19.09.2015

13. Bergischer Unternehmerkongress Alexander Gille Gunther Wölfges Oberbürgermeister Peter Jung Oliver Geisselhart Peter Vaupel Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer Wirtschaftsjunioren Wuppertal

Über Nobelpreisträger, die mit Bauklötzen gespielt haben

Mit gut 310 Gästen ist am 15. September der Bergische Unternehmerkongress der Wirtschaftsjunioren zum 13. Mal erfolgreich über die Bühne gegangen. Das Thema war „Das Gehirn im 21. Jahrhundert.“

Glashalle

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Neben Oberbürgermeister Peter Jung und zahlreichen anderen Ehrengästen, war auch die Remscheider Stadtspitze mit Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz bei dem diesjährigen Unternehmerkongress vertreten. Das freute den Vorstandsvorsitzenden der Wirtschaftsjunioren Alexander Gille, der für die Begrüßung seiner Ehrengäste gute fünf Minuten brauchte. Die lange Liste beweist einmal mehr, dass der Kongress inzwischen ein Termin ist, den niemand der bergischen Entscheider versäumen will.

Alexander GilleAlexander Gille ©Wilma Schrader

 

So nutzte Gille die große Runde, um die Hauptanliegen der Jungen Unternehmer vorzutragen. Die Flüchtlingsthematik lässt auch die junge Führungsriege nicht kalt. Sie wünschen sich eine konsequente Sprachförderung der Geflüchteten und ein Bleiberecht von zunächst zwei Jahren für sie. Weil in vielen Familienunternehmen zur Zeit der Staffelstab von den Älteren an die Jüngeren weiter gegeben wird, ist die Erbschaftssteuer ein weiteres großes Thema. Das Bundesverfassungsgericht hatte Ende vergangenen Jahres die alten Verschonungsregeln für Firmenerben gekippt. Das will Gille nicht hinnehmen: „Wir fordern die komplette Abschaffung der Erbschaftssteuer, denn sie vernichtet Arbeitsplätze und belastet die Unternehmen auf unzulässige Weise.“

Gunther WölfgesGunther Wölfges ©Wilma Schrader

Gemeinschaft stärken
Gunther Wölfges Hausherr und Vorstandsvorsitzender der Sparkasse freut sich in seiner Begrüßungsrede, den Kongress wieder in seiner schönen Glashalle berherbergen zu dürfen. Er tut dies auch deshalb so gerne, weil er mit der Tätigkeit der Sparkasse die Gemeinschaft innerhalb der Stadtgesellschaft stärken will: „Die Rahmenbedingungen und technologischen Möglichkeiten verändern sich, aber das Ziel unseres Denkens und Handelns bleibt: Wir wollen die Menschen und Unternehmen in Wuppertal mit dem was sie im Rahmen unserer Dienstleistungen für ihren Weg benötigen bestmöglichst versorgen und an ihrer Seite stehen. Ebenso wollen wir die Entwicklung der Gemeinschaft vor Ort fördern und unterstützen und so einen möglichst großen Nutzen für die Gemeinschaft stiften.“

Peter JungPeter Jung ©Wilma Schrader

Das Maß ist voll
Für Oberbürgermeister Peter Jung lieferte Gille die Steilvorlage für seine kurz gefasste Ansprache. Nachdem er die großartige Leistung der Wirtschaftsjunioren „jedes Jahr aufs Neue einen inspirierenden Kongress mit großartigen Rednern auf die Beine zu stellen“ gelobt hat, greift auch er die Flüchtlingsproblematik auf. Kämpferisch adressiert er an Bund und Land, dass es ungerecht sei, wenn die Haushaltskonsolidierung an den Ausgaben für die Flüchtlingshilfe scheitern sollte: „Es kann nicht sein, dass ausgerechnet Städte wie Wuppertal die auf einem guten Weg sind, ihr Ziel nicht erreichen können“ und fordert: „Lassen Sie uns in der Finanzierungsfrage nicht allein. Das Maß ist voll. Wir müssen uns dagegen deutlich wehren und wohl gemerkt so, dass dies nicht auf dem Rücken der Flüchtlinge ausgetragen wird.“

Alexander Gille und Peter VaupelAlexander Gille und Peter Vaupel ©Wilma Schrader

Als letzte Handlung vor den eigentlichen Vorträgen erhält Dr.h.c. Peter Vaupel, 14 Jahre Sparkassen-Chef und langjähriger Förderer des Kongresses von Alexander Gille die Ehrenmitgliedschaft der Wirtschaftsjunioren.

