03.11.2016

Die 1966er von Münstereifel Harald Bongart Horst A. Wessel Thomas Wolters

Als „1968“ begann

Im Mittelpunkt stehen die Beiträge der 15 Abiturienten, die im Herbst 1966 am damals Staatlichen altsprachlichen St.-Michael-Gymnasium in Münstereifel ihre allgemeine Hochschulreife erwarben; zum weitaus überwiegenden Teil hatten diese im Erzbischöflichen Konvikt gewohnt.

Sie lassen 50 Jahre danach ihre Zeit im „Kasten“ und auf der Penne in aller Offenheit und Subjektivität Revue passieren.

 

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Jedem von ihnen wurden von dem Hauptherausgeber die gleichen Fragen zu den Lehrern sowie dem Leben in der Schule und im Internat gestellt. Es ist bemerkenswert, wie unterschiedlich, manchmal sogar gegensätzlich die Antworten ausfallen. Es fällt auf, dass keiner von ihnen den aktuell häufig in Verbindung mit Internaten – auch im Zusammenhang mit dem Erzbischöflichen Konvikt in Münstereifel – diskutierten Missbrauch erwähnt. Statt dessen macht einer von ihnen in einem gesonderten Beitrag „einige persönliche Bemerkungen … zur Missbrauchssituation“, die an der Fragwürdigkeit der im Hinblick auf Münstereifel erhobenen pauschalen Vorwürfe keine Zweifel lassen. Hier weiß der Autor seine Mitabiturienten geschlossen hinter sich.

Verwundert liest man die Feststellung des Klassenlehrers, die Klasse habe keinerlei Zusammenhalt und, abgesehen vom Fußball, auch keine gemeinsamen Interessen gehabt; keiner der Schüler trete durch herausragende Leistungen hervor. Wörtlich heißt es: „Der Gesamteindruck ist nicht gerade positiv. Jeder Lehrer hat wohl schon manche verzweifelte Stunde in dieser Klasse erlebt, in der es trotz eifrigsten Bemühens nicht gelang, den Funken überspringen zu lassen und geistige Bewegung auszulösen.“ Dem widerspricht diese Veröffentlichung in gleich doppelter Hinsicht. Zum einen schon allein dadurch, dass sie auf diese Weise als gemeinsames Werk zustande gekommen ist. Zu anderen durch die darin dokumentierten gemeinsamen Unternehmungen, die diese Abiturienten in den letzten 50 Jahren vorzuweisen haben.

Und was die Leistungen anbetrifft, so zeigt der berufliche Werdegang dieser damals jungen Menschen – Studienräte, Ärzte, diplomierte Volks- und Landwirte, Journalisten, ein Bischof –, dass die schulische Ausbildung und die Erziehung im Konvikt so schlecht nicht gewesen sein können. Vielleicht hat auch der Klassenlehrer damals etwas davon gespürt; denn er stellte in seinem Gutachten schließlich fest: „Wenn man sie außerhalb des Klassenraumes erlebt und mit ihnen einzeln spricht, sind die meisten so prächtige, lebendige und offene Jungen, dass man nur schwer begreift, warum sie im Unterricht oft so träge und passiv sind.“

Bewusst stellen der Herausgeber und der Autor eines Gastbeitrags eine Verbindung mit den „68ern“ her. Es scheint in der Tat, dass in Münstereifel schon einige Jahre früher eine Generation heranwuchs, die Überkommenes samt denen, die dieses vertraten, in Frage stellte und, wenn ihr Aufbegehren nicht die gewünschte Wirkung hatte, die Mitarbeit verweigerte. Aber auch daran haben Schule und Konvikt ihren Anteil.

In diesen Zusammenhang gehören auch die Kapitel „Die Klasse in ihrer Schule“ mit den Beiträgen zu den Mitgliedern des Schulkollegiums und „Die Klasse und die Stadt“ mit Ausführungen zur höheren Mädchenschule in Münstereifel und zur Stadt in diesen Jahren. „Zwischengestreut“ sind Münstereifel-Gedichte und das von einem der 1966er, bezeichnenderweise dem Bischof, bei früheren Treffen vorgetragene Lied „Vom Ritter Prunz zu Prunzelschütz“.

Ein Personenregister ermöglicht den schnellen Zugriff.

Es ist eine kurzweilige Lektüre, die vielfach zum Nachdenken Anlass gibt – die Veröffentlichung hat einen Nachteil: Sie ist zu klein gedruckt!                                             HORST A. WESSEL

 

Matthias Dohmen/Harald Bongart/Thomas Wolters (Hrsg.), Die 1966er von Münstereifel. Zwischen „Kasten“ und St. Michael – Bilanz und Rückblick auf 50 Jahre Reife, Wuppertal: Momberger 2016, ISBN 978-3-940439-73-4, 134 S., Euro 9,80.

 

Der Rezensent ist in mehrfacher Hinsicht kompetent und kommt in dem Buch selbst zu Wort: „August Guddorf und die Rote Kapelle. Ein Interview“, Seite 32-34.

 

 

 

 

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