30.03.2017

Neuer Glanz für Industriedenkmal in Wuppertal-Elberfeld

Krefelder Unternehmen investiert 2,2 Mio. Euro in ehemaliges Fabrikantenhaus und Fabrikgebäude

Die Straße Bornberg im Wuppertaler Stadtteil Elberfeld, genauer gesagt im Stadtbezirk Uellendahl-Katernberg, ist bekannt für ein ganz spezielles Industriegebäude: Die Fabrikanlage von Rudolf Wiemer. Die Krefelder „renaissance Immobilien und Beteiligungen AG“ kaufte den unter Denkmalschutz stehenden Komplex mitten im Gewerbegebiet mit seinen rund 1600 Quadratmeter Fläche im November 2016. Das Investitionsvolumen liegt bei mehr als 2,2 Millionen Euro, voraussichtlicher Sanierungs- und Baubeginn ist im Sommer 2017. Die Nutzung wird auf die zukünftigen Mieter angepasst, erste Verhandlungen mit Interessenten werden bereits geführt. Planung und Abstimmung mit den Baubehörden und dem Denkmalamt laufen bereits. Die Stadt Wuppertal, Ressort Stadtentwicklung und Städtebau, freut sich über das Sanierungsvorhaben. Denn nach Jahren des Stillstands wird das Gebäude einer neuen Nutzung zugeführt. Das Konzept der Brachflächenreaktivierung als Instrument der Stadterhaltung und nachhaltiger Innenentwicklung greift hier. Ausschlaggebend für den Kauf war laut Christian Baierl, Vorstand des Krefelder Immobilienunternehmens, zunächst die Begeisterung für die Architektur und die Historie der Gebäude.

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Luftbild, Uellendahl Bereich Arndtstraße, 1928
Foto: Amtliche Geodaten der Stadt Wuppertal, ©Ressort Vermessung, Katasteramt und Geodaten (RV-102-101)

Denn der Fabrikant Rudolf Wiemer errichtet hier am Bornberg 97 vor rund 120 Jahren im Wert von rund 6000 Mark eine Militäreffektenfabrik als zweieinhalb-geschossiges Fabrikgebäude mit einer Gießerei, einem Gerbereigebäude, einem Kesselhaus und einem Schuppen, um dort Uniformen, Zubehör wie Taschen mit Lederbesatz und Abzeichen zu produzieren. Zu diesem Zeitpunkt heißt die Straße noch Arndstraße und wird zwischen 1891 und 1892 ausgebaut. In Bornberg wird sie erst im Jahr 1935 umbenannt. 1894/95 findet sich erstmals der Kaufmann Rudolf Wiemer in den Stadtarchiven als Teilhaber der Firma „Wiemer & Scholar, Militär-effektenfabrik“ in der Distelbeckerstraße 48. 1901 taucht er schließlich in der Arndtstraße 79 unter der Bezeichnung „Militäreffektenfabrik“ auf. Die Arndtstraße 79 wird später zur Bornberg 97.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, an der Arndtstraße 78, später Bornberg 88-92, hat das Emaillierwerk „Schulze & Wehrmann“ seinen Firmensitz. Die 1893 gegründete Emailschilderfabrik stellt lichtechte und wetterbeständige Emailschilder mit dem Gütezeichen „Gladiator“ her. Großkunden sind die Post und die Eisenbahn, gefertigt werden Fahrplantafeln, Verkehrszeichen, Straßentafeln, Hausnummern sowie Emailplakate für Außenwerbung.

1907 findet sich unter der Arndtstraße 73, später Bornberg 95, der Eigentümer Rudolf Wiemer in den Archiven. Ein Jahr später lautet der vollständige Eintrag des Unternehmens: „Rudolf Wiemer, Abt. I: Fabrik für Militärausrüstungen, Leder- und Lederlackierfabrik; Abt. II: Bronze- und Metallwaren-Fabrik; Arndtstraße 73/79“. Doch bereits im März 1909 wird vor dem königlichen Amtsgericht ein Konkursverfahren gegen ihn eröffnet, das durch einen Zwangsvergleich ein Jahr später wieder aufgehoben wird.

