Historismus 3.1 – Die Gründerzeit und ihre Geschichte

Bauwerke der Gründerzeit wurden lange verkannt, vernachlässigt und gehasst. Sie waren Spekulationsobjekte, Abrisshäuser und besetzte Kommunen. Schließlich entdeckte man ihren Wert, rettete die Substanz. Nunmehr bieten sie beliebte, großflächige und denkmalgeschützte Lebensräume.

ImmanuelskircheImmanuelskirche

Zunächst einmal möchten wir heute eine sehr typische Gründerzeit-Kirche in Wuppertal vorstellen, nämlich die von 1867 bis 1869 durch den Hamburger Architekten Ernst Glüer errichtete evangelisch-reformierte Immanuelskirche in Oberbarmen. Sie wirkt von Außen sehr vornehm und ihre zierliche Turmspitze ist charakteristisch und weithin sichtbar. Die Neugotik der Gründerzeit hat nun nichts mehr mit dem neugotischen Rundbogenstil der Romantik zu tun, sondern sie imitiert geradezu die Kathedral-Gotik des Mittelalters. Im Innenraum der Kirche erinnern die Holz- und Stahlkonstruktionen der Emporen sowie der Decke an die klassische Industriearchitektur des Wuppertals.

Im Jahre 1984 wäre die baufällige Immanuelskirche fast abgerissen worden, die evangelische Kirchenführung hatte den Bau säkularisiert, zum Glück entschloss man sich letztlich doch, sie weiterhin als „Konzertkirche“ zu benutzen. An besonderen Feiertagen im Jahr finden hier aber trotzdem noch Gottesdienste statt. Gebäude sind eigentlich immer dann am schönsten, wenn sie für das verwendet werden, wofür sie einmal gebaut wurden! Seit 1990 steht die Kirche unter Denkmalschutz, im Jahre 2003 fanden umfassende Renovierungsmaßnahmen statt, wobei das Äußere perfekt saniert wurde. Den Innenraum jedoch passte man teilweise der neuen Nutzung als Konzertkirche an. Das Umfeld der Immanuelskirche bietet einige gründerzeitliche Straßenzüge, insbesondere im Bereich Normannenstraße stehen diverse Bauten aus der Zeit. Wir wenden uns aber nun dem bekanntesten Gründerzeit-Viertel Wuppertals zu.

MarkomannenstraßeMarkomannenstraße

In Elberfeld entwickelte sich während der Gründerzeit die heutige Nordstadt. Zunächst im Bereich der Friedrichstraße (benannt nach König Friedrich-Wilhelm III.) und der Kreuzkirche, wo heute sogar noch einige klassizistische Bürgerhäuser zu finden sind, aber ab 1850 auch weiter bergauf zur Markomannenstraße, wieder bergab zur Wiesenstraße und wieder bergauf bis hin zur Mirke. In diesem Bereich findet man zahlreiche Häuser aus der Zeit um 1860 bis 1890. Oftmals sind es einfache Holz- oder Fachwerkkonstruktionen, die man anschließend mit einer scheinbaren Stein-Fassade renaissance-klassizistisch verzierte. Das vermeintliche Steinmaterial besteht aber ebenfalls nur aus Holz, was erst beim zweiten Blick auffällt. In der früheren Industrialisierung war Wohnraum knapp und so mussten die Häuser schnell und preisgünstig gebaut werden. Die sozialen Verhältnisse waren aus heutiger Sicht zunächst katastrophal, und die Lage der Arbeiter in Elberfeld-Barmen erinnerte zeitweise sogar an den Manchester-Kapitalismus. Durch einige Gesetze verbesserte sich ihre Lage peu-à-peu, was sich auch positiv auf die Bauweise der Häuser auswirkte, sie wurden nun überwiegend massiv (komplett aus Stein) errichtet. Dennoch entwickelte sich an Ölberg, Mirke und Hombüchel ein typisch rotes Arbeitermilieu. Da die Elberfelder Nordstadt größtenteils von den Kriegseinwirkungen 1943 verschont blieb – die alten Holzhäuser brannten bei Bombenangriffen nämlich wie Zunder – ist die Markomannenstraße als ein seltenes und eindrucksvolles Beispiel für diese frühe Gründerzeit in Deutschland nahezu vollständig erhalten geblieben. Aber auch zahlreiche weitere gründerzeitliche Straßenzüge Elberfelds (z. B. Wiesenstraße oder nördlich Höchsten) befinden sich bis heute noch überwiegend im Originalzustand.

