23.12.2017

„De tocht van de 3.000“ aus Roermond

Kleine Delegation aus Wuppertal fährt am 30.12.2017 zur Gedenkwanderung nach Roermond.

Es ist nur wenig bekannt, dass die Wehrmacht Ende 1944 Zehntausende von Niederländern kidnappte und vorzugsweise über das Durchgangslager am Giebel nach Deutschland zur Zwangsarbeit verschleppte.

In Roermond hatten Fallschirmjäger vor Weihnachten zunächst erfolglos die männliche Bevölkerung mit Plakaten aufgerufen, sich für die Zwangsarbeit registrieren zu lassen. Viele versteckten sich daraufhin bei Verwandten oder tauchten unter. Als ein Versteck von 13 „Onderduikers“ an die Deutschen verraten wurde, statuierte die Wehrmacht ein Exempel zu Weihnachten.
Ein Standgericht verurteilte die Männer zum Tode und ließ sie an den folgenden Tagen exekutieren. Gleichzeitig wurden unter der Androhung der Todesstrafe alle Roermonder zwischen 16 und 60 Jahren aufgerufen, sich am 30.12.1944 vor der Ortskommandantur zu sammeln. Als „Marsch der 3.000“ („De tocht van de 3.000“) ist die Nacht zum 31.12.1944 in die Erinnerung der Roermonder Bevölkerung eingegangen.
Etwa 3.000 Jungen und Männer wurden gezwungen, in dieser Nacht unter Bewachung nach Dülken zu marschieren. Als künftige Zwangsarbeiter mussten sie in der unüberdachten Radrennbahn bei Bodenfrost und Schnee ausharren, bis sie am nächsten Tag mit dem Zug ins Lager am Giebel nach Wuppertal gebracht wurden. Dann gerieten sie in den Vohwinkeler Bombenangriff. Sie wurden direkt am folgenden Tag zu Aufräumarbeiten am Rangierbahnhof eingesetzt und sie erlebten sogleich die Erschießung eines polnischen Zwangsarbeiters, der sich Nahrung aus einem Trümmergrundstück „angeeignet“ hatte. Nach nur wenigen Tagen am Giebel wurden die Roermonder schließlich in andere Städte zur Zwangsarbeit verteilt. Die meisten hatten nur ein Ziel: So schnell wie möglich stiften zu gehen und einen oft gefährlichen Weg zurück in die nahe Heimat zu finden.

