28.02.2014

Friedhöfe Friedhofskirche Historismus Ölberg Sphinx Stadtbild Deutschland e. V. Wuppertal Wuppertal

Historismus 4.1 – Ölbergdom und Friedhofskultur

Eine der bedeutendsten Kirchbauten Wuppertals stammt ebenfalls aus der Epoche des Späthistorismus. Die Friedhofskirche in Elberfeld, die wegen ihrer Größe, Erhabenheit und Dominanz im Stadtbild vom Volksmund auch gerne „Ölbergdom“ genannt wird.

FriedhofskircheFriedhofskirche

Mit der zunehmenden Industrialisierung des Wuppertals war auch die Errichtung neuer Arbeiterviertel unumgänglich, und so wuchs Elberfeld aus dem Tal heraus die Berge hinauf. Es entstand die Elberfelder Nordstadt, deren westlicher Teil bis heute auch Ölberg genannt wird. Der Name erklärt sich aus dem verspäteten Anschluss an das öffentliche Elektrizitätsnetz und der dadurch notwendigen Verwendung von Öllampen. Wegen seiner geschlossenen historischen Bebauung wurde der Ölberg ja schon in mehreren Artikeln zuvor gewürdigt. Diese Stadterweiterung machte es natürlich auch erforderlich, die Neubürger seelsorglich zu betreuen, daher beschloss der Gemeinderat der Reformierten Gemeinde zu Elberfeld den Bau einer dritten Kirche nach der Alten Reformierten Kirche am Kirchplatz und der Neuen reformierten Kirche im Luisenviertel in der Sophienstraße. Zunächst stritt die Gemeinde, ob man nicht lieber statt eines monumentalen Bauwerkes vier kleinere Bethäuser errichten sollte. Denn es widersprach der reformierten Maxime der Schlichtheit und Bescheidenheit in Liturgie und Kirchbau, derart zu protzen. Es setzen sich aber diejenigen durch, die die reformierte Dominanz in Elberfeld wieder festigen wollten, denn der repräsentative Bau der römisch-katholischen St.-Laurentius-Kirche hatte ein wenig am calvinistischen Selbstverständnis gekratzt. Die Bauausführung musste aber dennoch dem strikten Bilderverbot treu bleiben. Man wählte den höchsten Punkt des Dorrenberges als Standort aus und konnte den Berliner Baumeister Johannes Otzen als Architekten gewinnen.

Blick auf die FriedhofskircheBlick auf die Friedhofskirche

Dieser errichtete in den Jahren 1894 bis 1898 das weithin sichtbare Kirchengebäude. Er hatte mit seinem Einwurf für die Dritte Kirche die einheimischen Architekten Heinrich Plange und Friedrich Hagenberg ausstechen können, baute er doch nach dem sehr modernen „Wiesbadener Programm“, einer neuen Strömung im protestantischen Kirchbau, die sich im ausgehenden 19. Jahrhundert entwickelt hatte. Bis dato wurden evangelische Kirchen in der Regel traditionell gebaut, das heißt mit Langhaus, Seiten- und Querschiffen, Chorraum und Apsiden, eben ganz so wie auch vor der Reformation. Diese Bauweise wurde sogar kurz zuvor noch im Eisenacher Regulativ von 1861 als verbindlich festgeschrieben, um die Kontinuität des christlichen Sakralbaus zu dokumentieren. Diese Vorschrift brachte die Andersdenkenden aber sogleich auf den Plan. Motiviert von der Idee des Baus einer dritten Kirche in Wiesbaden brachte der dortige Pfarrer Emil Veesenmeyer ab 1890 in der Nassauischen Kirchenzeitung Aufsätze in Umlauf, in welchen er neue Grundsätze für den evangelischen Kirchbau formulierte. In seinen Thesen fordert er: „Die Kirche soll im allgemeinen das Gepräge eines Versammlungshauses der feiernden Gemeinde (…) an sich tragen. Der Einheit der Gemeinde und dem Grundsatze des allgemeinen Priesterthums soll durch die Einheitlichkeit des Raums Ausdruck gegeben werden. Eine Theilung des letzteren in mehrere Schiffe sowie eine Scheidung zwischen Schiff und Chor darf nicht stattfinden. Die Feier des Abendmahls soll sich nicht in einem abgesonderten Raume, sondern inmitten der Gemeinde vollziehen. (…)Die Kanzel, als derjenige Ort, an welchem Christus als geistige Speise der Gemeinde dargeboten wird, ist mindestens als dem Altar gleichwerthig zu behandeln. Sie soll (…) mit der Orgel- und Sängerbühne organisch verbunden werden.“

PrinzipalwandPrinzipalwand: Altar, Presbyter-Gestühl, Kanzel und Orgel

Altar, Kanzel und Orgel wurden so in den Mittelpunkt der Gemeinde gerückt und damit erinnerte man an frühere alternative protestantische Kirchenbauten, wie zum Beispiel die Dresdner Frauenkirche. Veesenmeyer konnte nach anfänglichen Bedenken Johannes Otzen für seine Idee gewinnen und später sogar regelrecht begeistern. Sein zweites Projekt nach dem Wiesbadener Programm wurde dann unsere Dritte Kirche in Elberfeld, für die sich im Laufe der Zeit durch ihre räumliche Nähe zum Friedhof der Name Friedhofkirche durchsetzte. Otzen war es bei ihr gelungen, anders als noch bei der Wiesbadener Ringkirche, das Programm im Inneren und Äußeren formvollendet zu verwirklichen. Der Innenraum, aufgrund des Bilderverbotes nur mit floralen Mosaiken und Stuckaturen versehen, ist auf der Form eines griechischen Kreuzes errichtet, über dem der Hauptturm thront. Zusammen mit den vier Ecktürmen bildet der Bau im Äußeren fast einen quadratischen Grundriss. Die Ausstattung weißt alle Merkmale einer Predigtkirche auf. Abendmahlstisch, Kanzel und Orgel sind übereinander angeordnet, die Bänke für die Gemeinde bilden einen Halbkreis. So setzte Otzen alle Anforderungen des Wiesbadener Programms konsequent um. Auch entwarf er den Prospekt der mächtigen Orgel, die von vier romanisch anmutenden Türmen dominiert wird. Das Innere des romantischen Instrumentes mit seinen dreißig Registern schuf die berühmte Orgelbaufirma Sauer aus Frankfurt an der Oder, die auch die Orgeln des Berliner Domes gebaut hatte. Dank der guten Akustik erklingt sie neben den Gottesdiensten auch oft zu Konzerten und sonstigen kirchenmusikalischen Veranstaltungen.

Blick in die KuppelBlick in die Kuppel

Eingeweiht wurde das Gotteshaus mit seinen 1024 Sitzplätzen am 1. März 1898, und den Zweiten Weltkrieg überstand es bis auf die Fenster glücklicherweise nahezu unbeschadet. Nach 1945 setzte man eine Notverglasung ein, die in den letzten Jahren wieder fast komplett durch Buntglasfenster ersetzt wurde, wobei man gemäß der calvinistischen Lehre auch hier auf Darstellungen verzichtete. Die Themenschwerpunkte lagen daher auf der Theologischen Erklärung von Barmen, den Fragen nach Tod und Auferstehung und in der Person des Pfarrers Helmut Hesse, einem Märtyrer der Gemeinde in der NS-Zeit. So zeigt sich die Friedhofskirche dem Betrachter trotz aller Ereignisse auch heute fast im Erbauungszustand des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Johannes Otzen hat in Elberfeld seine Spuren hinterlassen, auch dank der Gemeinde, die damals so mutig war im Kirchbau neue Wege zu gehen. So soll die „Krone der Nordstadt“ noch lange dazu dienen, der Gemeinde kirchliche Heimat zu bieten, den Besucher durch ihre Erhabenheit und Formvollendung zu faszinieren und der Stadt ein unverwechselbares Wahrzeichen zu sein.