WiesenstraßeWiesenstraße

Besonders erfreulich ist, dass zahlreiche Bauten des Historismus in der Elberfelder Nordstadt (also den drei Bereichen: Ölberg, Hombüchel und Mirke) recht gepflegt sind und entsprechend Fensterkreuze, pastellfarbene Anstriche, Stuck sowie passende Türen besitzen. Manchmal ist man doch erstaunt, wie viel Wert in Wuppertal auf diese Detailgenauigkeit gelegt wird. In den meisten Städten Westdeutschlands ist das seltener anzutreffen! Aber diese Tatsache war auch in Wuppertal einmal anders! Die Nordstadt galt Ende der 1970er-Jahre als eines der prekären Stadtviertel Wuppertals: „dreckiger Kiez, vermüllte Hinterhöfe, Schlägereien und verkommene Fassaden…“ Die phantasielosen Stadtplaner und Investoren hätten das Stadtquartier seinerzeit nur allzu gerne niedergelegt und statt dessen langweilige Neubauten errichtet. Pläne dafür gab es reichlich! Und im Bereich der Lederstraße hatte man bereits mit Abrissen begonnen. Dem Fotografen Rolf Löckmann sowie dem Denkmalschützer Dr. Michael Metschies ist es zu verdanken, dass die prächtige gründerzeitliche Architektur der Eberfelder Nordstadt wieder in den Fokus der Öffentlichkeit kam. Die beiden haben zwischen 1975 und 1985 stark dazu beigetragen, die Schönheit des Viertels wieder für alle sichtbar zu machen, und somit einen Trend zu dessen Erhalt eingeläutet. Gleichzeitig entwickelte sich seinerzeit auch die Bürgerinitiative „Rettet die Nordstadt“. Heute völlig unverständlich, dass ein solch herrlicher Straßenzug wie z. B. in der Schreinerstraße damals komplett verschwinden sollte. Seit den frühen 1980er-Jahren stehen hier fast alle Bauwerke unter Denkmalschutz und es ist eine Substanz vorhanden, die sich mit der Spandauer Vorstadt in Berlin durchaus messen könnte.

SchreinerstraßeSchreinerstraße

Aber auch den Hausbesetzern der späten 1970er-Jahre, die es reichlich in der Elberfelder Nordstadt gegeben hat, ist es – gewollte oder ungewollt – zu verdanken, dass das Quartier heute noch fast so dasteht, wie es in der Gründerzeit einmal entstanden war. Deren Protest richtete sich gegen die vermeintlichen „Luxus-Sanierungen“ der alten Häuser; man wollte lieber preiswerten Wohnraum erhalten und verhindern, dass die Gebäude Spekulanten in die Hände fielen. „Luxus-Sanierung“ bedeutete damals entweder den Abriss mit Neubebauung oder aber den Einbau sanitärer Anlagen und kleinere Veränderungen am und im Haus. Zwar kam es tatsächlich zu Mietsteigerungen, verbunden aber mit einem erheblich höheren Wohnkomfort. Mit Luxussanierung oder Gentrifizierung der heutigen Zeit, bei denen ganze Stadtviertel in Hamburg, Berlin, Düsseldorf, Frankfurt a. M. oder München ihr Gesicht wandeln und die angestammte Bevölkerung nahezu komplett gegen Yuppies ausgetauscht wird, hatte das seinerzeit in Wuppertal jedoch nichts zu tun! Das Gentrifizieren eines Viertels birgt einen starken sozialen Zündstoff, den man nicht unterschätzen sollte. Außerdem beraubt es die Städte ihrer einzigartigen Identität. In Berlin spricht man schon von der „Schwaben-Invasion“ und vom „Prenzlauer Württem-Berg“!

Durch die Hausbesetzungen blieben zahlreiche Bauten vom Abriss verschont! Denn während dieser Zeit vollzog sich ein gesellschaftlicher Wandel im Hinblick auf die Wertschätzung von Gründerzeitbauten. Viele der damaligen Hausbesetzer haben inzwischen Familien im Viertel gegründet und dadurch dessen Reurbanisierung eingeläutet. Das Ölbergfest ist nur eines von zahlreichen Maßnahmen der Bürger zur Verbesserung ihres innenstadtnahen Quartiers, es erhielt übrigens bundesweite Anerkennung! Schließlich ist es kein „Nullachtfünfzehn“-Fest, sondern eins vom Bürgern für den Bürger. In diesem Jahr wird es am 3. Mai 2014 in der Marienstraße stattfinden. Vormerken! Wer es noch nicht kennt, sollte es erleben. Erwähnenswert sind im Zusammenhang der Reurbanisierung auch die zahlreichen Galerien, Kunst-Ateliers und Werkstätten, welche sich besonders im Ölbergviertel angesiedelt haben. Zwar noch etwas dezent, aber durchaus präsent! Mit einem leichten Augenzwinkern spricht man hier bereits vom „Wuppertaler Montmartre“! Ein phantasievoller, ja gerade zu utopischer Gedanke? Wer weiß! Utopische Gedankenspiele sind sehr wichtig, sie sind besser als Lethargie, Stillstand und Kosten-Nutzen-Rechnungen! So manche scheinbar weltfremde Idee lässt sich eben doch das ein oder andere Mal umsetzen. Gerade in Wuppertal! Wäre dem nicht so, gäbe es die gründerzeitliche Nordstadt längst nicht mehr… Der Ölberg, verbunden mit dem Luisenviertel, birgt unheimliches Potential! Es macht unsere Stadt zu etwas ganz besonderem, etwas, dass nur in sehr wenigen Städten Nordrhein-Westfalens zu finden ist. Spinnen wir diesen utopischen Gedanken ruhig weiter!

