16.12.2015

1m2 Utopiastadt Allmendesicherung Nachhaltigkeit Partizipation Prof. Dr. Uwe Schneidewind Wuppertal-Institut

Das schönste Weihnachtsgeschenk für Wuppertal: 1m2 Utopiastadt

Mit der Förderzusage der Jackstädt-Stiftung von 200.000 Euro, kann Utopiastadt den Eigenanteil nachweisen, um die beantragten Fördergelder des Landes zur Sanierung des Bahnhofs zu erhalten. Zeit, weiter zu wachsen!

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Fast fünf Jahre ist es nun her, als Christian Hampe und Beate Blaschczok begonnen haben, ihre große Vision von Utopiastadt im ehemaligen Bahnhof Mirke umzusetzen. Der Bahnhof im Besitz der Sparkasse Wuppertal, hatte damals schon einige Geschichten hinter sich und trotz seiner schlechten Verfassung immer wieder seine Anziehungskraft für besondere, große, faszinierende Ideen bewiesen. Vorher wollten dort Olaf Reitz, Reinhard Schiele und Thomas Beimel nichts weniger als „das Paradies“ installieren – in Form eines Theaters. Leider scheiterten die drei an widrigen Umständen.

Christian Hampe und Beate Blaschczok focht das jedoch nicht an. Gestählt mit Erfahrungen aus ihrer Verlegertätigkeit des Statementmagazins Clownfisch liessen sie sich auch nicht durch gutmeinende, fürsorgliche Wuppertaler Prominenz abhalten, die ihnen rieten, die Finger von dem Gebäude zu lassen. Sie unterschrieben den Vertrag mit der Stadtsparkasse und wurden Mieter eines Bahnhofsgebäudes, das über eine einzige freie beheizbare Etage, ein saniertes Treppenhaus und eine Tanzschule verfügte, die eine weitere Etage des Gebäudes belegte.

Inzwischen haben zahlreiche Projekte Utopiastadt zu ihrer Heimat und Anlaufstelle gemacht. Opendatal visualisiert dort den komplizierten städtischen Haushalt und betreibt Datenjournalismus, eine Gruppe von Gartenaktivisten bauen rund um das Gebäude Gemüse an, die Mirka Schrauba reparieren Fahrräder, Foodsharing-Aktivisten verteilen übrig gebliebene Lebensmittel, Kreative zwischen Design und bildender Kunst sind Dauermieter geworden. Im Hutmacher, der Gastronomie (noch) ohne Küche finden regelmäßig Veranstaltungen statt, bei denen Künstler für einen Hut auftreten. Aber es sind nicht nur die üblichen Verdächtigen – die Kreativen und Lebenskünstler – die sich dort tummeln, es ist auch die Universität, das Wuppertal Institut und die bergische Gesellschaft die das Gebäude für Ausstellungen, Workshops und Symposien nutzen. Mit dem Forum:Mirke hat sich eine Quartierskonferenz etabliert, die Publikum aus dem gesamten Stadtteil in den Bahnhof zieht. Von der Alten Feuerwache, über den Förderverein pro Mirke bis hin zu der Wohngruppe Malerstrasse treffen sich dort Bürger, um ihr Quartier in einem partizipativen Prozess voran zu bringen. Erstmalig begleitet und unterstützt das Wuppertal Institut ein Projekt in Wuppertal. Das Forschungsinstitut will die Erkenntnisse aus dem Forum:Mirke für seine Arbeit an der Gestaltung von Übergängen zu einer nachhaltigen Entwicklung in Stadtquartieren nutzen.

