13.05.2015

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Erdbeben – Alina Komorek berichtet über Helden in Nepal

Nach dem Abitur an der Waldorfschule in Haan-Gruiten reiste Alina für drei Monate über eine Organisation für Freiwilligenarbeit nach Nepal. Sie half dort vor Ort bei unterschiedlichen Projekten mit. Wenige Tage vor Ihrer Abreise erlebte Sie das schwere Erdbeben.

Alina Komorek berichtet über NepalAlina Komorek berichtet über Nepal ©Clemens Hölter

Zurückgekommen ist Sie voller guter Erfahrungen und möchte nun u.a. auch durch Ihre journalistische Tätigkeit dem Land mit seinen faszinierenden Menschen helfen. Alina hat ein besonderes Talent zum Schreiben, verschiedene Ihrer Artikel sind auch in Wuppertaler Medien erschienen, wie z.B. das Portrait „Auf der Suche – KH.W. Steckelings sammelt Geschichte – wie kaum ein anderer in Wuppertal.“  Lesen Sie weiter unten den berührenden Beitrag „Auf dem Weg zu helfen“ der in Wuppertal lebenden und engagierten Nachwuchsjournalistin Alina Komorek, welcher kurz vor dem Nachbeben entstanden ist.

Das Café im Dorf unterstützt Alinas Bemühungen vor Ort zu helfen und bietet Ihnen die einzigartige Möglichkeit in der besonderen Atmosphäre des Cafés sich von Alina’s Erlebnissen in Nepal berichten zu lassen. Die Veranstaltung ist kostenfrei und findet statt am Samstag, den 23. Mai 2015 um 18 Uhr. Aufgrund des begrenzten Platzangebotes ist eine vorherige Anmeldung im Café notwendig (www.cafe-im-dorf.net).
Clemens Hölter, Haan, 13. Mai 2015

 

Auf dem Weg zu helfen

Text und Foto von Alina Komorek

Vor zwei Wochen musste ich mein Paradies, das inzwischen in Trümmern liegt, einfach verlassen. Achttausend Tote, tausende Verletzte, 450.000 zerstörte Häuser. Und ich fahre ins sichere Deutschland, wo mich mein schlechtes Gewissen quält, die Menschen, die mir so ans Herz gewachsen sind, im Stich zu lassen.

Es war ein erschütterndes, wenn auch für mich noch harmloses Erlebnis in meiner letzten Woche in Nepal. Noch immer liege ich im Bett und habe den Reflex, aufzuspringen, weil ich von Nachbeben träume. Das eigene Zuhause wurde für so viele Nepalesen zum Gefängnis, zur Todesfalle. Ihren Frohmut, ihre Gastfreundlichkeit, der Wille, immer weiter zu machen ohne ein Wort des Klagens, das alles sind Eigenschaften der Menschen Nepals, die sie auch nach der Katastrophe nicht verloren haben.

Meine Freunde sind dort geblieben, leisten vor Ort weiter Hilfe, verteilen Reis, Gemüse und Zeltplanen an die Opfer des Jahrhundertbebens. Immer wieder müssen sie sich neuen Krisen stellen, neue Hindernisse überwinden. Oft stoßen sie an ihre Grenzen, gelangen erst über weite Umwege zu ihrem Ziel, die Situation für die Menschen besser zu machen. Die Regierung, die die Menschen in einer solchen Lage unterstützen sollte, verschlimmert alles noch. Sie droht, die Spendenkonten einzufrieren, um selbst über das Geld verfügen zu können. Um mehr Stimmen bei der nächsten Wahl zu erhaschen. Um als Helden da zu stehen.

Wieder einmal sind es die Ärmsten der Armen, die am meisten unter den Folgen der Naturkatastrophe leiden müssen. Wie von einem Magneten wird das Elend in ihre Richtung gezogen. Sie leben abseits der großen Städte, in denen die Hilfsorganisationen wenige Tage nach dem Beben bereits aktiv waren. Sie haben ihre Häuser für immer verloren, der Weg zum Wiederaufbau ist lang und schwierig für sie. Sie wohnen weit ab der schlecht gepflasterten Straßen Nepals und Hilfe muss über steinige, unebene und vor allem gefährliche Straßen zu ihnen kommen. Der Weg ist lang und schwierig, auch für die, die helfen.

