29.01.2020

In diesen Tagen werde ich erinnert…

In der WZ-Kolumne (24.1.) erinnert sich Superintendentin Ilka Federschmidt an eine Begegnung mit einem Überlebenenden im ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz.

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In diesen Tagen werde ich erinnert.
In einer Fernsehdokumentation wird das Auge des Zuschauers auf das Eingangstor des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz gelenkt, mit der furchtbar zynischen Überschrift „Arbeit macht frei“.

1980 mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste

Als junge Freiwillige der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste habe ich davor gestanden, 1980, vor bald 40 Jahren. Ich erinnere mich, wie zugleich beklemmend und unwirklich es wahr, an diesem Ort zu sein. Wir haben sie gesehen, die furchtbaren Zeitzeugnisse, aber das Begreifen wollte einfach nicht mitkommen.

Hier war es. Hier wurden weit über eine Million Menschen grausam umgebracht, die allermeisten von ihnen, weil sie Juden waren. Ich erinnere mich auch, wie sich die Beklemmung und Verunsicherung in unserer Gruppe in hilflosen Reaktionen entlud; da waren Tränen, verlegenes Kichern, coole Fassade, Verstummen.

Sechs Tage verbrachten wir in der Gedenkstätte, halfen den Mitarbeitern und zugleich uns selbst, indem wir kleine Gräben für Telefonkabel mit Spaten und Schüppe aushuben.

Eine Begegnung, die berührte

Aber es war dann eine Begegnung, die uns zugleich sehr berührt und sehr geholfen hat. Ein alter, weißhaariger Mann, einer, der das Lager wie durch ein Wunder überlebt hatte, der an den Ort zurück gekehrt war, um Besucherinnen und Besuchern von dem Unfassbaren zu erzählen, um darüber selbst seinen Albträumen etwas von ihrer Macht zu nehmen. Freundlich, gütig, uns jungen Deutschen ohne Vorbehalt zugewandt, erzählte er.

Die erschlagend unendliche Zahl der Namen und Häftlingsnummern bekam ein ganz wirkliches Gesicht, und Gott sei Dank ein lebendes. Kichern, coole Fassade, aber auch die aufgewühlten Tränen kamen zur Ruhe bei dem Erzählen seines persönlichen Schicksals.

Als hätte Gott die Begegnung berührt

Kopf und Herz bekamen eine Chance, sich bewusst zu machen: Hier war es. Hier hat er das erlebt. Und unzählige Menschen mit ihm.

Am Ende sagte er uns, unglaublich genug: „Hier habe ich meinen Frieden wieder gefunden.“ Diesen Satz werde ich nie vergessen. Es war für mich, als hätte in dem Augenblick Gott unsere Begegnung berührt, wie ein Wunder. Es war wie eine Vergebung, unfassbar, nicht für mich persönlich, aber für mein Land.

Und zugleich waren da und bleiben bis heute die Fragen, die man wohl schmerzlich so offen lassen muss: Wie viele verzweifelte Gebete mögen hier um ein Wunder, um Rettung gefleht haben?

Wurde auch ihr Glaube an Gott ermodet?

Bei wieviel ermordeten Jüdinnen und Juden wurde auch ihr Glaube an Gott, den Gott Israels, ermordet? Haben andere in dieser Hölle in aller Verzweiflung Gott an ihrer Seite glauben können – oder als den, der das alles mit ihnen erlitt?

In diesen Tagen werden wir erinnert. Vor 75 Jahren befreite die Rote Armee die Menschen, die das Konzentrationslager Auschwitz so gerade eben physisch überlebt hatten.

Eine offene Wunde

In der Vergangenheit reden wir davon. Aber wie wenig Zeit ist, gemessen an dem unfassbaren Morden, in Wahrheit seither vergangen? Das wird mir neu bewusst.

Wie könnte das Geschehene „geheilt“, überwunden sein?
Ich wünschte es mir.

Aber ich kann nur ahnen, wie bei jüdischen Freunden und Nachbarn jede antisemitische Rede, die Zunahme antijüdischer Hetze und Vorbehalte im Internet und auf der Straße, wie in eine offene Wunde treffen. Auch in unserer Stadt.

Bereitschaft, sich erinnern zu lassen

Ich begreife, dass in nur 75 Jahren nach Auschwitz kein Vertrauen jüdischer Menschen in unsere gemeinsame Gesellschaft gewachsen sein kann, das nicht sehr zerbrechlich ist. Und mir wird immer klarer: Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit brauchen die Bereitschaft, sich erinnern zu lassen. Zugleich entstehen sie nicht allein durch erschüttertes Gedenken.

Sie wollen erarbeitet und bewährt werden. Sie brauchen ein glaubwürdiges persönliches und gesellschaftliches Pfand, etwas von uns allen selbst. Indem wir eintreten gegen antisemitisches Denken, Reden und Handeln. Indem wir deutlich, auch ganz persönlich, in unserem Alltag, widersprechen. Indem wir Kontakt suchen, zuhören. Indem wir uns interessieren für jüdisches Leben heute, hier.

Bedeutung des Staates Israel verstehen

Auch, indem wir bereit sind zu verstehen, welche Bedeutung die Existenz des Staates Israel für Jüdinnen und Juden in aller Welt hat. Indem wir alle das Unsere tun, damit jüdische Nachbarn sagen können: Ich finde hier Frieden.
Die von mir damals empfundene Vergebung stirbt, wenn sie uns nicht Verpflichtung wird.

In diesen Tagen werden wir erinnert.
Dies Erinnern tut uns selber not für ein Leben in Vergebung, in Versöhnung und Frieden heute. Um Gottes und der Menschen Willen.

Ilka Federschmidt
Superintendentin

Der Text ist erschienen in der WZ-Wuppertal am 24. Januar 2020.

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