Zwangsarbeiter-Lager am Giebel
Das Lager war vor seiner Nutzung als Durchgangslager ein städtisches Obdachlosenasyl für etwa 230 Personen und wurde in der Wirtschaftskrise eingerichtet. 1940 wurde es als Kriegsgefangenlager genutzt und mit 1200 sowjetischen und französischen Soldaten belegt. Anfang 1942 wurde es dann zu einem von 50 Durchgangslagern im Reich, in dem zunächst russische Zwangsarbeiter untergebracht wurden. Über 125.000 Menschen wurden von hier zur Zwangsarbeit verteilt, die Bedingungen waren katastrophal und menschenverachtend. 135 Menschen und circa 40 Kinder starben an diesem Ort. Die Zwangsarbeiter wurden auch zur Enttrümmerung von bombardierten Stadtteilen eingesetzt, hatten aber kein Anrecht auf Schutz in den Bunkern, was zur einem starken Anstieg der Todesrate ab 1942 führte.
ZwangsarbeiterInnen berichten:
„Das war wirklich ein Drecksloch, und nach ein paar Tagen waren wir völlig verlaust“, so der ehemalige Zwangsarbeiter Wiel Tulmans in seinem Tagebuch. Der Niederländer Tulmans wurde als 14 jähriger, zusammen mit etwa 3.000 Leidensgenossen, von der Wehrmacht bei so genannten Kirchenrazzien im Oktober 1944 in Limburg gekidnappt und nach Wuppertal deportiert.
„Als wir in Deutschland ankamen, wurden wir im Lager Giebel in Wuppertal untergebracht. Zuerst wurden in das Lager so viele Ostarbeiter getrieben, dass es keinen Platz mehr zum Liegen gab,“ berichtet Evgenija Ivanovna M.„Wir konnten nur sitzen, einer neben dem anderen, dann wurden wir in Baracken untergebracht, die aus Holz waren, wir schliefen zu zwei Personen auf blanken Pritschen in drei Stöcken, der Raum wurde nicht geheizt, und wir wuschen uns in einem Bach, (…) an den Füßen trugen wir Holzschuhe und unsere Kleidung hatte auf der Schulter oder am Ärmel die Aufschrift ‚OST‘“. „Das Lager war dreireihig mit Stacheldraht umzäunt, durch den Strom floss, da standen Polizisten, die uns ständig schlugen, aber unter uns Ostarbeitern waren Mutige, die aus dem Lager flohen. Aber sie wurden alle gefangen und in ein Konzentrationslager gesteckt. Wir haben nichts mehr von ihnen gehört und sie bis heute nicht wiedergesehen. Als wir im Lager Giebel waren, arbeiteten wir bei der Trümmerräumung in Wuppertal, Elberfeld, Vohwinkel, Remscheid, Barmen, Oberbarmen usw. Nach Bombardierungen räumten wir Ruinen, reparierten Straßen und Straßenbahnen. Während der Bombardierungen wurden wir nicht in den Bunker gelassen, die Bewohner selbst schlugen uns, trieben uns hinaus und brüllten uns an ‚Jude‘“. (E. Ivanovna M.,)
„Unter Bewachung wurden wir nach Deutschland gebracht, nach Wuppertal, da war ein großes Verteilungslager, sehr große Baracken, Pritschen in vier Etagen, Essen bekamen wir einmal täglich. Zu diesem großen Lager kamen Fabrikanten und Bauern. Die Bauern hatten die Auswahl wie beim Vieh auf dem Markt. Und den Fabrikanten wurden sie in Reihen aufgestellt und abgezählt, wie viele Personen der Fabrikant forderte.“ (Marija F. Dozenko)
„Quälend langsam krochen die Stunden dahin. Als die Türen endlich aufgeschlossen wurden, war der Morgen schon ein gehöriges Stück vorgerückt. Doch das Gefühl von Erleichterung hielt noch keine Minute an.“
Lagerregime
„Lagerleben und Tagesroutine ließen solche Empfindungen nicht zu. Unter wüstem Gebrüll und Geschimpfe der Bewacher – überwiegend ukrainische Freiwillige – mussten alle antreten. Dem Drecksvolk war offensichtlich alles daran gelegen, bei den deutschen Vorgesetzten einen Stein im Brett zu haben. Grauenhafte Szenen spielten sich ab. Feixend sahen sie zu, wie ein Hund einen polnischen oder russischen Gefangenen fürchterlich zurichtete. Den beiden limburgischen Gruppen (…) hielt der ‚Lagerführer‘ eine kurze Rede. Er stellte ihnen eine Behandlung als freie Niederländer in Aussicht, mit Rechten und Verpflegung wie die Deutschen. Wer inzwischen den Wert solcher Zusagen aus dem Mund von Nazis schätzen gelernt hatte, wusste, dass dieser Schurke das Gegenteil meinte.“
Waschgelegenheiten kannte das Lager nicht, wohl eine Latrine: „Solch eine Schweinerei habe ich nie gesehen, und einen derartigen Gestank habe ich noch nie im Leben gerochen. Wenn du reinkamst, fielst du so was von um von der Luft, die da hing. Die fürchterliche Latrine bestand aus einer langen Rinne, ungefähr anderthalb Meter breit und einen halben Meter tief. Darin lag der Kot von mindestens zwei Jahren. Jeder Tritt, den du machtest, war in Kot und Urin. Über zwei Meter Länge waren Pfähle in den Boden geschlagen und in Höhe von einem halben Meter war ein runder Balken draufgeschlagen, zu schmutzig, um darauf zu stehen, geschweige denn zu sitzen. Auf jeder Seite war Platz für zehn Mann. Auf Kommando mussten wir die Hosen herunterlassen für die eventuelle Notdurft. Bei den meisten ging es von selbst wegen der Angst.“ (Cammaert: Sporen)

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