Auf dem Weg zum Erinnerungsort

Wie kann eine KZ-Gedenkstätte aussehen, wenn nur wenig Historisches übrig ist? Antworten fanden Mitglieder der Kemna-Projektgruppe[nbsp] jetzt im niedersächsischen Esterwegen.

Mitglieder der Kemna-Projektgruppe: Philipp Strößer, Benjamin Thunecke, Dr. Ulrike Schrader, Michael Sengstmann, Dr. David Mintert, Barbara Herfurth und Dr. Sebastian Weitkamp (v.l.)

Im Juli 1933 entstand am Stadtrand von Wuppertal das Konzentrationslager Kemna. Bis zu 3000 Gegner des Naziregimes waren dort bis Anfang Februar 1934 inhaftiert. Nur ein Mahnmal erinnert an das grausame Lager. Nun soll in einigen Jahren eine Gedenkstätte auf dem ehemaligen KZ-Gelände entstehen, das der Gesamtverband der evangelischen Kirchengemeinden in Wuppertal gekauft hat. Doch wie gestaltet man einen Erinnerungsort, von dem nur wenig Historisches übrig ist?

Ein gelungenes Beispiel bietet die niedersächsische KZ-Gedenkstätte Esterwegen. Einige Mitglieder der Kemna-Projektgruppe des Kirchenkreises holten sich daher auf einer Führung mit dem Leiter der Gedenkstätte, Dr. Sebastian Weitkamp, erste Anregungen für den Umbau des ehemaligen KZ-Geländes in Wuppertal. Superintendentin Ilka Federschmidt konnte aufgrund einer Erkrankung leider nicht dabei sein.

Zwangsarbeit im Moor

Esterwegen gehört – genau wie Kemna – zu den ersten Konzentrationslagern, die die Nationalsozialisten 1933 errichteten. Ab August inhaftierten die nationalsozialistische Führung und der preußische Staat in dem für 2.000 Häftlinge angelegten Lager vor allem politische Gegner und setzten sie zur Zwangsarbeit in der Moorkultivierung ein.

Stahlplatten statt Mauern: Eingang zur Gedankstätte Esterwegen

Im Frühsommer 1934 wurde das Lager zum alleinigen KZ der SS, die es bis 1936 zum zweitgrößten Konzentrationslager im Deutschen Reich nach dem KZ Dachau ausbaute, um es bereits im Oktober 1936 als Strafgefangenenlager weiterzuführen. Nach Kriegsende 1945 wurde es zunächst als Lager für Kriegsverbrecher genutzt, dann für Flüchtlinge aus der sowjetisch besetzten Zone, um letztlich bis 2001 als Nachschub-Depot der Bundeswehr zu dienen. Mit dem Ergebnis, dass vom damaligen KZ-Lager kaum noch Spuren übrig waren.

Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Kemna in Wuppertal stehen zumindest noch das Hauptgebäude und ein Anbau. „Damit haben Sie es deutlich leichter, denn unser Gelände war damals weder zugänglich noch nutzbar. Wir mussten also neu überlegen, wie wir daraus einen anschaulichen Erinnerungsort machen konnten“, berichtete Weitkamp.

Bäume statt Baracken

In Esterwegen entschied man sich bewusst gegen eine originalgetreue Rekonstruktion, sondern setzte auf eine Museumsarchitektur, mit der die Besucher:innen zum Nachdenken angeregt werden sollen.

Baumgruppen symbolisieren die Häftlingsbaracken

Große, rostüberzogene Stahlplatten kennzeichnen heute markante Punkte wie Lagermauern, Wachtürme und Tore. Weite Flächen sind mit Lavasteinen bedeckt, die mit ihrer dunklen Farbe an das Moor erinnern, welches das Lager einmal umgab. Hier mussten die Gefangenen bis zu zwölf Stunden täglich Torf stechen oder Böden kultivieren.

Wo einst die Baracken für jeweils mehr als 100 Gefangene standen, sind rechteckige Bauminseln gepflanzt. „Diese Bäume sind so lebendig wie die Menschen, die dort zusammengepfercht leben mussten“, erklärte Weitkamp.

Fotowand mit Zeitzeugen

Zu den prominentesten politischen Gefangenen des Lagers gehörten Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky (1889-1938), der SPD-Fraktionsvorsitzende im preußischen Landtag Ernst Heilmann und der Reichstagsabgeordnete Julius Leber. Im Ausstellungsbereich des Besucherinformationszentrums hängen ihre Portraits unter den schwarz-weißen Fotos von etwa 240 Zeitzeugen. Schautafeln und Zitate zeigen, welche Menschen dort gelitten haben.

Fotowand mit Zeitzeugen-Portraits

„Symbole statt Nachbauten im Außengelände zu nutzen, aber im Innenbereich die persönlichen Geschichten der Inhaftierten lebendig werden zu lassen, ist ein spannendes Konzept“, meinte Barbara Herfurth, Projektleiterin der Ausstellung zur Barmer Theologische Erklärung in der Gemarker Kirche.

Grenzen der Gedenkstätten-Arbeit

Der Leiter der Gedenkstätte Esterwegen ermutigte die Projektgruppe, mit möglichst viel Kreativität an die Gestaltung der Gedenkstätte Kemna heranzugehen, aber sich auch darüber klar zu sein, „dass Gedenkstätten keine Impfstationen gegen rechts“ sind. „Ein Erinnerungsort kann nur ein Baustein im Kampf gegen den zunehmenden Rechtsextremismus und Antisemitismus sein. Gleichwohl ist er enorm wichtig.“

Mit der konkreten Planung der neuen Gedenkstätte wird die Projektgruppe, zu der neben Vertreter:innen des Kirchenkreises auch der Historiker Dr. David Mintert und die Leiterin der Begegnungsstätte Alte Synagoge Wuppertal, Dr. Ulrike Schrader, gehören, im Herbst beginnen. Dann sind die bauhistorischen Untersuchungen auf dem Gelände abgeschlossen und in einer sogenannten „Machbarkeitsstudie“ zusammengefasst.

Text: Sabine Damaschke
Fotos: Barbara Herfurth

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