MarienstraßeMarienstraße

Ein wenig traurig stimmt den Betrachter jedoch, dass viele Läden wie: Lebensmittelgeschäfte, Bäckereien, Metzgereien, Restaurants oder andere kleine Einzelhändler („Tante-Emma-Läden“) in der Nordstadt vielfach aufgegeben wurden. Aber dieser negative Trend geschieht leider vielfach in deutschen Städten. „Dank“ sei den Ketten und Billig-Discountern, den konsumheischenden Shopping-Centern und leider auch dem Internet-Handel. Hier gilt in der Zukunft die Frage, in welcher Stadt wir gerne leben möchten?! Der eigenverantwortliche Bürger aber ist es, der mit seinem privaten Kaufverhalten darüber abstimmt wie die eigene Stadt in Zukunft aussehen wird! Wer billig einkauft, wird in einem billigen Umfeld leben. Unsere Vorfahren haben zwar ebenfalls auf ihr Geld achten müssen, aber sie kannten noch den erheblichen Unterschied zwischen „preisgünstig“ und „billig“! Wer sein Geld lieber zu Ketten oder Shopping-Malls trägt, die ihren Firmensitz oft ganz woanders haben, lässt es aus der Region abfließen. Wer aber sein Geld speziell lokal ausgibt, wird es im heimischen Kreislauf belassen. Stichwort auch hier: echte Nachhaltigkeit ist gefragt! Das ist zwar eine ganz andere Geschichte, aber es macht deutlich, wie eng Stadtbild und Soziale Stadt miteinander verwoben sind.

Wandmalerei, entstanden z. Zt. der geplanten AbrisswelleWandmalerei, entstanden z. Zt. der geplanten Abrisswelle

Wer sich eingehender mit dem Ölberg, seiner Geschichte und seinen Geschichten, den Perspektiven, Chancen und Gefahren auseinandersetzen möchte, dem sei die reichlich vorhandene Literatur empfohlen! Noch mehr erfährt man natürlich bei einem Spaziergang durch das Viertel selber und beim oben bereits erwähnten Ölbergfest.

Wie geht es aber nun mit dem Historismus weiter? Blicken wir noch einmal zurück in die deutsche Geschichte: Kaiser Wilhelm I. sagte man nach, dass er im Geiste immer der König von Preußen geblieben sei, und nie Deutscher Kaiser geworden ist. Als er 1871 in Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen wurde, war er bereits ein alter Mann und tief mit Preußen und dessen übernationalen Charakter (Bündnis der „Drei Schwarzen Adler“) verbunden. Sein Sohn, der liberale Kaiser Friedrich III. hätte dem Deutschen Reich wahrscheinlich einen progressiveren Stempel aufgedrückt, er und seine Frau, die Kaiserin Victoria von Großbritannien und Irland, waren recht liberal eingestellt. Aber durch eine schwere Erkrankung blieb er nur 99 Tage im Amt. So wurde aus dem Jahr 1888 ein „Dreikaiserjahr“ und Friedrichs Sohn, der 29jährige konservativ-geprägte Wilhelm II., bestieg den Thron. Kaiser Wilhelm II. war in erster Linie Deutscher Kaiser und nur noch de jure König von Preußen; unter seiner Regentschaft verfestigte sich die deutsche Einheit in weiten Teilen (über Stände, Schichten und Konfessionen hinweg) der Bevölkerung. Der Architekturstil des Historismus sollte sich unter ihm noch einmal verändern. Wir steuern auf die Jahrhundertwende zu! Aber davon am kommenden Freitag mehr! Bis dahin freuen wir uns natürlich auch über Besucher auf unserer Facebook-Seite: Stadtbild Deutschland e. V. Wuppertal

Anmelden

Kommentare

Neuen Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert