19.07.2011

Freifunk Rheinland e.V. Hartz IV Internet Jelly Week Piratenpartei

Free the Rooters – freie Netze sind möglich

Ein Gespräch auf der 2. Wuppertaler Jelly Week über freie Bürgernetze und darüber was Kirchturmspitzen damit zu tun haben.

Jetzt ist sie schon wieder über eine Woche her: Die 2. Jelly Week im Haus der Jugend in Wuppertal Barmen. Es war eine beeindruckende Woche – voll mit neuen Einsichten und einer Vielzahl von neuen Kontakten. Die Ahnung, dass ein temporär gemieteter Schreibtisch den eigenen Projekten völlig neue Impulse geben könnte, provoziert den Wunsch nach einem ständigen „Coworking Space“ in Wuppertal – je eher desto besser. Auch weil ein solcher Ort Menschen anzuziehen scheint, die neu denken und andere Wege als die althergebrachten gehen wollen. Einer von ihnen heißt Ralf Glörfeld – ein freundlicher Mensch und ein Mann mit Nerven wie Drahtseile. Während der Woche war er zuständig für die technische Infrastruktur der Jelly Week.

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Foto: privat

Ralf Glörfeld ist Wuppertaler, arbeitet in Düsseldorf und ist dort interner IT Dienstleister bei einem lokalen Energieversorger. Vor etwa 6 Jahren ist ihm das erste Mal das Thema Freifunk begegnet und hat ihn seither nicht mehr los gelassen. Kern der Freifunkidee ist, allen Menschen Zugang zu den modernen Kommunikationstechnologien zu ermöglichen und Bürgernetze zu bilden. Überall dort, wo im ländlichen Raum die technische Infrastruktur nicht vorhanden ist  – der Grund dafür: 1 km Breitbandinternet kosten einen großen Telekommunikationsanbieter 50.000 Euro – der Hartz IV Satz nicht ausreicht, um den Zugang zum Internet zu bezahlen, oder es zu teuer ist, ein Haus komplett zu verkabeln – Freifunk kann mit einfachen Mitteln das notwendige Netz für Telefonie oder das Internet zur Verfügung stellen.

Ralf was macht Dir am Freifunk Spaß?
Ich tüftele und entwickle gerne gemeinsam mit Anderen Lösungen. Außerdem ist es spannend Ansprechpartner zu finden und Standorte für den Freifunk auszusuchen. Man kommt in Kontakt mit Menschen, mit denen man sonst nie zu tun hätte. Aktuell verhandeln wir mit ein paar Gemeinden. Und der Freifunk ist einfach eine gute Idee, die jeder nutzen kann und dabei so einfach ist.

Wann machst Du das alles noch neben deiner Arbeit? Ich habe gehört, dass Du noch ein paar andere Interessen pflegst!
20% meiner Freizeit geht auf Kosten von Freifunk. Es gibt aber auch noch die Themen Coworking, Hackerspace und die Piratenpartei an denen ich mich beteilige. Ich brauche nicht viel Schlaf!

Ein bisschen Technik. Wie baut man ein solches Netz auf?
Für den Aufbau des Netzes werden handelsübliche Router genutzt, die mit einer von den Freifunkern geschriebenen Software bespielt werden. Wir befreien die Router quasi, denn danach können sie sich selbstständig miteinander verbinden, oder wie wir sagen – vermaschen. (Zwischenruf eines Tischnachbarn: „Free the Rooters. „) Je mehr Geräte zur Verfügung stehen, desto sicherer und schneller wird das Netz. Um größere Entfernungen zu überbrücken, werden Sichtverbindungen benötigt, um mit speziellen Antennen Richtfunkverbindungen aufzubauen. Diese können dann auch mehrere Kilometer entfernt sein. Daher sind Kirchturmspitzen bevorzugte Orte für das Anbringen der Router. Weil der Freifunk sozial Benachteiligten hilft, finden die Freifunker bei den Gemeinden oftmals Gehör.