Bornberg und Siedlung Kohlstraße
Foto: Amtliche Geodaten der Stadt Wuppertal, ©Ressort Vermessung, Katasteramt und Geodaten (RV-102-101)

Zur Zeit der Industrialisierung entsteht in und um Wuppertal die Hochburg der Textilindustrie. Firmen, die für das Deutsche Heer fertigen, gibt es in Elberfeld und Barmen jedoch nur einige wenige. Hier hat sich aber in den 1880er Jahren ein sehr starkes Konfektionsgewerbe entwickelt. Um 1900 ist es der zweitgrößte Gewerbezweig der Stadt mit mehr als 5000 Beschäftigten. In diesem Zuge sind wohl auch einige Firmen zur Fertigung von Militäreffekten übergegangen. Die Firma „Mühlenfeld & Co.“ aus Barmen soll, nach eigenen Werbeangaben, sogar die größte in Deutschland gewesen sein.

An der Arndstraße haben sich mittlerweile diverse Unternehmen angesiedelt. So das 1884 gegründete Unternehmen „E. Morgenroth“, Arndstraße 23-27. Die Mechanische Weberei von Strumpfbändern sowie Hosenträgerbändern hat sich auf die Fabrikation von Hosenträgern und Lederwaren spezialisiert. Produkte, die auch vom Militär in Auftrag gegeben werden. In der Nachkriegszeit 1949 ist am Bornberg 55-63 die „Bandfabrik August Leckebusch“ ansässig.

1910 taucht nun als Eigentümerin der Wiemer-Immobilien eine Dame aus Godesberg bei Bonn auf. Im Gebäude Arndtstraße 73 befinden sich noch einige Bewohner, während die Hausnummer 79 in den Unterlagen als unbewohnt vermerkt ist. Ein Jahr später zieht in die Hausnummer 73 nun das gegenüberliegende Emaillierwerk „Schulze & Wehrmann“ ein und in die daneben liegende Hausnummer 75/79 die „Elberfelder Gummiband-Industrie Bonse & Spies“. Im Jahre 1914 findet wieder ein Eigentümerwechsel statt. 1926 findet sich im Stadtarchiv die Angabe, dass die „Elberfelder Gummiband-Industrie“ das Eigentum am Gebäudekomplex Arndtstraße 73/79 übernommen hat, wobei das „Emaillierwerk Schulze & Wehrmann“ dort noch weiterhin ansässig ist. Im September 1931 stirbt der Kaufmann Otto Gustav Spies als Alleininhaber der „Elberfelder Gummiband-Industrie Bonse & Spies“. Drei Monate später wird ein Vergleichsverfahren über seinen Nachlass eröffnet, das im März 1932 wegen einem angenommenen Vergleich aufgehoben wird. Im Februar 1939 findet sich im Handelsregister des Amtsgerichts Wuppertal-Elberfeld, dass der Eintrag der Firma „Bonse & Spies“ erloschen ist.

Maschinenfabrik Hermann Hemscheidt, Fertigungsmaschine, ca. 1930
Foto: Wolfgang Nicke, Wuppertal ©Wolfgang Nicke, Wuppertal

Zwischen 1935 und 1937 erwirbt nun der Unternehmer Hermann Hemscheidt das Grundstück Bornberg 95-103, dazu gehört auch das Wohn- und Verwaltungs-gebäude der ehemaligen „Bandfabrik Bonse & Spies“. Seine im September 1929 gegründete Maschinenfabrik befindet sich seit 1936 am Bornberg 97/103. Mit 100 Mitarbeitern wird ein umfangreiches Ersatzteilprogramm für den Bergbau gefertigt, ferner werden komplette Bergwerksmaschinen wie Druckluftlokomotiven, Rutschenmotoren, Aufschiebeeinrichtungen und Wagenvorzieher hergestellt. Der im Jahr 1884 geborene Ingenieur Hermann Hemscheidt baut zusammen mit seinem Studienfreund Rudolf Schröder von 1919 bis zur beruflichen Trennung 1929 eine Abteilung für Bergwerkmaschinen in der Maschinenfabrik Rudolf Schröder in Wuppertal-Elberfeld auf. Danach besteht diese Abteilung als selbstständige Firma unter dem Namen „Maschinenfabrik Hermann Hemscheidt“ fort. Begonnen hatte alles 1927 mit dem Bau der sogenannten Gelben Halle. Zehn Jahre später wird bereits eine 4000 Quadratmeter große Fabrikationshalle gebaut. Nach dem 2. Weltkrieg -Hemscheidt wurde von den Bombardierungen verschont- hält sich das Unternehmen 1945 mit Notstands- und Reparaturarbeiten über Wasser, so hilft man auch bei der Instandsetzung der Wuppertaler Schwebebahn. 1946 stellt man den Varieté-Betrieben Wuppertal Räumlichkeiten unter dem Dach zur Verfügung, so dass im Plaza, den ehemaligen Kantinenräumen, im Mai des Jahres ein Sondergastspiel des „Nata Kaljan-Balletts“ stattfinden kann. Später mietet sich in die Fabrikräum-lichkeiten  übergangsweise auch der Süßwarenhandel Abraham Rübel ein.

1947 beginnt der erste Aufschwung mit der Produktion von Stoßdämpfern für Automobil- und Motorradfabriken. In der eigenen Lehrwerkstatt werden auch wieder Facharbeiter ausgebildet: Maschinen- und Stahlbauschlosser, Dreher sowie Technische Zeichner. 1954 zählt Hemscheidt wieder 550 Mitarbeiter und wendet sich einem weiteren Teilbereich der Mechanisierung unter Tage zu, dem Ausbau des Strebraumes mit sogenannten hydraulischen Stempeln. Zwischen 1957 und 1968 wird dann das letzte Teilstück des Mirker Baches auf dem Gelände verrohrt. Damit entsteht nun eine zusammenhängende Fläche zwischen Bornberg und Uellendahler Straße. Im selben Jahr ändert das Unternehmen seine Rechtsform von einer Einzelfirma in eine GmbH & Co. KG. 1970 hat man bereits knapp 790 Mitarbeiter, ein Jahr später klettert der Umsatz auf 120 Millionen DM und der Export steigt. Doch 1977 verschärft sich der Wettbewerb spürbar. Bis Mitte der 1990er Jahre bleibt die Firma Hemscheidt am Bornberg ansässig.

Zurück zur Architektur: Typisch für das unter Denkmalschutz stehende Gebäude ist die Fassade mit ihren markanten Rundbogenfenstern. Mit repräsen-tativem Anspruch wird um 1897 diese Straßenfassade in dem Gründerzeitareal gestaltet. Als Bautypus eines Fabrikgebäudes ist das Objekt ein Zeugnis für die Arbeits- und Produktionsverhältnisse um 1900. Damit war auch für das Wuppertaler Denkmalamt eine Erhaltung von öffentlichem Interesse.

Daneben, Hausnummer 95, befindet sich das dreigeschossige, spätgründer-zeitliche ehemalige Wohnhaus des Unternehmers Rudolf Wiemer, das 1904 errichtet wird. Hier fallen die beiden mittleren Fenster besonders ins Auge, die florale Jugendstilkomponenten und Köpfe mit Flügelhelmen zieren. Diese Schmuckelemente und die Attribute der geflügelten Helme weisen ganz bewusst auf die Herkunft des Bau-herrn als Kaufmann und Fabrikant hin, die gezielt nach außen zur Schau gestellt wird. Das Treppenhaus mit den originalen Bodenfliesen im Erdgeschoss ist im Wesentlichen noch erhalten, ebenso teilweise Deckenstuck.

Die Gebäude orientieren sich mit ihrer Rückseite zum Mirker Bach, während sie mit ihrer Frontseite zur Straße Bornberg, der früheren Arndtstraße, weisen. Der Bach und sein Tal trennen die heutige Wuppertaler Innenstadt von dem Bergrücken, an dem sich Uellendahl befindet. Die Arndtstraße wird um 1890, als die expandierende Industrie neue Flächen außerhalb des Wuppertales benötigt, parallel zum Mirker Bach erschlossen. Es siedeln sich in den folgenden Jahren wie erwähnt Gewerbebetriebe an, die an einer Straßenflucht erbaut werden, dies ist ganz typisch für die Gründerzeit.

