21.09.2016

Aufstrebende Stadt im Ural

Mitglieder des Freundeskreises "Wuppertal-Jekaterinburg" besuchten die aufstrebende Stadt im Ural. Martin Hamburger berichtet.

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Jekaterinburg – eine aufstrebende Stadt grüßt aus dem Ural
Vor einigen Tagen besuchten Mitglieder des Freundeskreises „Wuppertal – Jekaterinburg“ die aufstrebende Stadt im Ural in Russland mit mittlerweile 1,4 Mio. Einwohnern.

Eine interessante Woche liegt hinter der Wuppertaler Delegation mit Besuchen beim Oberstadtdirektor, beim deutschen Generalkonsul, bei der Rektorin der großen, ortsansässigen Agraruniversität und bei zwei Aidshilfeprojekten. Gerade die Aidsproblematik wird unter den großen russischen Teppich gekehrt – vor allem an Aids erkrankte Kinder müssen ihre Krankheit verschweigen und versuchen, möglichst normal und selbstverständlich am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, was aufgrund ihrer Infizierung nahezu unmöglich ist. Hier haben die Besucher aus Wuppertal für sich einen Hilfeauftrag mit nach Hause genommen. Auch wollen sie Kontaktmöglichkeiten zu deutschen Unis mit agrarwissenschaftlichen Bereichen für die Hochschule in Jekaterinburg ausloten.

Asien – Europa

Im Gepäck haben sie natürlich auch ein russisches Gastgeschenk für den Oberbürgermeister der „kleinen“ Partnerstadt Wuppertal – und ein Foto, das die besondere Beziehung zwischen Jekaterinburg und Wuppertal dokumentiert: Mit dem Hinweis Jekaterinburg – Wuppertal – 4100 km zeigt ein Schild an einem Mast am Grenzübergang von Europa nach Asien in Richtung Bergisches Land.

text: freundeskreis/ör

 

Bericht Visite Ekaterinburg
von Dr. Martin Hamburger

Vom 4. bis 10. September 2016 besuchte eine Wuppertaler Delegation des Freundeskreises Wuppertal – Ekaterinburg, der seit über 20 Jahren Kontakte zwischen den beiden Städten unterhält, die Partnerstadt am Ural. Ich nahm zum ersten Mal an einem dieser regelmässig stattfindenden Treffen teil und bin sehr dankbar für die vielen Eindrücke und besonders die persönlichen, freundschaftlichen und offenen Gespräche, die wir mit zahlreichen Verantwortungsträgern der unterschiedlichsten Ebenen führen konnten.

1. Zu den offiziellen Terminen gehörte die Begegnung mit Oberstadtdirektor Jakov, dem „starken Mann“ im Rathaus von Jekaterinburg. Nach den offiziellen Grußworten wurde ich von Jakov direkt in einen offenen Dialog gezogen, in dem wir die unterschiedlichen Standpunkte in der Sozialpolitik aufzeigten. Verfolgt Russland, und so auch die Lokalver¬waltung dieser expandierenden, mit 1,5 Mill Einwohner großen Stadt, eine restriktive Haltung gegenüber sozial benachteiligten Menschen, und besonders auch Migranten aus den südlich gelegenen ehemaligen GUS- Staaten, versuchte ich Verständnis für unsere Arbeitsmarktpolitik und besonders angesichts der aktuellen Flüchtlingsdebatte, für den deutschen Weg der offenen Grenzen zu gewinnen.

2. Desweiteren wurden wir vom deutschen Generalkonsul Dr. Stefan Keil empfangen, der gerade angesichts der gegenwärtigen Stagnation in den Beziehungen, besonders im Bereich des Handels, für die Beziehungen zwischen den beiden Städten auf unterschiedlichen Ebenen warb. Da der Freundeskreis sehr klein ist, kann er in erster Linie Verbindungen knüpfen, ohne selbst die Partnerschaftsbeziehungen aktiv gestalten zu können. So wurden mit dem Generalkonsul einige kleinere Projekte der Zusammenarbeit im kulturellen und sozialen Bereich vereinbart.

3. Wir nahmen auch Kontakt mit der evangelisch- lutherischen Gemeinde Ekaterinburg auf, die mit Unterstützung der Liebenzeller Mission eine für ihre bescheidenen Verhältnisse  beeindruckende Arbeit mit Straßenkindern durchführt. Die Schwerpunkte a) warme Mahlzeiten b) Kleidung und Hygiene sowie c) Evangeliums¬verkündigung erinnern an das  klassischen Muster von Verkündigung und Diakonie, z.B.  der deutschen Stadtmissionen oder der Heilsarmee.

