07.02.2014

Döppersberg Eisenbahndirektion Gründerzeit Historismus Stadtbild Deutschland e. V. Wuppertal Toelleturm Wuppertal

Historismus 3 – Die Gründerzeit

Aufstrebende Industrie, Bürgertum und Kaiserliche Pracht - Der gründerzeitliche Historismus (1866 - 1890)

Die Sehnsucht der Deutschen nach Identität während der Zeit der Romantik steigerte sich mehr und mehr zu einem konkreten Wunsch nach einer deutschen Nation, einem deutschen Nationalstaat. Das Hambacher Fest, die Revolution von 1848 und das Frankfurter Paulskirchenparlament untermauerten diese Bestrebungen. Doch das Bündnis der „Drei-Schwarzen-Adler“ widersetzte sich dem zunächst; König Friedrich Wilhelm IV. lehnte die ihm durch die Nationalversammlung angebotene Kaiserkrone 1849 ab. Letztlich war diese Begeisterung im Volk für eine Deutsche Nation jedoch auf lange Sicht kaum zu unterdrücken, also versuchte der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck eine nationale Einigung „von oben“. Nach den Einigungskriegen von 1864 (Dänemark), 1866 (Deutscher Krieg) und 1870 / 1871 (Frankreich) wurde das Deutsche Reich in Form eines – im Prinzip bis heute bestehenden – Nationalstaates im Schloss von Versailles gegründet. Frankreich musste im Frieden von Frankfurt die Provinzen Elsass und Lothringen sowie eine Summe von Fünfmilliarden Goldfranken an Deutschland abtreten.

Bis zum verlorenen Deutsch-Französischen Krieg aber boomte es in Frankreich erheblich, dort bekam diese Zeit den Namen: „Belle Époque“ (die schöne Zeit). Kaiser Napoléon III. regierte Frankreich stark autoritär und zentralistisch, durch den reichen Kolonialbesitz und die Industrialisierung mauserte sich das Land zur führenden Nation in Europa. Diese Tatsache wollte Napoléon III. auch architektonisch in der Hauptstadt seines Landes sichtbar werden lassen. Denn Paris galt damals im Vergleich zu anderen europäischen Metropolen als rückständig. Georges-Eugène Haussmann wurde mit dem Aus- und Umbau von Paris beauftragt und mit einer gewissen Machtfülle ausgestattet, um die Pläne des Kaisers ordentlich umsetzen zu können. Haussmann ernannte der Kaiser zu diesem Zweck sogar zum Präfekten von Paris. Ähnlich wie es später Adolf Hitler mit Albert Speer tat, der aus Berlin das neue „Germania“ kreieren sollte.

Hauptwerk des Stadtumbaus in Paris war und ist bis heute die bombastische neobarocke Opéra Garnier, die als ein zentraler „Point de Vue“ für die typischen haussmann´schen Sichtachsen diente. Zwar ist ihr Architekt Charles Garnier, jedoch bestimmte Haussmann ihren Standort im Rahmen seiner endlos erscheinenden Boulevards. Der prachtvolle Neobarockbau der Oper wurde von 1860 bis 1875 errichtet. Hatte die Französische Revolution und Napoléon I. das Barock noch als absolutistisch strikt abgelehnt und den Klassizismus als DEN neuen Stil der Zukunft propagiert, so war knapp 70 Jahre später, unter Napoléon III., der barocke Stil wieder salonfähig und gerne gesehen. Das Wirken von Georges-Eugène Haussmann hing stark von seinem kaiserlichen Herrn ab. Als dieser dann 1870 von der neuen frz. Republik ins Exil nach Kassel, später London, geschickt wurde, musste auch sein Architekt alle Posten räumen und Paris verlassen. Haussmann hat die französische Hauptstadt zu dem gemacht, was wir heute noch kennen und lieben. Paris ist bis in unsere Tage die Hauptstadt der „Belle Époque“, und kaum eine andere Metropole Europas wirkt derart faszinierend!

Der Sieg über Frankreich, aber besonders der Wegfall der innerdeutschen Grenzen, lies die Wirtschaft in Deutschland massiv prosperieren und stärkte das Bürgertum erheblich, auch gab es auf Reichsebene erste demokratische Tendenzen. Uns ist diese Zeit heute als Gründerzeit bekannt, denn zahlreiche neue Unternehmen wurden seinerzeit gegründet. Der steigende Wohlstand schlug sich auch in der Architektur nieder. Alles sollte nun größer, prächtiger und monumentaler werden. Außerdem lockte die immer stärker werdende Industrie viele Leute aus ländlichen Gegenden in die Städte. Ganze Stadtviertel stampfte man aus dem Boden, die Städte erreichten bisher ungeahnte Einwohnerzahlen und Ausmaße. Es boomte überall, besonders in Berlin, aber auch in Dresden, Breslau, Frankfurt a. M., München, Stuttgart, Hamburg, Köln, Essen und in Elberfeld-Barmen. Die zahlreichen noch vorhandenen Gründerzeit-Ensembles Wuppertals künden bis heute davon!

