30.11.2015

Buch der Woche Jutta Höfel matthias dohmen

Buch der Woche: Jutta Höfels „Annäherung“ an Charles Baudelaire

Der Dichter der „Blumen des Bösen“ wurde und wird gern einseitig als Propagandist des „Verruchten“ wahrgenommen, gleichwohl er ein „politischer Dichter“ war.

Sein lyrisches Werk, vor allem die „Blumen des Bösen“, vorzustellen und das, was ihn antrieb, freizulegen, unternimmt die  Wuppertaler Romanistin Jutta Höfel, die 1993 mit einer Arbeit über den belgischen Lyriker Emile Verhaeren hervorgetreten ist.

In einer Art Vorbemerkung heißt es: „Der Name des französischen Dichters Charles Baudelaire verbindet sich vor allem mit zwei Vorstellungen: mit seinem als skandalös bewerteten Leben als Dandy und Bohemien zwischen Sex and Drugs und mit der Faszination seiner Verse, die in hoher Formvollendung mit vielen Facetten des Verbotenen spielen“ (Seite 5).

E. T. A. Hoffmann hat sich auf ihn berufen, Novalis ebenso, Gottfried Benn, Paul Celan, Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, Georg Heym und Georg Trakl haben Baudelaires Verse übersetzt und sind seine Schüler, so wie er in gewissen Aspekten „das Erbe Heinrich Heines“ angetreten hat (S. 7). Am zweiten Gedicht der „Fleurs du Mal“, „Albatros“, zeigt Höfel, wie sich der französische Literat in jenen mächtigen Vögeln der Meere, „die, gleichmütige Begleiter der Reise, / dem Schiffe folgen, das über bittere Abgründe gleitet“, wiedererkennt. Sie zitiert die entscheidenden vier Zeilen, übersetzt sie selbst und schließt daran weitere Übertragungen beispielsweise aus der Feder Stefan Georges an.

Er war, wie schon angedeutet, ein politischer Mensch, dessen Gedichte von seiner Umgebung als sozialistisch teilweise gefeiert, teilweise abgelehnt wurden. Tugenden wie Ernsthaftigkeit, Eintracht und Treue maß er dem zu seiner Zeit erwachenden Proletariat zu – in der Allegorie des Schwans, der seit Aristoteles für diese Eigenschaften steht (S. 19). Gleichzeitig – erinnert dies nicht an bestimmte Befürchtungen Heinrich Heines? – hatte Baudelaire Angst vor der Arbeiterschaft und ernste Vorbehalte gegenüber der „steigenden Flut der alles nivellierenden Demokratie“ (S. 17).

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Persönlich ist ihm das Glücke nicht all zu hold gewesen. Seine „bedrängende materielle Situation versuchte er durch mitunter waghalsige Projekte zu sichern“ (S. 30), unter anderem durch die Übernahme eines Theaters, was im Fiasko endete, und den Umzug nach Brüssel, der ihm nicht das erhoffte Publikum brachte. Er stirbt 46-jährig in einem Pariser Krankenhaus. In einem „Reiseführer für Literaturfreunde“ heißt es: „Wenige Menschen in der Kirche, höchstens hundert Personen, kaum an die sechzig hatten den Mut, der niederdrückenden Hitze zum Trotz dem Leichenwagen bis zum Friedhof zu folgen. Keinerlei offizielle Vertretung. Niemand vom Ministerium. Niemand von der Société des gens de lettre“ (zitiert auf S. 33 f.).

Wer sich für den Verfasser der „Blumen des Bösen“ interessiert, ist mit dem hier angezeigten Heft vielleicht besser bedient als mit einer mehrere hundert Seiten umfassenden Biographie. Behutsam und kenntnisreich führt uns Höfel in sein Leben und sein Werk ein. Mal wieder ein besonderes Heft.

MATTHIAS DOHMEN

 

Jutta Höfel, Aufschwung und Abgrund. Annäherung an Charles Baudelaire, Wuppertal: Nordpark 2014, ISBN 978-3-935421-67-6, 41 S., Euro 6,50 (= Die Besonderen Hefte), www.nordpark-verlag.de.

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