Buch der Woche: Ulrich Heydens „Krieg der Oligarchen“

Ausgehend vom Massaker auf dem Maidan am 20./21. Februar 2014 und dem Brand des Gewerkschaftshauses in Odessa gut zwei Monate später analysiert der Autor die soziale und politische Entwicklung in der Ukraine.

Detailliert beschreibt er, wie Oligarchen und Regierungsmitglieder die extreme Rechte stark machten und sie zu Einschüchterungsaktionen gegen die Kräfte ermunterten, die für eine Föderalisierung der Ukraine eintraten. Der radikale und scharf antisemitische „rechte Sektor“ hat übrigens seine stärksten Bataillone offenkundig in Ostgalizien und seiner Hauptstadt Lemberg (S. 57 f.).

Legendär und für lange Zeit ein schwarzer Fleck auf der Weste der ARD: das Interview, in dem der ukrainische Ministerpräsident Arseni Jazenjuk am 7. Januar 2015 unwidersprochen die Befreiung seines Vaterlandes und den verlustreichen Kampf der Anti-Hitler-Koalition und vor allem der Roten Armee in „den sowjetischen Anmarsch in die Ukraine und auf Deutschland“ umdeutete (Seite 46).

Detailreich und differenziert legt Ulrich Heyden den Finger in die Wunde der innerukrainischen Auseinandersetzungen und weist auch darauf hin, dass die Polizei des Kiewer Regimes nicht nur gegen Kommunisten, andere Linke und Gewerkschafter, sondern hier und da auch gegen militante rechte Kräfte vorgeht (S. 72 f.) und beispielsweise ihre Reihen öffnete, als beim Sturm auf das Gewerkschaftshaus in Odessa offensichtliche Regierungsgegner Schutz vor den militanten Maidan-Anhängern suchten“ (S. 92). Sehr ausgewogen wird auch die Position der russischen Regierung beleuchtet. So schreibt Heyden, Moskau habe „die Entwicklung in der Ukraine mit verschuldet“ (S. 170). An anderer Stelle: „Dass es die Ukraine verlor, muss sich Moskau allerdings auch selbst zuschreiben. Die Hoffnung, die Ukraine allein durch wirtschaftliche Abhängigkeit im russischen Einflussbereich zu halten, war kurzsichtig“ (S. 35). Sehr zurückhaltend betrachtet Heyden die „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk im Osten des Landes. Breit geht er auf die separatistischen Bestrebungen unter dem Schlagwort „Noworossija“ („Neurussland“) ein sowie die nicht immer einer zentralen Leitung verpflichteten „Feldkommandeure, die eigene Regeln aufstellten und auch eigene Steuern eintrieben“ (S. 152). In einem eigenen Kapitel untersucht der Verfasser die „deutschen Interessen im Hafen von Odessa“.

Wie der 1954 geborene Journalist, der für „Telepolis“, die „Wochenzeitung“ (Zürich), den „Freitag“, das „neue deutschland“ und bis 2014 die „Sächsische Zeitung“ schreibt beziehungsweise schrieb, einleitend bemerkt, sind längere Passagen seines Buches vorab in tages- und wochenaktuellen Medien veröffentlicht und „neu bearbeitet“ worden (S. 8). Dabei hätte hier und da mehr Sorgfalt gut getan.

Insgesamt handelt es sich um eine sehr verdienstvolle, weil den Leser auch in Feinheiten der ukrainischen Verhältnisse einführende Arbeit, die nicht zuletzt die Rolle diverser Oligarchen in den Mittelpunkt rückt, die das leidgeprüfte Volk aussaugen und sich wie eine jener Plagen verhalten, die im Alten Testament so eindringlich beschrieben sind. Einer von ihnen ist derzeit Präsident, der mit offen faschistischen Kräften koaliert.

 

 

heyden

Wie kann es weitergehen? Heydens Fazit lautet: „Die Ukraine wird als Staat, in dem viele Ethnien und kulturelle Traditionen ihre Heimat haben, nur überleben können, wenn sie ihre – bis 2013 betriebene – Schaukelpolitik zwischen Moskau und Brüssel fortsetzt und eine Brückenfunktion zwischen Eurasien und Europa einnimmt“ (S. 172).

 

MATTHIAS DOHMEN

 

 

Ulrich Heyden, Ein Krieg der Oligarchen. Das Tauziehen um die Ukraine, Köln: Papyrossa 2015, ISBN 978-3-89438-576-7, 173 S., Euro 12,90, www.ulrich-heyden.de, www.papyrossa.de.

 

 

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