Gründerzeitbauten in der CollenbuschstraßeGründerzeitbauten in der Collenbuschstraße

Nunmehr war architektonisch fast alles erlaubt! Für jede Funktion ein eigener Stil: Neugotische Rathäuser und Kirchen, Theater und Opernhäuser der Neorenaissance, neoklassizistische Gerichts- oder Verwaltungsgebäude und selbst der solvente Privatmann pflegte seinem eigenen Mietshaus eine Fassade in einem der diversen Neo-Stilrichtungen zu verpassen. Meistens waren die Stile rein, aber es gab auch zarte Vermischungen. Der Neobarock war jedoch in Deutschland noch nicht so sehr verbreitet. Es entstanden Parkanlagen, Reiterstandbilder, Denkmäler, Schmuckbrunnen, Aussichtstürme, Ziergitter, Gas-Laternen usw. Nun entwickelte sich Deutschland langsam zur Führungsmacht Europas. Durch den starken Föderalismus machte sich diese Tatsache jedoch in der Architektur Berlins weniger bemerkbar, als das in Paris ein Jahrzehnt zuvor der Fall war. Denn im Grunde war das Deutsche Reich nur ein geeinter Verbund verschiedener deutscher Staaten wie: Preußen, Bayern, Sachsen, Mecklenburg, Württemberg, etc. Und Berlin hatte vor 1871, anders als z. B. Paris oder London, niemals die Funktion eine klassische „deutsche Hauptstadt“ gewesen zu sein. DIE deutsche Hauptstadt gab es eigentlich gar nicht! Denn auch das Heilige Römische Reich dt. Nation hatte de jure keine gehabt. Zwar wuchs Berlin nach der Reichsgründung stark an und die gründerzeitliche Pracht verschönerte es, aber das geschah – wie erwähnt – alles weniger planvoll als seinerzeit unter Haussmann in Paris.

Der Deutsche war seit jeher praktisch veranlagt und von Sachzwängen in der Architektur respektive ideologischer Strömungen geprägt; während Franzosen, Italiener, Skandinavier, Niederländer oder Russen doch wesentlich mehr zu Pracht und vor allem Schönheit tendierten und es bis heute tun! In Wuppertal bejubeln die Gegner des Döppersberg-Umbaus einen Fußgängertunnel der autogerechten Stadt, der niemals in seiner Geschichte schön, sondern stets architektonische Katastrophe war. Sachzwänge! Wahlkampf?! Eine autobahnähnliche Straße musste (?) ausgerechnet über den Schmuckplatz unterhalb der „Elberfelder Akropolis“ geführt werden, welcher einst der schönste Platz der Stadt war. Man vergleiche Fotografien des Döppersberg um 1930 mit jenen von 1965. „Schönheit“ gilt in Deutschland immer als etwas, dass man sich nicht leisten kann, etwas, dass nicht nötig ist… Lieber kriechen „wir“ durch den Tunnel, dessen Beleuchtung Tag und Nacht furchtbar surrt und über dessen schäbige Decken-Holzpaneelen der Verkehr dröhnt, zum Hauptbahnhof, und fahren von dort nach Italien, wo der Deutsche die Piazza und das Dolce Vita bewundern möchte. Dabei gab es das alles auch hier bei uns, da wo heute der Tunnel verläuft, über dem die Autos rasen!

BundesbahndirektionBundesbahndirektion

Unmittelbar neben dem Hauptbahnhof ist der Verwaltungsbau der Eisenbahndirektion ein typisches Gebäude aus der Zeit des gründerzeitlichen Historismus in Wuppertal. Ausgeführt von 1871 bis 1875 im Stil des späten Klassizismus (Stüler’scher Prägung) gepaart mit ein wenig italienischer Renaissance. Er nimmt in seiner Architektur Bezug auf den klassizistischen Hauptbahnhof und bildete mit ihm und dem ehem. Wohnhaus des Eisenbahnpräsidenten die bereits erwähnte „Elberfelder Akropolis“. In Form und Größe erinnert die Eisenbahndirektion an schlossartige Bauten der Renaissance und des Klassizismus (Palladianismus), wie z. B. an das Königliche Schloss zu Oslo. Besonders eindrucksvoll ist die Ostfassade der Direktion mit vorgetretenem Mittelbau und einer Attika, getragen von vier ionischen Säulen. Die Elberfelder Löwen links und rechts der Freitreppe stammen noch aus klassizistischer Zeit. Sie standen ursprünglich vor dem alten Elberfelder Rathaus, welches heute das „Von-der-Heydt-Museum“ beheimatet.