4. David Kritschker, ein Presbyter der ev. lutherischen Gemeinde, ist beruflich an der großen Agraruniversität Ekaterinburg tätig, die mit 1.700 Studierenden für den gesamten landwirtschaftlichen Raum der Region Sverdlovsk zuständig ist. Er ermöglichte uns einen mehrstündigen Besuch der Universität, bei der uns die Rektorin die verschiedenen Fachbereiche zeigte, die gerade technisch auf dem neuesten Stand ist. Hat die gegenwärtige Sanktionspolitik der Europäer auf der einen Seite den Vorteil, dass Russland auf die eigenen landwirtschaftlichen Ressourcen setzt und so die Agrar-Uni bessere Finanzausstattungen erhält, so streben sie andererseits Kooperation gerade mit deutschen Universitäten an. Ein Kontakt zum Wuppertal Institut (im Blick auf Nachhaltigkeit) und zur Universität Hohenheim bei Stuttgart (im Blick auf die Studiengänge) soll von uns hergestellt werden.

5. Sozialdiakonischer Schwerpunkt der Reise war der Besuch von zwei HIV/Aids Projekten: Novoye Vremya in Ekaterinburg und UMKA in Suchoj Log. Nach offiziellen Angaben sind in Russland ca. 1 Mill Einwohner als HIV positiv registriert, die Dunkelziffer liegt bei mindestens einer weiteren Million. Zu den am stärksten betroffenen Regionen wird Sverdlovsk gezählt, das Gebiet von Ekaterinburg am Ural, man geht von 2% HIV Infizierten aus. Da das Thema HIV/Aids in Russland nicht öffentlich diskutiert und keine entsprechenden Aufklärungskampagnen wie in den westlichen europäischen Staaten durchgeführt werden, ist es für Hilfsorganisationen (NGO?s, Nichtregierungsorganisationen) äußerst schwierig, therapeutische Hilfe zu leisten. Zur allgemeinen Abwehrhaltung gegenüber „Aids“ in Russland kommen die aktuellen Probleme der NGO?s hinzu, als „westliche Agenten“ verdächtigt zu werden.
Novoye Vremya in Ekaterinburg wird von einer Ärztin geleitet, es ist unter den geschilderten Rahmenbedingungen relativ gut aufgestellt, erhält für die Arbeit mit HIV infizieren Menschen verschiedene Spendenmittel, u.a. von Brot für die Welt.
Anders UMKA: In der Kleinstadt Suchoj Log, ca 100 Kilometer östlich von Ekaterinburg, leben 35.000 Menschen. Unter der Leitung der Sozialarbeiterin Vera Antonova werden in UMKA mehr als 100 infizierte Frauen und derzeit ca. 50 ihrer infizierten Kinder in einer äußerst bescheiden eingerichteten Wohnung betreut. Zum einen geht es um die Existenzsicherung der ausgegrenzten Frauen durch das Ausbessern von Kleidung in einer Nähstube, zum anderen um die Begleitung der HIV infizierten Kinder. Sie bekommen zwar medizinische (medikamentöse) Hilfe, müssen die Krankheit aber verschweigen, zugleich ihr Leben entsprechend an ihre Gesundheit anpassen. Eine große pädagogische Herausforderung.

6. Zu unserem Reiseprogramm gehörte auch ein kultureller Tag. Zunächst der Besuch der Gedenkstätte für die Opfer des Terrors der Stalinzeit. In riesige Galerien von Steintafeln sind die Namen von 18 400 Opfern der Säuberungen in den Jahren zwischen 1937 und 1938 eingraviert, ganze Familien von Kleinkindern bis Großeltern wurden ausgelöscht. Ein bedrückender Ort. Wenige Kilometer entfernt ist die offizielle Grenze zwischen Europa und Asien an einer Wasserscheide des Ural festgelegt worden, der „Kontinentalübergang“ wird hier durch verschieden Rituale touristisch „gefeiert“. Ekaterinburg ist in die europäische Geschichte als Ort der Ermordung der letzten Zarenfamilie im Juli 1918 eingegangen. Sollte unter dem Kommunismus jedes Gedenken an die Romanows ausgelöscht werden, ist in den letzten Jahren das Gegenteil erfolgt: Am Ort der Ermordung in der Stadt wurde eine große Kathedrale zu Ehren des Zaren errichtet, und im (Wald)gebiet einer stillgelegten Eisenmine ca 15 Km außerhalb Ekaterinburgs, in der die Gebeine des Zaren, seiner Frau und der fünf Kinder verscharrt worden waren, entsteht derzeit ein großer Klosterkomplex mit sieben Kirchen, jeweils einem Familienmitglied gewidmet. Diese Bautätigkeit ist nicht Ausdruck weniger „Ewiggestriger“, die der Monarchie nachtrauern, sondern sie findet breite Unterstützung in der Bevölkerung, die hier ihre russische Identität, wechselnder Herrschaftsformen zum Trotz, gewürdigt sieht.

Dr. Martin Hamburger, im September 2016

text: hamburger/ör-wj
alle fotos: martin hamburger

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