20.07.2015

Buch der Woche Der Postillon matthias dohmen

Buch der Woche: Der „Postillon“ kompakt

Man stößt nicht nur bei Facebook ständig auf seine Scherze, die man nicht nur einzeln, sondern auch in Großausgabe "am Stück" genießen kann.

Schon wegen „Italien“, Uwe Becker, seiner dem Liebhaber politischen Humors nicht immer unproblematischen „Partei“ und André Poloczek gehört Wuppertal zu den Großstätten des Humors und besitzt eine beachtliche Gemeinde von Anhängern des „Postillons“. Nun ist auch das zweite Best-of-Buch erschienen und verspricht „Das Beste aus 160 Jahren“.

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Vor Stefan Sichermann und seinem Team ist niemand sicher, und wie treffend die Satire oft ist, erscheint dem Leser in der Rückschau um so überzeugender.

Witzig zum Beispiel, wie ein überdrehter Feminismus aufs Korn genommen wird. „Fällt bald auch die letzte Bastion männlicher Dominanz?“, fragt der Satiredienst. Und gibt die Antwort: „Um der völligen Gleichberechtigung einen weiteren Schritt näherzukommen, fordern mehrere feministische Gruppen die Einführung einer Frauenquote für Strafgefangene. Mit ihrer Hilfe soll die Zahl weiblicher Häftlinge bis 2022 schrittweise von 5,8 Prozent auf über 30 Prozent gesteigert werden“ (Seite 18). Manchmal ist es reiner Ulk: „Deutsche Ärzte sollen millionenfach Bürger abgehört haben“ (S. 37), oder wenn eine neue Smartphone-App „beim Gehen vor Kollisionen mit anderen Smartphone-Nutzern warnt“ (S. 48).

Regelmäßig geht es politisch zur Sache, so wenn die Bundesregierung eine „Erhöhung von Ein- und Mehrwegpfand zur Bekämpfung von Altersarmut“ plant (S. 72)

„Dauergast“ beim „Postillon“ ist der Berliner Großflughafen, etwa als Legoobjekt in der Serie „Gescheiterte deutsche Großprojekt“ (S. 7), der Geschichte „Neue Zeitform Futur III eingeführt, um Gespräche über Berliner Flughafen zu ermöglichen“ (S. 52) oder folgendem Vorschlag: „Sprengung von Flughafen BER würde Bauarbeiten enorm beschleunigen“ (S. 75). Nicht zu vergessen der „stolze Bauarbeiter“, der hofft, dass sein „neugeborener Sohn einst Berliner Flughafen fertigstellen wird“ (S. 107).

Schon beklemmend sind die Geschichten über die NSA (S. 47), eine Bundesregierung, die „dezente Kritik an US-Nuklarschlag gegen Deutschland“ übt“ (S. 79), oder der „Ratgeber: So bereiten Sie sich auf den Dritten Weltkrieg vor“ (S. 113).

Auch der Profisport bekommt sein Fett weg: Die Fußballbundesliga oder auch die Tour de France, von der es heißt, dass ihr Gesamtsieger „automatisch Dopingsperre auf Lebenszeit“ erhält (S. 146). Aus der ersten Fußballliga: „Transferwahnsinn: FC Bayern München kauft Borussia Dortmund komplett für 550 Millionen“ (S. 92). An anderer Stelle: „Borussia Dortmund und Schalke 04 fusionieren, um mit Bayern mithalten zu können“ (S. 115). Und Bastian Schweinsteigers Wechsel ist auch vorausgesehen worden, auch wenn er auf S. 144 nach Spanien geht.pstillon

Eine der letzten Geschichten gilt dem großen deutschen Sudelblatt: „Helle Aufregung in Berlin: Die Redaktion der Bild-Zeitung ist peinlicherweise einer Meldung eines freien Mitarbeiters aufgesessen, die sich im Nachhinein als vollkommen richtig herausstellte.“ Der „Kommentar“ des „Postillon“: „Einmalig bei Bild: keine Hetze, nur objektive Information“ (S. 155). So viel Satire kompakt ist selten.

 

MATTHIAS DOHMEN

 

Der Postillon. Das Beste aus über 160 Jahren, München: riva 2014, ISBN 978-3-86883-468-0, 160 S., Euro 14,99, www.der-postillon.de, www.m-vg.de/riva/shop/home.

 

 

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