02.05.2010

Zur politischen Protestkultur in Wuppertal

Seit 24 Jahren wird der sog. Autonome Erste Mai in Wuppertal aus Prinzip nicht behördlich angemeldet. - Ein beharren der Behörden auf "ordentliche" Anmeldung des traditionellen Ereignisses gerät zur Farce.

„Heraus zum Atonomen 1. Mai“

Unter diesem Motto findet jährlich ein Umzug in der Elberfelder Nordstadt statt.

Seit 24 Jahren wird der sog. Autonome Erste Mai in Wuppertal aus Prinzip nicht behördlich angemeldet. – Dieses wird mit einer fundamentalen demokratischen Freiheit begründet:  Niemand darf dazu gezwungen werden, für seine politische Meinungsäußerung eine behördliche Genehmigung einholen müssen. – In diesem Standpunkt erscheint ein Echo der deutschen Geschichte:

„Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas, wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen die sich noch eine Bahnsteigkarte!“ (Lenin)

Die Probleme des Umzugs in Elberfeld fangen an, wenn Polizei und Presse jedes Jahr darauf beharren, daß dem traditionellen autonomen 1. Mai-Umzug die ordentliche “Anmeldung” als Demo fehle. – Allein vom Gewohnheitsrecht her ist dieses Beharren einfach nur lächerlich und schikanös.

Dabei weiß jeder, was am 1. Mai in Wuppertal Elberfeld geschehen wird. Und alle – auch und gerade die Polizei – sind immer gut darauf vorbereitet.  (Wie in jedem Jahr gab es auch diesmal besonders gestaltete Plakate im Vorfeld.) – Das Autonome Maifest auf dem Schusterplatz Ölberg hat eine lange Tradition,  genauso wie der Umzug durch die Nordstadt mit Startpunkt Autonomes-Zentrum an der Gathe. – So what? – Glaubt ihr, die Leute machen dabei ihr eigenes Stadtviertel kaputt? – Eine absurde Annahme.

‘Reclaim the Streets’ – Der öffentliche Raum wird demokratisch belegt.

Autonom heißt eben autonom=selbstgesetzlich – Man muß den Standpunkt nicht mögen, aber man darf dafür demonstrieren und kann darüber reden.

Noch bis Mitte der 90er hat eine einfache Hundertschaft als obligatorische Begleitung des Demonstrationsumzugs ausgereicht. Der Zug ging damals schon friedlich seinen Weg über die Ottenbrucher Str. hinauf zum Schusterplatz. – Warum die Polizei in den letzten Jahren derart stark aufgerüstet hat, ist mir unverständlich.

Daß dieses Jahr nach der Ankunft des Zuges auf dem Schusterplatz sich eine Gruppe der Autonomen geschlossen und schnell entfernete, war aus meiner Sicht eine unnötige Provokation der Einsatzkräfte. – Andererseits darf sich hierzulande jeder Mensch frei bewegen! – Bei der Polizei brach plötzlich Hektik aus, Einsatzgruppen rückten schnell ab, um die sich frei bewegende (autonome) Gruppe zu verfolgen.  – Wie man hört, gab es später verletzte, die meines Erachtens nach der hektischen Betriebsamkeit geschuldet waren.

In der Zwischenzeit gab es auf dem Schusterplatz ein entspanntes Miteinander auf der Liegewiese mit Suppenküche, Musik und vielen Gesprächen.

Banner-Forderung: Raus aus dem KriegDie Verfolgungsaktion (in meinen Augen eine Art „Geländespiel“) endetete mit der Festsetzung einer Personengruppe in der Luisenstraße:

Eine Wertung der Ereignisse mag sich jeder selbst erstellen, nachdem er die Pressemeldungen beider Seiten begutachtet hat:

Pressemitteilung der Autonomen:
http://4woche.blogsport.de/2010/05/02/pm-zum-autonomen-1-mai-in-wuppertal/

Nicht über die Wupper gehen…
Recht auf Stadt und Straßen !
Recht auf ein würdiges Leben für alle !(B. Lamp)

Pressemitteilung der Polizei:
http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/11811/1606032/polizei_wuppertal

Meine Fotos und Bericht von gestern:
http://oelbergisch.de/2010/05/der-kessel-von-wuppertal/

Nochmal deutlich gesagt: Der traditionelle Mai-Umzug der Autonomen ist berechtigt und tut niemandem weh. – Im Gegenteil, mir als Bürger dieser Stadt würde etwas fehlen! Ich finde es für unsere Demokratie überaus wichtig, daß es hierzulande möglich ist, im Sinne des Zivilen Ungehorsams zu agieren. – Die Abschlußveranstaltung als Volxfest auf dem Schusterplatz ist immer entspannt, mit großem Hallo! und vielen Diskussionen.

Besonderen Dank von mir geht an die Landtagskandidatin der Partei Die Linke, Frau Gunhild Böth, die sich spontan als Vermittlerin und Beobachterin beim ”Wuppertaler Kessel” angeboten hat. – Dabei hatte ich erstmals das Gefühl, daß eine Politikerin sich um die Belange der Leute in ihrem Wahlkreis kümmert.

Um nicht zu vergessen, daß ein großteil der „autonomen“ Demonstranten sich am morgen mit ihren politischen Forderungen der offiziellen DGB-Demo angeschlossen hatten.

(P.S.: Gestern war auch erstmals ein Polizei-Hubschrauber dabei, der flog den ganzen Nachmittag über dem Ölberg und war einfach nur noch nervig.)

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Kommentare

  1. miesepeter sagt:

    ich frage mich, was die revolutionäre vorhut, die am selbst organisierten schusterplatzfest offenbar nicht teilnehmen wollte,angestrebt hat. Nur die Idee, um die straßen zu ziehen, scheint mir nicht plausibel, insbesondere in folgendem zusammenhang nicht: nach der ersten revolutionären Tat an diesem tag, dem alle-jahre-wieder-start ohne anmeldung und den zwei weiteren revolutionären Taten, den eigenen demonstrationswegen abweichend von der polizeivorgabe gab es alles in allem bis zum schusterplatz ein eher nachgiebiges verhalten des wahnwitzig aufgeblähten polizeiaufgebots. So erschien nicht nur mir die ankunft am schusterplatz ungewöhnlich zügig und erstaunlich konfliktlos, fast schon langweilig. Das tut dem revolutionären (und teilweise pubertären) ego aber gar nicht gut. Das konnte doch nicht alles gewesen sein oder ……..? na dann weiter so konstruktiv…..

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