13.07.2015

Armin T. Wegner Buch der Woche matthias dohmen Rufe in die Welt

Buch der Woche: Armin T. Wegners „Rufe in die Welt“

Politische Schriften des in Elberfeld geborenen Schriftstellers und Humanisten vereint der hier anzuzeigende Band.

Mit einem moralischen Rigorismus, dem wir bei der radikalen Einstellung Wolfgang Borcherts nach dem Zweiten Weltkrieg wieder begegnen, verurteilte Armin T. Wegner das organisierte Massensterben von Weltkrieg I. Und verlangte, dass Konsequenzen daraus gezogen würden: „Das war die Stimme, die sich aus dem Innern losrang und sagte: ich bin ein Mensch, wir alle sind Atmende auf der Erde, darum lasst uns in Güte miteinander leben“ (Seite 18).

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So heißt es in der Ansprache Wegners im „politischen Rat geistiger Arbeiter“, der so gut in die Aufbruchstimmung der Novemberrevolution passt. Vor diesen Kopfarbeitern, die sich bewusst absetzten vom „falschen Geist“ derjenigen, die lautstark die Annexionsbestrebungen des Wilhelminischen Deutschland gepriesen hatten und denen der Schlieffen-Plan so wunderbar in ihr Weltbild passte, trug er auch den „Aufruf zur Gründung eines Bundes der Kriegsdienstgegner“ vor, dessen erster Geschäftsführer er wurde. Er glaube, „dass spätere Geschlechter einst mit Grauen auf unsere Tage zurückblicken werden, wo sich die Völker in blutigen Kriegen zerfleischten, unsere Frauen sich mit Fellen und Federn wie dem Skalp eines Indianers schmückten und die Menschen sich von gerösteten Tierleichen nährten“ (S. 94).

Wo er sich gefordert sah, hielt er mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. In dem Text „Der Bürger und der Kommunist. Ein Dialog“ setzt er sich von Beiden ab (S. 48-54) und propagiert seine humanistische Position.

Angst kannte er keine. Am 8. Mai 1933, als andere noch rätselten, ob die Aufmärsche der SA und des Pöbels vorübergehen würden, appellierte er in einem „Sendschreiben an den deutschen Reichskanzler Adolf Hitler“, den Verfolgungen und Drangsalierungen der jüdischen Deutschen Einhalt zu gebieten. Die Zeitungen standen ihm schon nicht mehr offen. „Es gibt nur einen wahren Glauben“, zitierte er Immanuel Kant, „wenn es auch viele Bekenntnisse geben mag“ (S. 158), eine Auffassung, die auch der große Gotthold Ephraim Lessing in seinem dramatischen Gedicht „Nathan der Weise“ propagiert hat.

Der „Dr. jur. Armin T. Wegner, Charlottenburg, Kaiserdamm 16“ erhielt doppelte Antwort: Die erste auf dem Postweg, mit dessen Hilfe ihm Martin Bormann bestätigte, sein Schreiben werde dem „Führer“, „sobald sich eine Gelegenheit findet, vorgelegt“. Die zweite in Gestalt der Gestapo, die ihn verhaftete, misshandelte und durch drei Lager und sieben Gefängnisse in Deutschland und in Italien schleppte, ehe er endlich freikam.

Einen seiner bekanntesten Texte, den „Schrei vom Ararat“, hat er an die „Regierungen der sieghaften Völker“ gerichtet (S. 119 ff.). In diesem Aufruf , verfasst in „Neu-Globsow am Stechlinsee (Mark), November 1922“, spricht er sich dafür aus, „dass die Werte der Welt nicht auf der Waage des Krämers gewogen“ werden dürfen.

Den Texten ist ein ausführlicher Kommentar am Ende des Buches beigegeben, der die Textgrundlage und die Datierung beschreibt. Für Freunde des streitbaren Elberfelders finden sich auch Beiträge Wegners, die bislang unveröffentlicht sind, wie „Vergeßt das Salz der Erde nicht! Ein Aufruf an jedermann“ (wohl 1918), „Schrei aus der Tiefe. An Romain Rolland“ (vermutlich 1923), „Die Tafelrunde“, in dem er Auswege aus der drohenden Spaltung des deutschen PEN beschwört (1951), und „Der Bruderzwist“, ein Appell für eine israelisch-ägyptische Aussöhnung (1968/69).

Die Ausgewählten Werke in Einzelbänden werden von der Armin-T-Wegner-Gesellschaft herausgegeben und können nur dank großherziger Unterstützung von Geldgebern finanziert werden, etwa der Wuppertaler Stadtsparkasse. Für ein hohes editorisches Niveau, ein sehr ansprechendes Schriftbild und all die Beigaben, die man von einer seriösen Werkausgabe erwarten darf, steht der Wallstein-Verlag. Doch nichts läuft ohne den Verein um den rührigen Ulrich Klan. DB_1273-9_Wegner_Manifeste_lay_3.indd

Wie es auf der Homepage heißt, war es im März 2001 zum ersten Mal seit Jahren gelungen, eine große Anzahl von Wegner-Freunden ganz unterschiedlicher Herkunft zu einer Tagung zusammenzuführen. So trafen sich auf Einladung von Dr. Peter Böthig in Schloss Rheinsberg viele Gäste, darunter auch Familienangehörige von Armin T. Wegner aus Deutschland und Italien, um – nach bemerkenswerten Vorträgen – miteinander über den Dichter ins Gespräch zu kommen. Im Verlauf der Diskussionen wurde angeregt, die fruchtbare Kommunikation über Wegner untereinander aufrecht zu erhalten und künftig auch weitere Interessenten miteinzubeziehen.

Am 28. September 2002 wurde schließlich in der Begegnungsstätte Alte Synagoge in Wuppertal die Armin-T.-Wegner-Gesellschaft e. V. gegründet. Mit einem musikalisch-literarischen Festprogramm feierte man einen Tag später im würdigen Rahmen des Wuppertaler Schauspielhauses die Gründung öffentlich. In Anwesenheit der Tochter und des Sohns von Armin T. Wegner – Sybil Stevens und Michael Wegner – und unter Beteiligung zahlreicher Ehrengäste – darunter Vertreter der Armenier in Deutschland und der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem – wurde vor einem großen Publikum des Dichters und seiner Verdienste im Einsatz für die Menschenrechte gedacht. Es erklangen armenische, jüdische und palästinensische Musik und die (Ur-) Aufführung erster Wegner-Vertonungen – dargeboten von namhaften Künstlern und Künstlerinnen.

Bislang ist im Rahmen der Gesamtausgabe „Der Knabe Hüssein und andere Erzählungen“ erschienen, und nun also dieser Band mit öffentlichen Verlautbarungen.

Die „Manifeste und Offenen Briefe“ Armin T. Wegners „lohnen“ – zitieren wir abschließend einen anderen Rezensenten, nämlich Oliver Kohns – eine Lektüre „nicht nur, weil der Autor sich als Zeitzeuge und Mahner beweist, sondern auch, weil sie eine radikale Kritik der modernen Politik und Kultur im Geiste des revolutionären Puritanismus unternehmen“ (www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=20566).                                    MATTHIAS DOHMEN

 

Armin T. Wegner, Rufe in die Welt. Manifeste und Offene Briefe. Hrsgg. von Miriam Esau und Michael Hofmann (= Ausgewählte Werke in Einzelbänden), Göttingen: Wallstein 2015, ISBN 978-3-8353-1273-9, 319 S., Euro 24,95, www.wallstein-verlag.de, www.armin-t-wegner.de.

 

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