur nutzt jede kleine Lücke – und entwickelt daraus neue Lebensräume. Gleichzeitig ist das natürlich immer auch eine Frage der Perspektive: Was für die einen ungepflegt aussieht, ist für andere ein Stück zurückkehrende Natur mitten in der Stadt.

Spannend ist deshalb, dass parallel zu Projekten wie „Urban Wilderness“ aktuell auch eine ganz andere Entwicklung in Wuppertal zu beobachten ist. Oberbürgermeisterin Miriam Scherff hat gemeinsam mit der Abfallwirtschaftsgesellschaft Wuppertal (AWG) und dem Eigenbetrieb Straßenreinigung eine Sauberkeitsoffensive gestartet. Ziel ist es, die Sauberkeit und Aufenthaltsqualität auf stark genutzten Plätzen und in Grünanlagen zu verbessern. 

Dabei geht es allerdings nicht nur darum, Müll einzusammeln. Auch Grün in den Fugen von Pflasterflächen wird entfernt, Wege werden intensiver gereinigt und Flächen stärker gepflegt. Das mag ordentlich wirken – bedeutet aber gleichzeitig auch, dass genau die spontane Natur verschwindet, die viele Menschen als Teil urbaner Wildnis sehen.

Und hier entsteht ein interessanter Widerspruch: Während auf der einen Seite Projekte zur „Urban Wilderness“ gestartet werden, wird an anderer Stelle genau diese spontane Natur wieder entfernt – damit es sauber und ordentlich aussieht.

Doch ist eine komplett versiegelte Fläche aus grauen Betonpflastersteinen wirklich schöner?

Aus meiner persönlichen Sicht nicht. Vielmehr wäre es langfristig sinnvoller, manche Flächen bewusst zu entsiegeln. Weniger Pflaster, mehr Erde – und darauf echte Bepflanzung mit Sträuchern, Stauden und vielleicht sogar kleinen Bäumen.

Das würde nicht nur besser aussehen, sondern auch dem Stadtklima helfen.

Denn der Aufwand, jede einzelne Fuge von Pflanzen zu befreien, dürfte auf Dauer sogar höhere Kosten verursachen als manch kleines Förderprojekt. Während für „Urban Wilderness“ gerade einmal 70.000 Euro bereitstehen, wird gleichzeitig regelmäßig viel Geld und Arbeit investiert, um jede Spur von spontanem Grün aus dem Stadtbild zu entfernen.

Vielleicht lohnt sich deshalb eine grundsätzliche Frage:
Wie viel Wildnis verträgt eine Stadt eigentlich – und wo beginnt für uns Ordnung?

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Quellen: 

Auftakt Urban Wilderness: Rund ums Pina Bausch Zentrum wird’s grün! | Wuppertal

Sauberkeits-Offensive für Wuppertals Plätze und Parks | Wuppertal

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