Das alles ist einzigartig in Wuppertal. Utopiastadt funktioniert jetzt schon seit fünf Jahren trotz fehlender Zentralheizung und trotz maroder Wände und Fenster, durch die es im Winter mächtig ziehen kann. Der Bahnhof Mirke ist zu dem geworden, was die beiden Gründer Beate Blaschczok und Christian Hampe im Sinn hatten – zu einem Magnet und Faszinationsort der kreative, engagierte und intelligente Köpfe aus dem Quartier, aus Wuppertal und darüber hinaus anzieht. Und was treibt sie alle an? Es ist die Vorstellung, dass es ohne eigenen Einsatz und die eigene Beteiligung keinen gesellschaftlichen Wandel geben kann und dass es die Köpfe Vieler braucht, um Wuppertal in eine gute Zukunft zu führen – nichts weniger! Diese positive Energie, diese Zuversicht, dass es gelingen kann ist anziehend – so anziehend, dass die Jackstädt-Stiftung dieser Tage 200.000 Euro als Zuschuss bewilligt hat, so dass der notwendige zu leistende Eigenanteil vorhanden ist, um die beantragten Födergelder des Landes zu erhalten. Es ist nun mit einiger Sicherheit davon auszugehen, dass im nächsten Jahr mit der Sanierung des Bahnhofs begonnen werden kann.

Damit ist auch die Grundlage geschaffen weiter zu wachsen, denn ein einziger Bahnhof ist noch längst keine Stadt – eben Utopiastadt. Aus dem vor 1,5 Jahren gegründeten Förderverein Utopiastadt ist im vergangenen Herbst die Utopiastadt gGmbH hervor gegangen. Die bemüht sich nun darum, als Betreibergesellschaft eine Fläche von 50.000 qm rund um den Mirker Bahnhof zu erwerben, um den Utopiastadt-Campus zu realisieren. Die Idee dahinter ist, dass nicht nur einzelne Investoren den Mehrwert einer guten Innenstadtlage abschöpfen, sondern auch die Bürgerschaft selbst, indem sie Gelder akquiriert, dort baut, vermietet und wirtschaftet. Die Fläche soll nach dem Bürgerwillen entwickelt werden, sie soll sozial passen und die erwirtschafteten Gelder sollen zurück in den Stadtteil fliessen, um den Menschen dort zu nutzen. Der Plan ist zu beweisen, dass eine von Bürgerhand selbst gesteuerte Stadtgesellschaft wirtschaftlich genauso gut, aber sozialer, ökologischer und nachhaltiger funktioniert, als alle herkömmlichen Modelle, die einer Maximierung von Privateigentum dienen. Berliner und Hamburger haben mit den ähnlich gelagerten Projekten „Exrotaprint“ und „Gängeviertel“  gezeigt, dass solche Konzepte aufgehen und große Strahl- und Anziehungskraft entwickeln. Denn wer will nicht in einer Stadt leben, in der die Bürgerschaft sich die Verantwortung für ihre Stadt zurückerobert hat, sich mit ihren Quartieren identifiziert, stolz auf sie ist und sie selbstbewußt gestaltet. So haben Hampe und Blaschczok vor kurzem die Crowdfundingkampagne „1m2 Utopiastadt – Wir kaufen uns die Stadt zurück“ gestartet. Für 100,- Euro kann ab sofort jeder 1m2 Utopiastadt finanzieren. Was nun mit dem Utopiastadt-Campus gemeint ist, zeigen die ersten Projekte, die schon in der Planungsphase angekommen sind:

30.000 Euro für die Trassenschwebebahn und den Tourismus
Für die ersten 30.000 Euro sollen 300 m2 Fläche für die gewonnene Schwebebahn erworben werden. Sie soll als »Trassenschwebebahn« ihre Heimat auf dem Utopiastadt-Gelände finden und dort zu einem Informationszentrum für den Campus, die Nordbahntrasse, für Wuppertal und die Bergischen Region ausgebaut werden. Fahrradreisende, Ausflügler und Einheimische können sehen und anfassen was Stadt und Region so einzigartig macht. So sollen dort vom Hammer, über Stoffe und Kleidung bis hin zu den Geschichten aus Berg und Tal, typische Produkte der Region präsentiert werden. Was würde sich da besser eigenen als eine Schwebebahn?