Beide Gebäude bilden eine Gesamtanlage und veranschaulichen architek-tonisch den Übergang vom Gründerzeitstil (1870-1900) zum deutschen Jugendstil (1897-1914) und sind für Naja-Luisa Smolla, Chief Marketing Officer/CMO bei der renaissance Immobilien und Beteiligungen AG im Wuppertaler Büro und selber Wuppertalerin, hoch spannend: „Wir befinden uns hier an einem historischen Ort, denn die Besiedlung Uellendahls begann vor über 600 Jahren, nämlich etwa um das Jahr 1400. Mich hat sofort die Historie und natürlich die Architektur begeistert. Ich fühlte mich direkt verpflichtet hier zu sanieren, restaurieren und zu renovieren. Die Fassade ist einfach fantastisch. Was innen zu retten ist, wird gerettet. Was im Laufe der letzten Jahrzehnte unschön verbaut wurde und nicht mehr rückgängig zu machen ist, wollen wir in dem Gebäude adäquat architektonisch lösen. Das lässt sich auch gut mit der Nutzung vereinbaren. Fehlumbauten, wie der Hauseingang mit seiner unpassenden modernen Haustür, sind relativ leicht zu beheben. Andere Dinge sind wesentlich aufwändiger. Aber da gehen wir mit viel Sachverstand und Stilverlangen heran. Denn diese Gründerzeitarchitektur ist geradezu epochal und fand Eingang in die damalige Wohnkultur und behauptete sich bis in das 20. Jahrhundert, natürlich neben des zur ähnlichen Zeit aufkommenden Jugendstils.“

Die Historie des Gebäudes zu recherchieren war äußerst schwierig und zeit-intensiv. Hier galt es ein Puzzle an Informationen zusammenzusetzen. Hier haben der Bürgerverein Uellendahl e.V. und das Stadtarchiv Wuppertal wertvolle Hilfe geleistet.

Programm PLAZA Varieté-Betriebe, 1946
Bild: Maschinenfabrik Hermann Hemscheidt © Maschinenfabrik Hermann Hemscheidt

Erfahrung haben die Krefelder bereits in Wuppertal gesammelt, denn seit April 2014 sind sie mit einem Büro in der Stadt vertreten und haben bereits über 7,6 Millio-nen Euro in 250 leerstehende Wohnungen investiert. Auch auf die Verschönerung von Fassaden legen sie wert, denn sie wollen dazu beitragen, die Stadt auch optisch wieder ansehnlicher zu machen. Christian Baierl: „In der Immobiliensprache ist Wuppertal eine sogenannte B-Stadt, also nicht so hochpreisig wie München, Hamburg oder Frankfurt. Viele Investoren haben mittlerweile B-Städte für sich als lukrative Rendite-Objekte erkannt. Denn ein relativ geringer Kaufpreis in Relation zu wirklich sehr teuren Städten bedeutet gleichzeitig auch eine hohe Rendite für sie. Was bei der momentanen schlechten Verzinsung bei den Banken begehrt ist. Das ist wiederum gut für unser Unternehmen. Denn wir brauchen Geld und damit Investoren, um in Wuppertal und seine wunderschönen Gebäude investieren zu können, das tut wiederum der Stadt und den Mietern gut. Für uns zählt Wuppertal zu den sogenannten „hidden Champions“. Das ist als Win-Win-Situation zu sehen und zugleich eine echte Chance für die B-Städte wie Wuppertal mit seinen rund 360.000 Einwohnern und fast 200.000 Wohnungen. Denn wir arbeiten vorzugsweise mit regionalen und ansässigen Handwerksunternehmen zusammen, so werden Arbeitsplätze vor Ort gesichert. Das ist auch Teil des langjährigen Unternehmenskonzeptes.“

Wuppertal ist eine Stadt mit viel Charme und Geschichte. Hier war einst das Zentrum der Frühindustriealisierung auf dem europäischen Festland. Hier wurden bekannte Tapeten sowie Bodenbeläge für Büros produziert. Wunderschöne klassizistische Gebäude und Bauten des Historismus sind auch heute noch trotz der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg zu finden, das Briller Viertel ist eines der größten zusammenhängenden Villenviertel der Bundesrepublik Deutschland. Die Schwebebahn aus dem Eröffnungsjahr 1901 ist ein Wahrzeichen der Stadt und ein Meilenstein der Jahrhundertwendebauten. Zur Diskussion steht auch eine Seilbahn. Naja-Luisa Smolla: „Wuppertal ist jeden Tropfen Herzblut und Engagement wert!“

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