07.03.2016

Buch der Woche matthias dohmen Rufmord Wolfgang Gehrcke

„Rufmord gegenüber den Linken“

Über den Antisemitismusvorwurf schreibt Wolfgang Gehrcke MdB. Auf jeden Fall ein spannender Text und unser Buch der Woche.

Kritik an Israel zu üben, ist nicht immer einfach bei der politischen Hypothek, die den Nachgeborenen der deutsche Faschismus hinterlassen hat. Gleichwohl kann die Linke auch und gerade dem Staat Israel – reden wir konkret vom Regierungschef Netanjahu – nicht jede Palästinenser-feindliche Aktivität quasi durchgehen lassen, steckt doch dahinter die Idee eines „jüdischen Staates“, der mithin keine Heimat mehr denjenigen böte, die Arabisch sprechen.

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gehrcke

Gehrcke, der 1961 mit 18 Jahren der seinerzeit bereits illegalen KPD beitrat, die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend mitbegründete und seit 1990/91 führende Funktionen in der Partei Die Linke bekleidet, macht in dem Buch und in einem nachgeschobenen erklärenden Interview (www.nachdenkseiten.de/?p=25805) rund zehn so genannte Leitmedien, etwa gleich viele Stiftungen sowie die Münchener Sicherheitskonferenz, die Atlantik-Brücke und weitere „informelle Netzwerke“ für die Diffamierungen der Linken als (Mit-) Träger des Antisemitismus verantwortlich. Dies erscheint hier und da eine Spur zu monokausal, gehört – pars pro toto – Gehrcke doch selbst ausweislich seiner Biographie auf den Seiten des Deutschen Bundestages dem Stiftungsrat der von ihm dem „Kartell“ zugeordneten Stiftung Wissenschaft und Politik an.

Ausgesprochen nützlich sind das erste und das sechste Kapitel, in denen er es unternimmt, den Antisemitismus und seine Geschichte zu beschreiben; ausgesprochen materialreich auch das Kapitel über „Jagdszenen“ auf Günter Grass, Jakob Augstein, die Gruppe attac und andere. Überhaupt handelt es sich im guten Sinne um ein Arbeitsbuch, in dem man etwa nachlesen kann, wie Karl Marx und Friedrich Engels zu den Juden gestanden haben. Gehrcke blendet dabei keineswegs aus, dass es unter Linken, zeitweilig auch an führender Stelle, Antisemiten gab (vor allem Seite 147) und es im so genannten Ostblock widerliche antijüdische Kampagnen gab. Dass in den Zeiten des Kalten Krieges Kommunisten wie der Düsseldorfer Helmut Klier ohne langes Federlesen und gegen bessere Einsicht Schmierereien an Synagogen in die Schuhe geschoben wurden (S. 162 ff.), sollte eben so wenig vergessen werden wie die Tatsache, dass die in Deutschland verbliebene Parteiführung der SPD im Sommer des Jahres 1933 ihre jüdischen Mitglieder ausschloss (S. 150).

Der Versachlichung mancher Diskussion dient hoffentlich der Anhang des insgesamt 177 Seiten langen und im Preis moderaten Büchleins, an dessen Zustandekommen auch die Journalistin Christiane Reymann maßgeblich mitgewirkt hat. Dort werden Dokumente der Partei Die Linke zum Staat Israel abgedruckt: „… verpflichtet auch uns, für das Existenzrecht Israels einzutreten“ (S. 173). 2013 haben Reymann und Gehrcke „Syrien. Wie man einen säkularen Staat zerstört und eine Gesellschaft islamisiert“ herausgegeben.

Eine empfehlenswerte Lektüre. Falls es zu einer dritten Auflage kommt, sei der Wunsch geäußert, dass ein Personen- und ein Organisationsindex das schnelle Nachschlagen erleichtere.

MATTHIAS DOHMEN

 

Wolfgang Gehrcke, Rufmord. Die Antisemitismus-Kampagne gegen Links, Köln: Papyrossa 22016 (= Neue Kleine Bibliothek, 214), ISBN 978-3-89438-586-6, 160 S., Euro 12,90, www.papyrossa.de.

 

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Kommentare

  1. Nicht schlecht. Eigentlich eher gut !!

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