„Schöne Zeiten, schlimme Zeiten“

Das Nachwort von Klaus Goebel zu einer bemerkenswerten Veröffentlichung

Reinhard Meis bestimmte seine Erinnerungen „Schöne Zeiten, schlimme Zeiten“ zunächst für Kinder und Enkel, zu denen sich inzwischen Urenkel gesellt haben. Sie und einige Verwandte und Freunde sollten vor allem seine ersten beiden Lebensjahrzehnte kennenlernen. Doch es erging ihm wie anderen Autobiographen, die nur für einen kleinen Kreis zu schreiben gedachten. Wer seine Aufzeichnungen las, gewann die Überzeugung, dass der Rückblick auf die Jugend eine größere Leserschaft verdiente.
Denn der Verfasser hat nicht nur Erinnerungen niedergeschrieben, die man gespannt verfolgt, sondern eine einzigartige Epoche der deutschen Geschichte in den Blick genommen: Weimarer Republik, Nazijahre, Zweiter Weltkrieg und frühe Nachkriegszeit. Jedes Stichwort birgt eine eigene Dramatik, und Reinhard Meis gibt jedem eine persönliche Färbung. Weil er sich vorgenommen hat, ehrlich niederzuschreiben, was ihm vor Augen stand, nichts zu beschönigen und nichts zu entschuldigen, erfahren wir auch von der Hitler- und Kriegsbegeisterung des jungen Mannes. Reinhard Meis wollte sich als Hitlerjunge und Soldat „für Führer und Volk“ einsetzen.

Auf diese Weise traten Einflüsse von Hitlerjugend und allgegenwärtiger nationalsozialistischer Propaganda zutage, die ihm nicht in die Wiege gelegt waren, genauer gesagt: die ihm das Elternhaus nicht mitgegeben hatte. Denn die Eltern erwiesen sich allen nationalsozialistischen Einflüssen gegenüber als immun. Der Vater war nach dem Ende der Monarchie als junger Lehrer Mitglied der SPD geworden und wurde zum Schulrat der Stadt Barmen berufen. Die von ihm loyal und parteiübergreifend wahrgenommene Aufgabe setzte er in der 1929 gebildeten größeren Stadt Wuppertal fort, verlor sie jedoch unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtergreifung, als die Stadtverwaltung auf strammen Parteikurs gebracht wurde. Machtlos mussten die Eltern zusehen, der Vater zumal, wie ihr Junge NS-Verführern anheimfiel. Aufklärende Gespräche mit dem Sohn verboten sich, wie Reinhard Meis offen darstellt. Zu groß war die Gefahr, dass der Hitlerjunge zum Denunzianten wird und die Eltern um Arbeit und Brot bringt. Die Leitung einer Schule hatte Max Meis ohnehin nur schweren Herzens übernommen, um mit seiner Familie überleben zu können.
Seine Erinnerungen an den Kriegseinsatz als 17-jähriger Marinesoldat ergänzen die Darstellungen von Bernd Bölscher zur Beteiligung der Kriegsmarine am Landkrieg in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs.

Lebensdaten
Reinhard Meis, geb. am 1. Mai 1927 in Barmen, legte nach Rückkehr vom Kriegseinsatz 1947 das Abitur am Gymnasium Siegesstraße, Wuppertal-Barmen (heute mit dem Zusatz „Gymnasium Johannes Rau“) ab. Von 1947 bis 1949 studierte an der 1946 neu gegründeten Pädagogischen Akademie Wuppertal, die bis zum Umzug auf die Hardt 1957 im Schulgebäude Thorner Straße untergebracht war. Nach diesen vier Semestern war Meis Volksschullehrer an mehreren Barmer Schulen und Rektor der Volksschule Sedanstraße. 1967 wurde er Schulrat in Düsseldorf und wechselte 1969 in das Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen. Dort war er Regierungsdirektor, Ministerialrat und Leitender Ministerialrat. 1989 trat er in den Ruhestand. Seinen Wohnsitz behielt er mit seiner Familie in Wuppertal-Barmen.
Am 4. August 1950 hatte er Marlis Wardenbach aus Unterbarmen geheiratet, die 1929 dort das Licht der Welt erblickte. Das Ehepaar feierte 2020 die Gnadenhochzeit, das siebzigjährige Hochzeitsjubiläum. Der Ehe entsprossen vier Töchter mit vier Enkeln und vier Urenkeln.
Die Eltern von Reinhard Meis waren Hedwig Meis geb. Brand, geb. 7. Oktober 1889, gest. 3. Oktober 1968 und Max Meis, geb. 23. August 1883, gest. 23. April 1948. Hedwig Brand und Max Meis heirateten 1923. Der ältere Sohn, Reinhards einziger Bruder Fritz Meis, geb. 31. Mai 1925, gest. 21. Januar 2008, ging als Oberstudiendirektor (Lehrfächer Kunsterziehung und Biologie) und Leiter eines Bezirksseminars zur Ausbildung von Gymnasiallehrern in den Ruhestand.
Reinhard Meis wurde 1958 Mitglied der SPD. Er gehörte von 1964 bis 1969 dem Rat der Stadt Wuppertal an. Dort war er u. a. Mitglied des Schulausschusses, von 1961 bis 1969 zunächst als Bürgervertreter.
Wie sein Bruder Fritz, der Kunst studiert hatte, war Reinhard Meis als Maler auch ausübender Künstler. Die Motive seiner Gemälde suchte er vorwiegend in Landschaft und Architektur, beteiligte sich an Ausstellungen und hatte die Freude, dass manches Bild verkauft wurde.
Reinhard Meis starb am 7. Oktober 2020 in Wuppertal-Barmen und wurde auf dem evangelischen Friedhof Unterbarmen beigesetzt. KLAUS GOEBEL

Reinhard Meis, Schöne Zeiten, schlimme Zeiten. Erinnerungen 1927 bis 1947, Norderstedt: BoD 2021, 128 S., ISBN 978-3-7526-3479-2, 9,99 Euro.

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