Autorin des Monats: Alissa Walser

Vorfreude und Vorlesen angesagt. Am 4. September ist die Autorin von „Am Anfang war die Nacht Musik“ im Ada.

Für den Rezensenten war es eine Entdeckung: Alissa Walser, Tochter des berühmten Schriftstellers vom Bodensee, schreibt berührende und verstörende, heitere und bitterernste, kurze und lange Geschichten. Als Malerin, Übersetzerin und Autorin verdient sie ihre Brötchen.

Am Anfang war die Nacht Musik: Wien, 1777. Franz Anton Mesmer ist der wohl berühmteste Arzt seiner Zeit, als man ihm einen scheinbar hoffnungslosen Fall überträgt: Er soll das Wunderkind Maria Theresia heilen, eine blinde Pianistin und Sängerin. Als der begnadete Mediziner das Mädchen in sein magnetisches Spital aufnimmt, ist sie zuvor von unzähligen Ärzten beinahe zu Tode kuriert worden. Mesmer ist überzeugt, ihr endlich helfen zu können, und hofft insgeheim, durch diesen spektakulären Fall die ersehnte Anerkennung der Gesellschaft zu erlangen. Auch über ihre gemeinsame tiefe Liebe zur Musik lernen Arzt und Patientin einander verstehen, und bald stellen sich erste Heilerfolge ein. Doch die Kollegen des großen Arztes neiden ihm seinen Erfolg und verbreiten üble Geschichten über seinen angeblichen „animalischen Magnetismus“ (S. 178) und ihn persönlich, den sie letztlich ins Exil nach Paris treiben, wo er endlich die Wertschätzung erhält, die er verdient.

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Über die Greifwerkzeuge eines seiner schlimmsten Kontrahenten, des Leibarztes Maria Theresias, Anton von Störck, der ein berechnender, aber phantasieloser Mensch ist, schreibt Walser: „Seine Hände. Seine feisten, rosaroten Arzthände. Kurz geschnittene Nägel, gepflegte Kuppen, geschickte, gelehrige, fleißige, reinliche Finger. Aber taub für das Wesentliche“ (S. 216). Man erfährt übrigens viel über das Wien des ausgehenden 18. Jahrhunderts.

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Von den Tieren im Notieren: Zumeist kurze Texte über die eigene Dichtung und diejenige von Kollegen, Beobachtungen auf einem Flughafen und historische Miniaturen enthält dieser Band. Eine der stärksten Geschichten trägt den Titel „Was der Krieg aus Männern macht und was aus Frauen“. Das Paradoxon: „Die Männer an der Front hocken im Schützengraben und warten auf den Tod … Der Krieg der so viel ‚männliche‘ Aktivität versprochen hatte, erzeugte in Wahrheit ‚weibliche‘ Passivität“ (S. 53 f.). Fragwürdige und doch womöglich folgenreiche Emanzipation: „Plötzlich sind Frauen nicht nur zu allen möglichen Arbeiten zugelassen, sondern sie werden sogar gebraucht. Diese neue Stellung der Frauen, zum Beispiel in der Industrie, ist das paradoxe und kurzfristige Produkt der kriegsbedingten männlichen Abwesenheit“ (S. 59 f.).

Immer ich: Ein starkes Stück Literatur, auch wenn nicht ganz klar wird, ob es sich um eine Erzählung, wie es das Titelblatt suggeriert, einen Erzählband, wie die FAZ, oder einen Roman handelt, wie die „Süddeutsche“ schrieb. Der Leser ist oft traurig, dass die einzelnen Texte ein Ende haben. Man stößt auf so schöne Sätze wie den folgenden: „Begabte Töchter, sagt der Lehrer zur Mutter. So begabt, dass es ein schlimmes Ende nehmen wird“ (S. 60).

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Manche mögen’s heiß. Oft drehen sich die Beobachtungen der Autorin um Liebe und Sex: „Ich setzte mich auf das Cerankochfeld, und er stellte es an“ (S. 94). Zuvor hat die Protagonistin ihren Angebeteten ins Pornokino geschickt. Wenn es denn hilft.

MATTHIAS DOHMEN

 

 

Alissa Walser, Am Anfang war die Nacht Musik, Roman, München/Zürich: Piper 22013 (= Piper-Taschenbuch, 7202), 978-3-492- 27202-5, 253 S., Euro 9,99. www.piper.de.

Alissa Walser, Von den Tieren im Notieren, München/Zürich: Piper 2015, 978-3-492- 05668-7, 160 S. (Reproduktionen auf der Innenseite des Schutzumschlags), Euro 16,99.

Alissa Walser, Immer ich. Erzählung, München/Zürich: Piper 2012 (= Piper-Taschenbuch, 7473), 978-3-492- 27473-9, 158 S., Euro 8,99.

 

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