22.05.2015

Unbedingt leben

Jedes Jahr infizieren sich laut offiziellen Zahlen zehn Menschen im Raum Wuppertal mit HIV. Wir haben mit einem von ihnen gesprochen.

Talwaerts_HIV_Reiner Arens lebt mit HIV_Malis-4Als Reiner sein Coming-Out hat, ist Homosexualität ein noch schwierigeres Thema als es das heute ist. „Mit meinen Eltern habe ich nie explizit darüber gesprochen. Die hätten sich nicht dazu äußern können“, erzählt er. 1987 zieht er von Bochum nach Wuppertal, um sich mit genügend Distanz zu Familie und Heimat in seiner Sexualität auszuprobieren.

Im selben Jahr hat er seinen ersten sexuellen Kontakt mit einem Mann. HIV und Aids sind zu diesem Zeitpunkt noch ganz weit weg, stellen scheinbar keine konkrete Bedrohung dar. Als er einige Monate später erfährt, dass dieser Mann an Aids erkrankt ist, erscheint es Reiner unwahrscheinlich, sich bei ihm angesteckt zu haben. „Es herrschte damals der Glaube, dass nach einer Infektion ganz schnell Symptome auftreten und dann auch der Tod nicht mehr weit ist.“ Er hingegen habe sich gut gefühlt, keine gesundheitlichen Probleme gehabt.

Irgendwann jedoch fällt Reiner in ein tiefes Loch. Die Perspektivlosigkeit und die stete Angst vor Infektionen und Krankheiten werden zu einer so großen psychischen Belastung, dass der Tod eine willkommene Erlösung zu sein scheint. Anders als die Ärzte ihm Prophezeit haben, ist aber nach zwei Jahren nicht einfach Schluss, und Reiner entwickelt neuen Lebensmut. „Dann kam eine richtige Trotzphase“, sagt er. „Ich wollte unbedingt weiter leben.“ Er beginnt wieder zu arbeiten, um sich zu seiner kleinen Rente etwas dazu zu verdienen und versucht, sich mit der Krankheit einzurichten. Nur den wenigsten erzählt er jedoch davon.

Wie Reiner, hält der überwiegende Teil der Betroffenen die HIV-Infektion geheim, bestätigt Daniel Viebach von der Aids-Hilfe Wuppertal. Zu groß sei die Angst vor Diskriminierung am Arbeitsplatz oder im sozialen Umfeld. Ein häufig auftretendes Problem sei außerdem die abwertende Behandlung durch Ärzte und Sprechstundenhilfen, deren Unwissenheit und Angst vor einer Ansteckung sich in einem übervorsichtigen Umgang mit dem Betroffenen zeige, erklärt Viebach. In solchen Fällen setzt die Aids-Hilfe ein Schreiben an die Ärztekammer auf, um den jeweiligen Arzt zur Rede zu stellen. Allerdings sei dabei meist schwer auszumachen, ob es sich um bloße Unwissenheit oder um bewusste Herabwürdigung des Betroffenen handele.

„Früher ging es für die Aids-Hilfe darum, wie man Betroffene gut bis in den Tod begleiten kann. Heute hingegen stellt sich die Frage, wie Betroffene gut alt werden können“, erklärt Viebach. Tatsächlich sind es die typischen Altersleiden, die Reiner heute zu schaffen machen. Abgesehen von erhöhten Cholesterinwerten und Bluthochdruck, gehe es ihm gut, sagt er. Seit einigen Jahren schon verdient er sich als Fitnesstrainer etwas dazu. Das sei gut, um regelmäßig rauszukommen. Außerdem sind sein heutiger Partner und er begeisterte Standardtänzer beim Düsseldorfer TSC conTAKT, einem Verein insbesondere für Frauen- und Männerpaare. Das Leben besteht schließlich nicht nur aus einer HIV-Infektion.

„Obwohl mittlerweile innerhalb weniger Sekunden eindeutige Informationen über das Internet abrufbar sind, glauben einige, dass man HIV-Positiven die Erkrankung ansehen könne, und dass man sich nicht einen Becher mit ihnen teilen dürfe“, erzählt Reiner. „Das Thema ist für viele einfach nicht aktuell.“

Dass das Thema jedoch nicht an Wichtigkeit verloren hat, zeigen die Zahlen des Robert-Koch-Instituts. Demnach gibt es 2013 deutschlandweit etwa 3200 HIV-Neuinfektionen, 10 davon werden im Raum Wuppertal gemeldet. Der Großteil der Neuinfektionen wird bereits im ersten Jahr nach der Ansteckung erkannt. Ein Drittel hingegen erst, wenn bereits erste Symptome auftreten, die Erkrankung also schon vorangeschritten ist. Die Anzahl der unentdeckten HIV-Infektionen wird in der Bundesrepublik auf 14.000 geschätzt.

HIV ist ein schwieriges Thema für eine Unterhaltung zwischen Tür und Angel. „In unserem Freundeskreis gibt es im Umgang überhaupt keine Probleme“, erklärt Reiners Partner. „Bei konkreten Fragen zu seiner Erkrankung, sprechen unsere Freunde jedoch eher mich an.“ Für viele Menschen ist HIV weiterhin ein Tabuthema, der offene Umgang damit löst häufig Verunsicherung aus. Auch Reiner will sich auf solche Gespräche vorbereiten können. „Die Angst vor diskriminierenden Reaktionen schwingt immer mit“, sagt er.

Text: Miriam Rehling

Der Artikel ist ein gekürzter Auszug aus der neuen Ausgabe der talwaerts, Wuppertals Wochenzeitung. Den vollständigen Artikel lesen Sie in der neuen Ausgabe, die immer freitags erscheint. Überall, wo es Zeitschriften gibt und unter www.talwaerts-zeitung.de

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