150.000 Euro für Werkstätten, handwerkliche Qualifikation, Nachhaltigkeit und Austausch
Schon jetzt bieten die Utopiastadtwerkstätten mit 3 D-Drucker, Lasercutter und Handwerkszeugen für gärtnerische Arbeiten, Fahrradreparatur und Hausbau die Möglichkeit, auf unterschiedlichsten Tätigkeitsfeldern aktiv zu werden, zu lernen und Dinge unter Anleitung fertig zu stellen, oder zu reparieren. In Zukunft sollen dort Ingenieure ohne Grenzen auf Studierende der Architektur, Schreinerinnen auf Sozialarbeiter, Handwerksmeister auf junge Erfinder und Freizeitbastler treffen. Die neben dem Bahnhof gelegene ehemalige, denkmalgeschützte Gepäckabfertigung bietet dafür die ideale Umgebung. Mit einer lichten Höhe von 6 m und 2 großen Toren zur Mirker Strasse, bietet das Gebäude auch für große Objekte ideale Voraussetzung. Es werden 1500 m2 benötigt. Erste Gespräche mit der Kreishandwerkerschaft, der Bergischen Universität und dem Wuppertaler Technologiezentrum haben schon statt gefunden.

30.000 Euro für die Wohnkiste Papperlapp, Inklusion und Entwicklungschancen
Der „Wohnkiste Papperlapp e.V.“ ist aus einer Inititative von Eltern entstanden. Ihr erstes Ziel ist Wohnraum für 10 Menschen mit unterschiedlichen Handicaps mitten in der Stadt zu schaffen, der möglichst viele Anschlussmöglichkeiten an unterschiedliche Gruppierungen bietet. Der Utopiastadt-Campus bietet dafür ideale Voraussetzungen. Es sollen 10 Apartments mit Kochnische und mehrere Gruppenräume, sowie Aufenthalts- und Schlafräume für Mitarbeiter auf maximal 3 Etagen entstehen. Dafür werden 300 m2 benötigt. Die Gelder für den Bau sind weitestgehend vorhanden.

200.000 Euro für den Kulturkindergarten, für Teilhabe und Armutsprävention
Gemeinsam mit der „alten Feuerwache“, die sich insbesondere im Bereich Armutsprävention und Verbesserung von Bildungs- und Teilhabechancen von Kindern und Jugendlichen aus armen und bildungsfernen Familien überregional einen Namen gemacht hat, soll ein „Kulturkindergarten“ entstehen. Er soll eine lückenlose Begleitung von Kindern bis zur Ausbildung ermöglichen. Das Konzept ist zu 100% an die Bedarfslage des Mirker Quartiers angepasst. Um Chancengleichheit herzustellen, soll die Förderung möglichst kostenlos gewährt werden.

Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Leiter der Wuppertal Instituts ist überzeugt von dem Projekt. Er empfiehlt „1m2 Wuppertal“ als schönstes Weihnachtsgeschenk: „Wuppertal ist eine Stadt in der sich viel bewegt, an der sich andere wie in früheren Zeiten wieder ein Beispiel nehmen können – zuletzt war es die hervorragende Unterbringung von Flüchtlingen, die Wuppertal herausstechen ließ.   Die „1m2 Utopiastadt – wir kaufen uns die Stadt zurück“ Kampagne gehört auch dazu. Sie zeigt, dass ein neuer ökonomischer Zeitgeist entsteht, der die Allmendesicherung als Aufgabe begreift und dem Turbokapitalismus eine Absage erteilt. Ich freue mich darüber, dass dies in meiner Stadt geschieht und sage allen: Das schönste Weihnachtsgeschenk, das Wuppertaler ihrer Stadt und sich selbst machen können ist, 1m2 Utopiastadt zu kaufen.“

weitere Informationen:
http://neu.clownfisch.eu/10/18/ein-m²-utopiastadt/

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