Manfred SpitzerManfred Spitzer ©Wilma Schrader

Das Training wird zum Speicher
Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer beginnt seinen komplexen Vortrag mit der Betrachtung von Rattenhirnen, denn anhand von Versuchen konnte an ihnen erstmalig nachgewiesen werden, dass sich die Anzahl der Synapsen – den Knotenpunkten, mit denen Neuronen sich vernetzen – vermehrt, je mehr ein Hirn trainiert wird. Spitzer schließt aus dieser Beobachtung, dass Verarbeiten und Speichern eines Sachverhalts ein und dasselbe ist. Ganz anders als beim Computer, der eine Festplatte zum Speichern und eine CPU zum Arbeiten benötigt, wird das Gehirn durch diese Art des Aufbaus immer besser. Denn je vielfältiger die Verknüpfungen werden und je mehr sich das neuronale Netz verdichtet, desto leichter lassen sich Informationen abrufen und desto mehr „Denk- und schließlich Handlungsmöglichkeiten“ hat das Individumm.

Londoner Taxifahrer sind die besten der Welt.
Wie nun lässt sich das Gehirn trainieren? Das Merken von Straßennamen und Sehenswürdigkeiten ist laut Spitzer eine Sache. An Londoner Taxifahrern, die sich 25.000 Straßennamen und 20.000 Sehenswürdigkeiten merken müssen, bevor sie zugelassen werden, haben wissenschaftliche Studien im Gehirnscan nachgewiesen, dass sich die Struktur im Hippocampus im Vergleich zum Zustand vor dem Lernprozess extrem verdichtet hat. Die wesentlich komplexere Aufgabe jedoch ist, das Erlernen von Sozialverhalten. Denn dabei sind die unterschiedlichsten Gehirnregionen aktiv. In Primatenversuchen waren die Gehirnstrukturen bei den Affen am dichtesten ausgebildet, die zuvor mit den meisten Tieren zusammen gelebt haben.

P1050402_Chart_spitzerDie Entwicklung des Gehirns von der Jugend bis zum Alter ©Foto: Wilma Schrader, Chart: Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer

Der Abstieg vom Mount Everest dauert länger.
Neuesten Erhebungen zufolge, verbringen Jugendliche heute ca. 7,5 Stunden täglich mit digitalen Medien, während sie nur 3,5 Stunden den Schulunterricht besuchen. Das ist, meint Spitzer, eine Katastrophe. Denn am Computer sind sehr wenige Gehirnareale aktiv. Weder die Fähigkeit Mimik zu entziffern, oder die Sprachmelodie zu deuten, werden trainiert. Das führt dazu, dass soziale Fähigkeiten wie beispielsweise Empathie immer weiter abnimmt. Bei tätlichen Auseinandersetzungen wird, als Folge davon, auch dann noch weiter geschlagen, wenn der Gegener schon regunglos am Boden liegt. Nachgewiesen ist auch, dass die wesentliche Struktur des Hirns in den ersten 20 Lebensjahren ausgebildet wird. Hat das Kind zum Beispiel eine zweite Sprache erlernt, ist es später leichter in der Lage, eine weitere zu erlernen. Und es wird noch besser, so Spitzer: „Haben Sie schon jemals den Satz gehört – ich kann schon 6 Sprachen, mein Speicher ist voll? Nein, haben Sie sicher nicht, denn das Gehirn ist in der Lage, einmal angelegte Verbindungen immer weiter zu verfeinern und auszubilden. Nur was brach liegt stirbt ab.“ Der große Vorteil bei ausgebildeten Gehirnen ist nach Spitzer auch, dass bei einer Krankheit wie bspw. Alzheimer der Abbau sehr viel langsamer abläuft, als bei Menschen ohne vergleichbare Anlagen. „Das ist ähnlich wie beim Abstieg vom Mount Evererst, oder einem kleinen Hügel im Bergischen. Der Abstieg vom Mount Everest dauert einfach länger.“

Nobelpreisträger haben mit Bauklötzen gespielt.
Abschließend appeliert Spitzer höchst emotional an alle, ihre Kinder nicht in sogenannte IPAD-Kindergärten zu schicken: „Sie sind der totale Quatsch. Man muß erst etwas wissen, wenn man googlen will. Wissen entsteht nicht indem man googelt, sondern indem Kinder gemeinsam mit anderen Häuser aus Bauklötzen bauen. Denn eines haben Nobelpreisträger gemeinsam – sie haben in ihrer Kindheit mit Bauklötzen gespielt. Auch Steve Jobs hätte – wenn er noch leben würde – seine Kinder nicht in einen IPAD-Kindergarten geschickt, sondern in einen, in dem nach Waldorf Prinzipien gelernt und gespielt wird. Das ist der neue Trend in Silicon Valley.“

