Eine bittere und gleichzeitig wunderschöne Fluchtgeschichte

„33 Bogen und ein Teehaus“ übrigens im iranischen Isfahan: Unser Buch des Monats führt uns zu den Flüssen Pripjat, Zayandeh Rud, zu Spree, Havel, Rhein und Neckar sowie an den Dnepr.

Und an das türkische Marmarameer.

Eine iranische Familie, gut betucht, sieht sich angesichts der Schrecken der Herrschaft des Ayatollah Khomeini gezwungen, 1985 die Heimat zu verlassen und kommt via DDR und Westberlin in die Bundesrepublik. Die ersten Tage im Wohnheim sind sehr ernüchternd und irriterend, doch Schritt für Schritt, zwischen Tagesschau und KaDeWe, normalisiert sich das Leben.

zaeri

30 Jahre später schreibt die mittlerweile arrivierte und ehrenamtlich in der Flüchtlingsbewegung engagierte Mehrnousch Zaeri-Esfahani ihre und ihrer Familie Geschichte auf. Es ist wie in Tausendundeiner Nacht oder bei Rafik Schami. Grausame Realität trifft auf poetische Bilder, Kinder werden Erwachsene, eigene Initiative macht bürokratische Willkür wett. Allein die Episode mit dem Staubsaugervertreter, der den halben Teppich gratis säubert und für die zweite Hälfte Geld haben will (Seite 137), rechtfertigt die Herausgabe.

Die 1974 geborene Autorin, deren Buch im Wuppertaler Peter-Hammer-Verlag erschienen ist, hat 2002 den Demokratiepreis des Deutschen Bundestages und zehn Jahre später den Innovationspreis der Diakonie Baden erhalten, letzteren für den Aufbau eines kostenlosen Dolmetscherpools.

Nicht von ungefähr blickt sie auf den beiden letzten Seiten zurück auf der ukrainischen Stadt Pripjat Kinder, deren Sehnsucht „nach den Liedern, den Gerüchen und den Bildern“ der alten Heimat sie auf ihre Weise teilt. Und möge sie, die längst hier heimisch Gewordene, Recht haben mit ihrer Antwort auf die Frage der WZ, was mit den Rechtsradikalen sei: „Pegida ist eine Entzündung am Rande der Gesellschaft. Sie wird uns nicht schaden, sie macht uns wach“ (1.3.2016, S. 28).

MATTHIAS DOHMEN

 

Mehrnousch Zaeri-Esfahani, 33 Bogen und ein Teehaus, Wuppertal: Peter Hammer 2016, ISBN 978-3-7795-0522-8, 148 S., Euro 14,90, www.peter-hammer-verlag.de.

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Kommentare

  1. Hoja sagt:

    werter Herr Dohmen, in der Tat ein sehr guter Kulturtipp zum Thema ‚Flucht‘ und wahrscheinlich ein sehr lesenswertes Buch dazu. Ich bin nun motiviert, es zu lesen. Danke!
    Anbei habe ich gleichermaßen in eigener Sache einen Beitrag dazu vorzustellen. Besprochen wurde das Buch: ‚Wartesäle der Poesie‘ bereits in der WR, was aber sicher an dieser Stelle auch lohnenswert wäre.
    http://www.wuppertaler-rundschau.de/kultur/frauen-im-exil-frau-mit-gipsbein-aid-1.5767306
    Der Autor Roland Hoja arbeitet selbst auch ehrenamtlich in der heutigen Flüchtlingshilfe.
    mit besten Grüssen
    Roland Hoja

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