Porzellan-Fotografie der Fräuleins Nörth in Elberfeld NordstadtPorzellan-Fotografie der Fräuleins Nörth in Elberfeld Nord

Unmittelbar neben der Friedhofskirche findet man drei der zahlreichen Friedhöfe in Wuppertal. Mit ihren teilweise außergewöhnlichen Grabstätten bieten sie spannende Einblicke in die Stadtgeschichte. Sie zeigen Reichtum, Leid, Frömmigkeit, Armut, Krankheit, aber auch erfülltes Leben. Im 19. Jahrhundert war der Tod in der Gesellschaft noch keine Randnotiz. Die Wuppertaler Friedhöfe der Jahrhundertwende waren parkähnliche Anlagen, die gerne aufgesucht wurden. Die Industriellen der Stadt ließen sich prächtige Mausoleen errichten und auch die Bestattung der Bürger – selbst der Ärmeren – war oft sehr würdig. Auf den alt-reformierten Friedhöfen war meist die schlichte Eleganz eingezogen, besonders auf dem niederländisch-reformierten im Briller Viertel. Im Tod sind die Menschen vereint, ob sie nun Bayer, Fischer, Riedel-Goschin, Ursprung, Nörth, Benrath, Frowein, von der Heydt, Fuhlrott, Klischan, Vorwerk oder Müller, Meier, Schmitz hießen. Und irgendwann werden auch unsere Namen dort stehen… Friedhöfe erinnern an die Menschen unserer Stadt; an ihre guten und schlechten Schicksale und sie zeigen Stadtgeschichte! Der französische Schriftsteller Guy de Maupassant sagte über Friedhöfe: „Ich gehe gerne zwischen Gräberreihen. Das beruhigt mich. Und dann bin ich gerne auf Friedhöfen, weil sie für mich gewaltige, ungeheuer bevölkerte Städte sind. Und dann haben wir auf den Friedhöfen Denkmäler, die fast ebenso bedeutsam sind wie die in Museen.“

"Sphinx" auf dem Grab Riedel-Goschin in Unterbarmen„Sphinx“ auf dem Grab Riedel-Goschin in Unterbarmen

Paris hat seinen „Cimetière de Montmartre“, Prag seinen „Starý židovský hřbitov“, Brüssel den „Cimetière de Laeken“, Berlin den „Dorotheenstädtischen Friedhof“ aber Wuppertal? In Wuppertal hat der Unterbarmer Friedhof das Potential an die bedeutenden Gottesacker Europas anzuknüpfen! Dieser wurde 1822 durch die evangelisch-unierte Kirchengemeinde angelegt und beherbergt zahlreiche prominente Grabstätten honoriger Barmer Industrieller, Bürger oder auch Missionsboten der Rheinischen Mission in seiner kühlen Erde: „Mir nach, spricht Christus, unser Held!“ Allein über diesen Gottesacker könnte man wohl einen ganzen Bildband füllen. Die Sphinx, die Pforte zur Ewigkeit, die Molineus-Säule oder das an „Richard-Wagner-Inszenierungen“ erinnernde Mausoleum von Toelle sind nur einige der zahlreichen sehenswerten Grabstätten vor Ort.

Thanatos, der griechische Totengott, wacht über den östlichen Teil des Reformierten Friedhofs an der Hugostraße in Sedansberg. Er ziert das aufwendige Grabmal der Familie Albert Ursprung, welches 1905 durch den damals recht berühmten Bildhauer Clemens Buscher geschaffen wurde. Übrigens wurden die Friedhöfe der Gründerzeit so angelegt, dass man sie in würdiger Weise auch als Park für Spaziergänge nutzen konnte. Besonders ausgeprägt ist dies beim Friehof an der Krummacherstraße in Varresbeck der Fall, dessen Waldfriedhofsbereich ein besonders friedlicher Ort ist. Hier liegt übrigens Pina Bausch begraben! Es lohnt sich auch heute noch die Friedhöfe der Stadt zu besuchen und sie auf sich wirken zu lassen. Sie sind Teil der Stadtgeschichte und unserer Kultur!

"Thanatos" auf dem Grab Ursprung in Sedansberg„Thanatos“ auf dem Grab Ursprung in Sedansberg

Der Historismus aber entwickelte sich weiter! Langsam aber stetig war man die sich ständig wiederholende Bauweise des Neo-Irgendetwas… leid. Auch wenn die Neorenaissance der Lieblingsstil Kaiser Wilhelms II. war. Also entwickelte sich in München und Wien die wohl eigenständigste Form des Historismus, welche wir am kommenden Freitag auf „Njuuz“ vorstellen möchten. Bis dato freuen wir uns natürlich über Besucher unserer Facebook-Seite: Stadtbild Deutschland e. V. – Wuppertal

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