19.11.2012

Alan Duff Andreas Bialas lesung Neuseeland

Lesen? Lesen! – Alan Duff und Andreas Bialas präsentieren im Historischen Zentrum „Warriors“…und noch viel mehr

Hätte Andreas Bialas nicht zu Beginn eine knappe Dreiviertelstunde lang nach allen Regeln der Kunst aus der deutschen Übersetzung von Alan Duffs neuseeländischem Jahrhundertroman „Once Were Warriors“ (dt.: „Warriors“) vorgelesen, wäre folgendes Fazit des Auftritts des Starautors von der südlichen Hemisphäre am vergangenen Donnerstag zulässig: eine Lesung ohne Lesung. Das aber ist nicht das Ende, sondern der Anfang einer Geschichte.

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Duff nämlich, der sich kategorisch den Konventionen des Formats verweigert und lange Phasen des Vorlesens und gespannt-geduldigen Zuhörens mit Befremden registriert, hält sich nicht damit auf, aus seinem Werk vorzutragen. Es liege ihm nicht, alles zu wiederholen, seine eigene Literatur eingeschlossen. Dessen Brillanz sei schon erwiesen, stellte er mit gesundem Selbstbewusstsein augenzwinkernd fest. Der vielbeschworene „clash of cultures“ zeigt sich so auch ganz friedlich im Aufeinanderprallen unterschiedlicher angelsächsischer und deutscher Traditionen des Umgangs mit dem geschriebenen Wort.

Dem LITERATURBÜRO NRW war es nach intensiven Vorbereitungen gelungen, den mittlerweile in Tours (Frankreich) ansässigen „Kiwi“ für die Lesungsreihe „Aus dem Land der langen weißen Wolke…“ als Spin-Off der diesjährigen Frankfurter Buchmesse nach Wuppertal zu locken.

Alan Duff genoss es indes sichtlich, ihn bewegende grundsätzliche Fragstellungen und Problemkreise, die sein literarisches Schaffen und politisches Denken durchdringen, spontan in freier Rede zu entwickeln – und zwar mit Vorliebe im Dialog, wenn es sein muss auch: Streitgespräch mit dem Publikum, das diesem Angebot nur allzu gern nachkam. Man könnte es literarische Bürgerbeteiligung nennen.

Dem SPD-Landtagsabgeordneten Bialas, der das gesamte Spektrum der Stimmmodulation und des lautlichen Spiels mit dem Mikro – einem Beatboxer gleich – ausschöpfte, oblag es, als „Warrior“ des Wortes zunächst allein, dann im Team mit der Moderatorin Maren Jungclaus, Duff, dessen kongenialem Übersetzer und Interpreten Alexander Conrad und nicht zuletzt der wissbegierigen Zuhörerschaft einen Eindruck von dem Roman selbst zu vermitteln.

„Warriors“ wirkte 1990 wie ein Schlag ins Gesicht des weitgehend harmonischen und politisch korrekten Selbstbildes Neuseelands. Es gibt eine Zeit vor und eine Zeit nach Duff. Als erster versprachlichte er radikal authentisch, radikal verdichtet die Lebenswelt vieler Maori zwischen Stolz, historischem Selbstbezug, kulturellem Erbe und Gewalt, Perspektivlosigkeit, Sozialwohnungen, Armut, Alkoholismus. Gewalt, die oft als „double betrayal“, doppelter Verrat an der Unversehrtheit erfahren wird – als physischer Akt und als Tat durch den Freund der Familie oder die eigene Mutter, den eigenen Vater.

Alan Duffs Umstrittenheit rührt nicht zuletzt daher, dass er die heutige Selbstanklagestruktur „der“ Herrschenden (hier: „der“ Weißen) und den angenommenen Opferstatus „der“ Maori gleichermaßen verdammt. Den Sprung in die Eigenverantwortung und die Selbstbefreiung aus der Opferrolle wertet er – ehemaliger Insasse eines Jugendgefängnisses – als entscheidenden Schritt seines Lebens und als einzige Möglichkeit der Emanzipation und des sozialen Aufstiegs für indigene Neuseeländer. Seine Botschaft: „No more excuses!“ Keine Entschuldigungen mehr.

Noch eines kommt hinzu, die eigentliche Pointe – des Abends im Historischen Zentrum wie auch seiner Biographie: Eine der Hauptfiguren des Romans, Beth Heke, wird eine Beobachtung einfach nicht mehr los, wenn sie in Gedanken alle Wohnungen und Häuser ihrer Umgebung durchstreift. Sie, ihre Familie, ihre Bekannten leben in einer Welt der Buchlosigkeit. Für sie gibt es keinen Zweifel, „daß eine Gesellschaft ohne Bücher in dieser modernen Welt keine Chance hatte, absolut keine Chance“ (Warriors, S. 14). Gleiches gilt für Duff selbst, der diese Schlussfolgerung in der möglichen Welt der Literatur einige Jahre später in der wirklichen seines Heimatlandes zog und die Stiftung „Duffy Books in Homes“ begründete, die bis heute über 100.000 Schüler mit neun Millionen Büchern ausgestattet hat.

Das Enfant terrible der neuseeländischen Literatenszene erachtet Analphabetismus und Bildungsarmut als maßgebliche Ursache der sich schrittweise bessernden prekären Lage der Maori am Rande der Gesellschaft.

Was kann Leben retten und Geschichte umschreiben?
Duffs verblüffend einfache Antwort, der Andreas Bialas, die versammelte neuseeländische Community Wuppertals und Karl Otto Mühl, Doyen und Instanz der städtischen literarischen Kultur im Auditorium, ausdrücklich beipflichteten, lautet:
Lesen!

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