Buch der Woche: Biographie des Nazis und IHK-Präsidenten Dr. Wachs

Ein wichtiges Kapitel der Wuppertaler Wirtschaftsgeschichte darf als gründlich aufgearbeitet gelten: Markus Kiel ist dem Leben und Wirken des langjährigen IHK-Präsidenten Dr. Friedrich Ludwig Wachs nachgegangen.

Wir kennen den Mann bereits aus Erika Flüshöh-Niemanns Emma, die Kaffeerösterin (Buch der Woche www.njuuz.de/beitrag32531.html). Von 1933 bis 1943 war er Präsident der Industrie- und Handelskammer für Wuppertal und Remscheid – ein Nationalsozialist, der sich auch im Nachhinein keiner Schuld bewusst war, wenngleich er jeden Schritt der braunen Diktatur aktiv unterstützt hat. Und in der Weimarer Republik vorbereitet hat, etwa in der „Arbeitsgemeinschaft der völkischen Akademikerverbände des deutschen Sprachgebietes“ (Seite 26). Zu seinem 50. Geburtstag schrieb der WZ-Vorläufer „Generalanzeiger“ 1942, der „Wehrwirtschaftsführer“ stehe wie kein anderer „Im Dienst der heimischen Wirtschaft“, was der Verfasser mit gutem Recht als Titel des Buches gewählt hat.

Allerdings steht er auf dem Titelblatt mit und auf dem Cover ohne Anführungszeichen, wie überhaupt teilweise ungewöhnliche Schreibweisen (Parteien und Institutionen werden in „Tüttelchen“ gesetzt), eine mitunter umständliche Zitierweise und die Wiedergabe von Dokumenten in Minischrift einer breiteren Rezeption im Wege stehen. Das ist bedauerlich, da Kiel sehr gründlich recherchiert hat und in den teilweise längeren Fußnoten den Stoff weiter vertieft. Das Buch ist eine Fundgrube!

Zeitweise gehörte Wachs dem spätestens 1934 im Gefolge des so genannten Röhm-Putsches liquidierten Strasser-Flügel an, der einem „nationalen Sozialismus“ das Wort redete. Ihre Wortführer waren die Otto und Gregor Strasser, der übrigens 1929 für die NSDAP als Oberbürgermeisterkandidat für die gerade gebildete Stadt Wuppertal auftrat, allerdings ganze zwei Stimmen erhielt (S. 54).

Nach 1945 versuchte sich Wachs wie fast alle anderen Nazigrößen, mit Hilfe von „Persilscheinen“ von jeder Schuld freizuwaschen. Kurzzeitig interniert, war er eineinhalb Jahre nach der ersten Verhaftung wieder voll rehabilitiert und galt als „Mitläufer“ (Fußnote 1 auf S. 220) – ein Hohn, wenn man die verantwortlichen Tätigkeiten bedenkt, die der dann wieder zu Ehren Kommende ausgeübt hat.

Wie ist nun die Industrie- und Handelskammer mit ihrem Erbe umgegangen?

In einer Festschrift, die 1956 erschien, versuchten die Autoren, Wachs im Nachhinein eine aufrührerische Tätigkeit anzudichten (S. 203 f.). Den Autoren einer ähnlichen Publikation zum 125-jährigen Bestehen der Kammer in Remscheid waren die Vorgänge so brisant, dass seine Präsidentschaft völlig unterschlagen wurde. 1985 beließ man es in einem Gedenkbuch bei ein paar dürren Zeilen, die sich im Wesentlichen mit dem Jahr 1934 und – Zeitraffer? – dem Einmarsch der Alliierten 1945 beschäftigen. Auch aus den letzten Jahren sind keinerlei Bemühungen um eine kritische Aufarbeitung der eigenen Geschichte bekannt. Oder ist der hier besprochene Band am Islandufer der Öffentlichkeit vorgestellt worden?

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Erwähnt werden soll noch, dass Kiel auf Wachs’ (und seiner Firma) Rolle bei der Ausbeutung der „Fremdarbeiter“ und Kriegsgefangenen sowie seine Tätigkeit als Kunstförderer eingeht, die allerdings höchst einseitig war. Wer im Stadtbezirk Uellendahl/Katernberg an Zeitgeschichte interessiert ist, könnte sein Augenmerk auf die „SA-Siedlung“ „Am Pfaffenhaus“ richten (S. 48). Generelle Empfehlung: Kaufen und lesen!

MATTHIAS DOHMEN

 

 

Markus Kiel, „Im Dienst der heimischen Wirtschaft“. Biografie des Nationalsozialisten und ehemaligen Präsidenten der Industrie- und Handelskammer Wuppertal-Remscheid Dr. Friedrich Ludwig Wachs, Wuppertal: Momberger 2015, ISBN 978-3-940439-71-0, 351 S., Euro 14,99, momberger-verlag@gmx.de.

 

 

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