01.10.2015

Buch des Monats; Wilfried Scharnagl; Matthias Dohmen

Buch des Monats: Wilfried Scharnagls Streitschrift „Am Abgrund“

Es gibt ihn noch, den „Lordsiegelbewahrer des konservativen Markenkerns der CSU“ („Cicero“). Und er plädiert leidenschaftlich „für einen anderen Umgang mit Russland“.

Eine ganz große Koalition ist anzuzeigen, und man muss dankbar dafür sein, dass es sie gibt. Wilfried Scharnagl, alter ego des verstorbenen Franz Josef Strauß, warnt eindringlich davor, den bisherigen Kurs gegenüber Moskau fortzusetzen und die Früchte der Entspannungspolitik einem fragwürdigen Ziel zu opfern. Was – so eine der zentralen Thesen – zu Beginn der 1990er-Jahre „im Westen nicht erkannt wurde, war die historische Gelegenheit, eine neue und große Partnerschaft zwischen West und Ost aufzubauen – in Gleichrangigkeit und auf Augenhöhe“ (Seite 10). Was aber, fragt der Rezensent dazwischen, wenn eine der beiden Seiten oder deren führende Macht daran gar kein Interesse hatte?

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Sehr stark und mit viel historischem Material plädiert Scharnagl für eine Anerkennung der Krim als Teil des russischen Reiches und geht dabei zurück bis in das 18. Jahrhundert, vergisst aber auch nicht, in diesem Zusammenhang die Eroberung der Halbinsel durch deutsch-faschistische Truppen im Zweiten Weltkrieg geschichtlich einzuordnen. wilfried_scharnagl_am_abgrund

Das Vorwort schrieb der frühere KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow. In seinen Augen müssen gerade die Europäer „nach untraditionellen Wegen zum Frieden und zur Zusammenarbeit suchen und diese finden“ (S. 8).

Das schmale Bändchen mit starken Argumenten ist bei Keyer erschienen, zu dessen Autoren Peter Gauweiler gehört. In demselben Verlag ist auch eine Broschüre mit „Reden“ erschienen, und zwar „anlässlich der Verleihung des Dr.-Friedrich-Joseph-Haass-Preises 2015“ an Egon Bahr.

In seinen Dankesworten beschäftigt sich der kürzlich verstorbene Vordenker der Brandtschen Ostpolitik mit dem Wandel der Nato, die „ihren Charakter als Bündnis, das nur im Falle eines Angriffs aktiv wird“, verlor. Er kommt zu folgendem Schluss: „Unsere Emanzipierung von Amerika wird selbstverständlich und unabweisbar. Unsere Selbstbestimmung steht neben und nicht gegen Amerika.“

Es hat auch schon in der Weimarer Republik konservative Kräfte gegeben, die einem Ausgleich mit der damals ja noch in einer Systemkonkurrenz stehenden UdSSR das Wort redeten. Ein paar Jahrzehnte später hat der bereits erwähnte Strauß in der Raketenkrise, wie in einer jüngst erschienenen Dissertation über den Kampf der deutsch-deutschen Historiker im „kalten Geschichtskrieg“ nachzulesen ist, die nationale Seite an der Politik des SED-Chefs Erich Honecker entdeckt.

Wenn also jetzt maßgebliche Stimmen in der Bundesregierung zur Erkenntnis kommen, dass man mit dem syrischen Präsidenten Assad reden muss und die Sanktionspolitik gegenüber Russland entsorgen sollte: Es kommt spät, aber hoffentlich nicht zu spät. Und zu danken ist in diesem Zusammenhang den hier erwähnten und in eine alphabetische Reihenfolge gebrachten Personen der Zeitgeschichte Egon Bahr, Willy Brandt, Peter Gauweiler, Michail Gorbatschow, Wilfried Scharnagl und Franz Josef Strauß. Eine bunte Reihe, aber vielleicht noch nicht bunt genug.

 

MATTHIAS DOHMEN

 

 

Winfried Scharnagl, Am Abgrund. Streitschrift für einen anderen Umgang mit Russland, München/Berlin: Keyser 2015, ISBN 978-3-86886-029-0, 183 S., Euro 19,90 – Reden anlässlich der Verleihung des Dr.-Friedrich-Joseph-Haass-Preises 20015 an Prof. Dr. Egon Bahr, München/Berlin: Keyser 2015, erhältlich beim Deutsch-Russischen Forum e. V., Schillerstr. 59, 10627 Berlin, www.keyser-verlag.com, http://www.deutsch-russisches-forum.de.

 

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