Das Eisenbahnwesen lag im jungen Deutschen Kaiserreich noch unter der Obhut der einzelnen Bundesstaaten, eine gesamtdeutsche „Reichsbahn“ gab es erst ab 1920. Hervorgegangen war die „Königlich Preußische Staatseisenbahn“ aus diversen privaten Eisenbahnunternehmen, unter anderem auch aus der „Bergisch-Märkischen-Eisenbahn-Gesellschaft“. Diese betrieb zahlreiche Strecken im Rheinland, in Berg und in der Grafschaft Mark, und hatte ihren Sitz in Elberfeld. Da jedoch die Eisenbahn mehr und mehr hoheitliche Aufgaben übernehmen musste (Transport von Gütern, Personen und Militärs), wurden die Aktien der einzelnen Bahngesellschaften sukzessive vom Staat Preußen aufgekauft und dadurch verstaatlicht. Elberfeld blieb auch in der Staatsbahn-Ära Sitz einer Eisenbahndirektion.

Noch bis ins Jahr 1974 verwalteten die Bahnbeamten von hier aus die – damals noch – zahlreichen Strecken des Bergischen Landes. Dann war die Ära der „Bundesbahndirektion Wuppertal“ beendet, Teile des Baus blieben aber für andere Verwaltungszwecke der Deutschen Bundesbahn noch bis 2008 in Betrieb. Seitdem steht das Gebäude leer, es gibt allerdings unkonkrete Pläne eines privaten Investors es als Kaufhaus zu nutzen und / oder Eigentumswohnungen sowie Büros einzubauen. Eine neue Nutzung des stadtbildprägenden und schönen Gebäudes ist natürlich absolut wünschenswert, da es uns dadurch auch in der Zukunft erhalten bliebe. Man sollte hierauf einen prädestinierten Fokus setzen, anstatt einem architektonisch eher mittelmäßigen Investoren-Kubus den Vorzug zu geben! So ein Kubus ist austauschbar, er könnte zwischen Flensburg und Füssen in jeder X-beliebigen deutschen Staat stehen. Die palastähnliche Bundesbahndirektion aber ist einzigartig und stellt ein wunderbares Entrée in die Innenstadt dar!

Villa FroweinVilla Frowein

In Elberfeld hielt man große Stücke auf den Spätklassizismus, denn zum einen diente der bombastische Bau der Eisenbahndirektion sicherlich als Vorbild, zum anderen entsprach der Klassizismus aber auch der calvinistischen Grundeinstellung der Elberfelder Gesellschaft. So wurden zahlreiche Unternehmer-Palais und Villen der Königstraße (heute: Friedrich-Ebert-Straße) auch während der Gründerzeit noch ganz preußisch-protestantisch schlicht – aber edel – in dieser Form ausgeführt. Das Interieur jedoch ist meist üppiger ausgeführt und so kommt es vor, dass hinter einer braven spätklassizistischen Fassade barocke Überschwänglichkeit, bzw. neogotische Säle Zuhause sind. Ein wunderbares Beispiel des Gründerzeit-Klassizismus ist zum Beispiel die Villa Frowein in der Briller Straße, unweit des De-Weerth-Gartens. Sie wurde um 1871 für Rudolf Frowein in Form einer römischen Villa errichtet.

Im Stadtbild tauchten nun auch vermehrt Zierelemente der Gründerzeit auf, in Wuppertal sind es besonders Springbrunnen und Aussichtstürme. Der Toelleturm in Hochbarmen ist ein besonders schönes Exempel dieser Zeit! Der Barmer Verschönerungsverein hatte ihn 1888 zum Gedächtnis an den Industriellen Ludwig Ernst Toelle im Umfeld einer kleinen Schmuckanlage errichten lassen. Auf unserer Facebook-Seite Stadtbild Deutschland e. V. Wuppertal haben wir gestern über ihn berichtet. Am kommenden Freitag bleiben wir noch bei der Gründerzeit und stellen auf „njuuz“ eine typische Wuppertaler Kirche dieser Ära sowie die Entwicklung eines gründerzeitlichen Stadtviertels vor.

 

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