Buch der Woche: Gerbrand Bakkers „Umweg“

Agnes „hatte das Gefühl, dass ihr alles über den Kopf wuchs“. Gerbrand Bakker, der am 27. Februar im Café Ada lesen wird, ist mit dem „Umweg“ wieder eine packende Geschichte gelungen: Unser Buch der Woche.

In einem Roman, dessen Personal erfreulich übersichtlich ist und bei dessen Lektüre man sich auf die Handlung konzentrieren kann, schildert der niederländische Autor das Leben und Sterben der Doktorandin Agnes, die, so hat es ein Rezensent zusammengefasst, „aus ihrer Ehe, ihrer akademischen Ausbildung, vor einer Affäre mit einem jüngeren Studenten und vor einer schweren Krankheit nach Wales geflüchtet ist“ („Süddeutsche“, 22.3.2012). Dort lernt sie den grobschlächtigen Bauern Rhys Jones, dessen Nachstellungen sie sich erwehrt, und dessen Sohn Bradwen kennen, dem sie für einen Moment nahekommt. Ihren Lebensüberdruss kann auch er nicht überwinden.

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Bei Bakker spielen Flora und Fauna eine große Rolle, sei es auch, dass er sich ironisch mit ihnen beschäftigt, etwa wenn er den grünen Daumen der Briten aufs Korn nimmt: „… schließlich war sie im Vereinigten Königreich, da musste sie doch früher oder später auf einen Gartenmarkt stoßen“ (S. 36). Tut Agnes auch und stößt dort auf „Männer im Rentenalter mit fröhlichen Enkeln, vollgekritzelte Zettel in den Händen, sie überließen nichts dem Schicksal“ (S. 38).

Über Emily Dickinson, die von 1830 bis 1886 in Massachusetts gelebt hat und als bedeutendste US-amerikanische Lyrikerin gilt, promoviert Agnes, und an vielen Stellen des Romans werden Passagen ihrer Gedichte zitiert oder kommentiert. Gegen das Ende der Handlung wird die Protagonistin von ihrem Mann, der sich zu diesem Zweck mit einem schwulen Polizisten verbündet, gesucht, aber nur noch tot aufgefunden.

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Ähnlich eindringlich und berührend beschreibt der 1962 in Wieringerwaard geborene Sprach- und Literaturwissenschaftler in „Birnbäume blühen weiß“ das kurze Leben des 14-jährigen Gerson Tolgaarder, der bei einem Autounfall sein Augenlicht verliert. Erzählt wird die Story aus der Perspektive seiner älteren Brüder Kees und Klaas, die mit ihm im Auto saßen, das von seinem Vater gesteuert wurde. Eingestreut sind Reflexionen Gersons und seines Hundes Daan.

„Wir leben in einer Welt, die zum Sehen gemacht ist, und das merkten wir erst, als Gerson blind wurde“ (S. 73). Der Junge flieht nach dem Unfall in die Wirklichkeit von früher: „Wenn ich schlafe, träume ich, und wenn ich träume, sehe ich wenigstens noch was“ (S. 87). „Birnbäume blühen weiß“, schreit er, im Krankenhaus aus dem Koma erwachend (S. 83).

Und obwohl sich die älteren Zwillinge, der Vater und die Großeltern sowie der homosexuelle Krankenpfleger Harald rührend um ihn kümmern, verliert Gerson die Lust zu leben und verabschiedet sich unspektakulär aus dem Leben. Niemand kann ihm mehr helfen: „Opa hatte nicht die Zeit, streng zu Gerson zu sein, und Oma konnte ihn nicht mit Plätzchen vollstopfen. Denn es gab keine Tage mehr zum Abzählen, es gab jetzt nur noch Stunden“ (S. 121).bakker_birnb

MATTHIAS DOHMEN

Gerbrand Bakker, Der Umweg. Roman, Berlin: Suhrkamp 2013 (= suhrkamp-taschenbuch, 4435), ISBN 978-3-518-46435-9, 231 S., Euro 8,99, www.suhrkamp.de, www.cafeada.de, https://www.facebook.com/LiteraturaufderInsel.

Gerbrand Bakker, Birnbäume blühen weiß. Roman, Berlin: Suhrkamp 42013 (= suhrkamp-taschenbuch, 4170), ISBN 978-3-518-46170-9, 141 S., Euro 7,00.

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