02.03.2015

arne ulbricht Buch der Woche matthias dohmen overkill schule ohne lehrer

Bitte keinen Overkill!

In unserem Buch der Woche stellen wir heute eine polemische Studie vor, in der Arne Ulbricht für das gute alte Bildungsideal plädiert, das allerdings mit zeitgemäßen Methoden umzusetzen sei.

Der Wuppertaler Autor – und Lehrer von Beruf – hat ein Sachbuch mit längeren fiktionalen Einschüben geschrieben, in denen er das Kommunikationsverhalten der jungen Generation aufs Korn nimmt. Schon am Frühstückstisch werden die Nachrichten vom Handy oder dem Smartphone gleich im Bäckerdutzend verarbeitet – oder eben nicht. Denn zu viele Informationen, Posts, Kurz- und Kürzestnachrichten verschwinden im digitalen Nirwana auf Nimmerwiedersehen oder Nimmerwiederhören.

Die Abhängigkeit von den batteriebetriebenen Kommunikationsgeräten auch im Unterricht nimmt in gespenstig anmutenden Tempo zu: Wenn es weiter geht wie bisher, „werden in zwanzig Jahren sowohl Lehrer als auch Schüler ihren mobilen Endgeräten derart ähnlich geworden sein, dass man Lehrer wirklich nicht mehr brauchen wird. Dann werden Schüler von Maschinen unterrichtet werden … und werden selbst zu Maschinen werden“ (S. 18).

Und wer gibt den Kurs vor? Ulbricht verweist darauf, dass es für Google, Facebook & Konsorten um Milliardengeschäfte geht. Der Konsument wird früh abhängig gemacht – auch vor der Glotze: Dschungelcamp und die Suche nach immer neuen Gesangstalenten, Models und Entertainern. „Schule sollte vor Formaten, in denen Kinder gegeneinander singen oder auf dem Laufsteg ihre langen Beine präsentieren, oder Formaten, die Erwachsene („Prominente“) dabei zeigen, wie sie sich im Dreck wälzen, warnen. Das ist möglich, in dem man thematisiert, warum solche Fernsehformate Kinder dazu erziehen, auf nichts anderes als auf Äußerlichkeiten zu achten“, verlangt Ulbricht und legt den Finger in die eigene Wunde: „Auch viele Lehrer gucken sich diesen Schwachsinn an und entblöden sich nicht, sich im Lehrerzimmer darüber aufzuregen, wie schwachsinnig dieser Schwachsinn mal wieder war“ (S. 20).

Längst herrscht in den Schulen die Diktatur der Powerpoint-Präsentationen. Wenn via PC und Beamer „im Zehnsekundentakt irgendetwas Neues aufflimmert – ein Wort, ein Satz, ein Kreis, ein bunter Pfeil – steht im Vordergrund längst nicht mehr der Vortrag, sondern die Masse an Projektionen. Je bunter, desto besser“ (S. 84). Eben nicht.

Auf die Spitze wird die Entwicklung mit der breit referierten „Khan Academy“ getrieben, die ein US-Amerikaner mit Wurzeln in Bangladesh begründet hat, der auf die totale Digitalisierung des Unterrichts setzt und dessen Ideale … auf eine Einklassenschule hinauslaufen. Auch Salman Khans Mantra lautet: Google, Google und noch einmal Google (S. 108-113). Wie preisgünstig!

Vielleicht übertreibt Ulbricht an der einen oder anderen Stelle und nimmt sich selbst eine Kleinigkeit zu wichtig. Doch sind seine Warnungen insgesamt sehr ernst zu nehmen. Mit vollem Recht singt er das Hohelied auf Grundschullehrerinnen und Studienräte, die jungen Menschen in einer entscheidenden Phase ihres Lebens Kenntnisse und Ideale vermitteln, statt sie mit Whatsapp und Heidi Klum allein zu lassen.     MATTHIAS DOHMENulbricht_schule

Arne Ulbricht, Schule ohne Lehrer? – Zurück in die Zukunft, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2015, ISBN 978-3-525-7017-4-4, 173 S., Euro 14,99, www.v-r.de.

 

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