Doch der Nepalese Ashok und der Deutsche Fabien nehmen ihn jeden Tag wieder auf sich, um ihr Versprechen einzulösen: Sie wollen helfen, um jeden Preis. Fabien ist bereits seit mehreren Monaten in Nepal. Er kam für Freiwilligenarbeit, die jetzt, nach Ende seines Projektes, erst anfängt. Erst jetzt macht Hilfe wirklich Sinn. Ashok ist angehender Ingenieur und nutzt seine Ferien am College in Naranghat, um seinen Landsleuten, die unter schlechteren Bedingungen leiden, Unterstützung zu bieten.

Ashok und Fabien, NepalAshok und Fabien, Nepal ©Alina Komorek

Trotz kurzer Nächte und langer Tage finden sie jeden Tag wieder die Kraft, stundenlang in das nächste Dorf zu fahren. Auf der Ladefläche des umständlich gemieteten Jeeps befinden sich jeden Morgen ein Tonne Reis,  Gemüse und Hygieneartikel sowie Zeltplanen und Anziehsachen. Die Arbeit fängt an, wenn die zwei, zusammen mit anderen fleißigen Helfern, das Dorf erreichen. Sie müssen Vertrauen aufbauen, für eine faire Verteilung der Lebensmittel sorgen und vor allem erklären, warum sie nicht überall helfen können. Gerade Ashok leistet dann Schwerstarbeit, er übersetzt, vermittelt, organisiert und verhandelt. Die beiden ergänzen sich, denn Fabien verwaltet die Spenden von Freunden und Verwandten aus Europa, bietet Hilfe und Vertrauen, Ashok stellt  die Verbindung her zu den Menschen. Denn die Kultur und die Denkweise der Menschen in Nepal muss berücksichtigt werden. Es hilft nicht, westliche Hilfe überzustülpen.

Langfristig braucht Nepal wahre Helden wie die beiden 20-Jährigen, die den täglichen Stress auf sich nehmen, die 24/7 Einsatz zeigen. Es ist eine starke physische und psychische Belastung, die durchs Helfen entsteht. Und wer hilft den Helfern, die das Elend sehen? Die von hungrigen Großmüttern kleine Kinder in den Arm gedrückt bekommen, die gerade noch Lumpen am Körper tragen? Die zu allerletzt an sich denken und erst spät abends essen, wenn alle anderen versorgt sind?

Wir hier in Deutschland sitzen vor dem Fernseher und sehen die Bilder. Der Nachrichtensprecher rasselt Zahlen von Toten und Verletzten runter. Danach zappen wir zu leichter verdaulichen Sendungen. Wir sind abgestumpft, gehen auf Abstand. Ashok und Fabien gehen hinein in das Epizentrum der Zerstörung, sie sitzen im selben Boot wie diejenigen, die vor ihren Lehmhäusern schlafen müssen. Sie fürchten wie die Bevölkerung den Augenblick, in dem die Regenzeit einsetzen wird. Wenn eine einfache Zeltplane nicht mehr reichen wird als Schutz. Sie tun das freiwillig.

Das Thema wird über kurz oder lang aus den Medien verschwinden. In Tagen, vielleicht Wochen. Doch in Nepal werden die Schäden dann noch immer sichtbar sein. In den Herzen der Menschen wird die Erinnerung bleiben, ein Schaden, der von außen nicht gesehen werden kann.

Es wird Zeit, langfristig zu helfen. Was passiert, wenn der Magen gefüllt, aber das eigene Zuhause noch immer ein Haufen alter Steine ist?

Ich danke den Helfern vor Ort, die unser Gewissen beruhigen. Die alles für andere geben, während wir eine kleinere oder größere Summe überweisen. Die nicht gefragt werden, wie ihr Leben danach weitergehen soll. Sie haben darauf auch kaum eine Antwort, denn sie leben für den Moment, den sie voll und ganz nutzen. Wie Ashok und Fabien, die jeden Tag wieder etwas auf die Beine stellen, was andere zum Strahlen bringt.

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Kommentare

  1. Die Veranstaltung war ausgebucht und zauberhaft. Danke Alina.

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