P1050434_GeisselhartOliver Geisselhart ©Wilma Schrader

Emotionale Geschichten und Bilder sind ein Lernturbo
Nach dieser höchst kompakten Wissensinfusion von Spitzer, will Oliver Geisselhart zunächst vom Publikum wissen, ob er während seines Vortrages das Wort „geil“ benutzen darf und führt damit auf ein ganz anderes Terrain. Flappsig und emotional – das ist Methode bei seinem Lernansatz. Denn welches sind die wichtigsten Fragen im Leben, will er wissen? „Überleben! Genau, und die Fortpflanzung.“ Es sind die emotionalen Geschichten und die Bilder dazu, die sich einprägen. Sie sind ein Merktubo für das Hirn.

Zunächst geht es in seinem Vortrag darum, sich ohne Zettel eine Reihe von Dingen einprägen zu können, die nacheinander erledigt werden sollen. Um zu verdeutlichen wie sein Prinzip funktioniert, beginnt er, eine seltsame Geschichte zu erzählen: „Stellen Sie sich vor: Sie stehen auf! Es ist ist Nacht, es ist noch dunkel und kalt. Sie gehen in den Keller, holen den Rasenmäher, befestigen eine Kerze darauf. Sie wollen ja etwas sehen. Dann beginnen Sie den Rasen hinter Ihrem Haus zu mähen, Bahn für Bahn. Sie sind nackt dabei und frösteln. Nachdem Sie fertig sind, kleiden Sie sich an und fahren in die Stadt. Denn Sie haben ein Termin beim Frisör. Der setzt Ihnen einen Schwan auf den Kopf und frisiert Ihnen mit dessen Flügeln das Haar …

Die MerkbilderDie Merkbilder ©Foto: Wilma Schrader, Chart: Oliver Geisselhart

Geschichten müssen Merk-Würdig sein
Um sich Dinge merken zu können, müssen Geschichten laut Geisselhart skurill sein. Erst dann werden sie im wahrsten Sinne des Wortes Merk-Würdig. Zudem müssen sie zur jeweiligen Person und deren Welt passen. Als Unterstützung für das Lernexperiment bietet Geisselhart eine Reihe von 10 einfachen Bildern an. Das sind beispielsweise ein Ei, eine Kerze, ein Schwan, ein Dreizack oder eine Hand. Mit diesen und mehr Bildern, soll der Lernende seine Merkliste immer wieder durch möglichst seltsame Geschichten verknüpfen. „Das geht so weit, dass Sie jedes Mal wenn Sie eine Kerze sehen, an Rasenmähen denken müssen – und das noch nach Monaten.“

200 Vokabeln in einer Stunde lernen sind kein Hexenwerk
Auf eine ähnliche Weise lassen sich Vokabeln lernen. 200 in einer Stunde sind kein Hexenwerk verspricht Geisselhart. Mit dem Bild einer Kuh, die sich wäscht, demonstriert er was er meint: „Vache ist Französisch und bedeutet im Deutschen die Kuh.“ Oder Namen – sie zerlegt er in bildhafte Sinneinheiten. Beispiel Heike: Hei für (High = berauscht) ke als Abkürzung für Keller. In der Geisselhart-Geschichte raucht Heike also gerne einen Joint im Keller und ist danach High. Wichtig ist, dass die selbsterfundenen Regeln immer gleich bleiben. Geisselhart: „Am Anfang wird das ganze noch ein wenig holprig ablaufen – je mehr Sie aber üben, desto schneller lernen Sie. Das verspreche ich Ihnen.“ Als Abschluss macht er noch einen kleinen Abstecher in das deutsche Lehreruniversum und stichelt: „Wichtig ist auch, sich Wissen nicht nach Lehrplänen eintrichtern zu wollen. Denn nur wenn Lernen Spaß macht, das heißt mit positiven Emotionen verbunden ist, ist es effektiv. Daraus folgert auch, dass Lehrer auf dem Holzweg sind, wenn sie Schüler mit ihren Fehlern traktieren, anstatt sie für Ihr Können zu loben. Das gilt im Übrigen auch für die Führung von Mitarbeitern.“

Spitzer und Geisselhart – so unterschiedlich sie auch sind – haben eines gemeinsam. Sie begeistern sich für das eigene Tun, sind Überzeugungstäter und erzählen gute Geschichten. Das macht sie zu überzeugenden Referenten und diesen Unternehmerkongress zu einem Abend mit hohem Erkenntnisgewinn, inspirierenden Gesprächen, erfolgreicher Netzwerkverdichtung und unvergesslich.

Wirtschaftsjunioren

www.bergischer-unternehmerkongress.de
www.wj-wuppertal.de

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