Da sollte Wuppertal mit seinen vielen Kirchen ein wunderbarer Ort für Freifunk sein. Wie weit seit ihr? Wie viele Freifunker gibt es in Wuppertal?

Momentan haben wir 5 Standorte in Barmen und einen in der „Rakete“. Der nächste Schritt wird sein, alle Standorte in Barmen zu vernetzen. Wir sind 8 Aktive, leider nur Jungens und seit ca. 1,5 Jahren dabei. Momentan wollen wir uns an dem Wettbewerb der WSW „Wir Wuppen das“ beteiligen und arbeiten dafür ein Konzept aus.

Gibt es Vorbilder?
In Leipzig und Berlin sind einige Stadtteile inzwischen komplett mit Freifunk abgedeckt. Sie unterstützen uns. Dort sind beispielsweise Vertragsentwürfe mit Kirchen entwickelt worden. Besonders die Berliner sind stark in der Entwicklung von neuen Funktionalitäten und Software für stabil laufende Geräte.

Freifunk hat aber auch rechtlich ein Problem!
Der Vorteil der Freifunktechnologie – ihre Offenheit – ist zugleich auch ein Problem.  Menschen mit krimineller Energie können das Netz für den Austausch von illegal erworbenen Daten nutzen. In Deutschland gibt es eine so genannte Störerhaftung. D.H. der Betreiber eines solchen Gerätes kann abgemahnt werden. Aber auch dafür bietet der Freifunk e.V. Strategien und Techniken, um die Betreiber der Router zu schützen.

Der Name Freifunk e.V. klingt ein bisschen nach Radio, romantischem Freibeutertum und Kleingärtnerverein und so gar nicht nach moderner Kommunikation!
Ja – kann sein. Wir wollen und können das aber nicht ändern. Der Name ist schon lange eingeführt, das Netzwerk schon relativ groß und alle nutzen die Marke inzwischen sehr konsequent.

Ihr habt für die Gründung des Vereins etwa 1/2 Jahr gebraucht – das ist ziemlich lang!
Das Finanzamt hat die Gemeinnützigkeit sofort anerkannt. Aber das Amtsgericht hatte ein paar Probleme. Erst mussten wir Unterlagen nachreichen, dann hat ein Praktikant unseren Antrag verschlampt und schließlich ist ein Postfahrzeug mit der Anerkennung unseres Vereins abgebrannt.

Nicht nur das Amtsgericht, auch die Technik scheint manchmal tückisch zu sein. Einige Besucher der Jelly Week sind ständig aus dem Netz geflogen! Wie kommt das?
Manchmal gibt es so genannte schwarze Löcher – bspw. wenn ein Handy auf einer ähnlichen Frequenz funkt. Dann verschwinden die Daten einfach. Das mag hier auch eine Rolle gespielt haben, aber der Hauptgrund ist, dass ich leider aus Versehen eine zu neue Version der Software auf den Router gespielt habe. Die hatte noch einen Bug. Die „alte“ läuft einwandfrei.

Kaum ist das letzte Wort gesagt, wartet schon der nächste Gast der Jelly Week auf Hilfe. Sein Computer findet den Drucker nicht. Ralf Glörfeld hört sich die Ausführungen des Hilfesuchenden geduldig an und begleitet ihn zu seinem Tisch. Mein nächster Tischnachbar klebt ein „Post it“ auf meinen Rechner: „Free the Rooters“, steht auf dem gelben Zettel, grinst breit und schlendert vor die Türe, um eine Zigarette zu rauchen. ‚Back to the roots‘, Amateurfunk, Graswurzelrevolution und Basisdemokratie – die sich einstellende Assoziationskette passt. Die Jelly Week war keine perfekt organisierte Veranstaltung, aber genau diese Unorganisiertheit schaffte den Spielraum für kreatives Arbeiten, die Entwicklung jeder Menge guter Ideen und das Knüpfen neuer Netze.

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