24.10.2011

Wuppertal ist mehr als die Schwebebahnstadt – Von einer großen Chance und der Gefahr, sie zu verspielen

Bei der gegenwärtigen Diskussion um die Bezeichnung "Schwebebahnstadt" spielen viele Aspekte eine Rolle. Vielfach werden die Kosten eines Namenszusatzes thematisiert, oftmals die Einzigartigkeit der Schwebebahn beschworen. Dabei ist ein Namenszusatz eine echte Chance!

Joachim Beck ist Geschäftsführer der BECK UND CONSORTEN GmbH

Joachim Beck ist Geschäftsführer der BECK UND CONSORTEN GmbH

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Seit Oktober 2011 dürfen Städte und Gemeinden in NRW zukünftig Namenszusätze führen. Dabei können diese entweder auf der Geschichte, der heutigen Eigenart oder der Bedeutung der Gemeinden beruhen (s.u.).

Aus Marketing-Sicht ist das tatsächlich eine Chance. Zumal dann, wenn es gelingt, diesen Zusatz nicht nur auf einige Duzend Orteingangsschilder zu drucken, sondern auch möglichst viele Wuppertaler hinter diese Positionierung zu bringen. Die Bezeichnung „Schwebebahnstadt“ wäre allerdings eine verschenkte Chance. Denn – so bekannt die Schwebebahn auch ist – als Positionierung ist die Schwebebahnstadt denkbar ungeeignet.

Eine Positionierung der Stadt Wuppertal soll wirken. Auf Wuppertalerinnen und Wuppertaler, die stolz sein sollen auf ihre Heimatstadt und Anderen gerne davon berichten. Aber auch wirken auf Menschen, die in die Region kommen und hier bleiben sollen oder eben besser wollen. Auf Firmen, die erwägen, sich im Bergischen Land anzusiedeln. Und genau diese Wirkung hat die Schwebebahn nicht. Für die Wuppertalerinnen und Wuppertaler ist die Positionierung „Schwebebahnstadt“ nach hinten gerichtet. Haben wir in Wuppertal tatsächlich seit über 100 Jahren nichts mehr geleistet, auf das es sich lohnt, stolz zu sein? Und – machen wir uns nichts vor – für Außenstehende ist die Schwebebahn doch eigentlich nur eine kuriose Sehenswürdigkeit. Wuppertal als „Schwebebahnstadt“ zu positionieren ist verschenkt.

Dabei ist die Schwebebahn viel mehr als eine Kuriosität. Die Schwebebahn ist ein Symbol für Pioniergeist und schöpferische Kraft der Menschen im Tal der Wupper – und als solche sollten wir sie nutzen. Denn auch vor und vor allem nach dem 1. März 1901 gab es Entwicklungen, die über Wuppertal hinaus wirken. Aspirin, Kobold und die Krankenkasse, um nur drei zu nennen. Und nun das, was eigentlich wichtig und identitätsstiftend ist: Auch heute entwickeln Menschen in Wuppertal Produkte und Ideen, die Fortschritt bedeuten. Fortschritt in Wuppertal, im Bergischen Land, in Europa und in der Welt. Und genau darauf sollten wir stolz sein, diese Geschichte sollten wir Wuppertaler erzählen.

Wuppertal ist mehr als die Schwebebahnstadt – Wuppertal ist die Stadt der Entwickler. Und so sollten wir uns präsentieren, auf den Ortseingangsschildern, auf Briefbögen und eMails und auf unseren Autos. Wir sollten uns präsentieren, als die Stadt, in der kreative Menschen eine einzigartige Nährlösung für ihre Entwicklungen finden. Am Beispiel der Bergischen Universität, die Unternehmensgründungen fördert, wie keine andere Universität in Deutschland. Und am Beispiel des Wuppertal Instituts, dass Maßstäbe setzt bei der Entwicklung von Rahmenbedingungen für nachhaltiges Wirtschaften. Und am Beispiel der einzigartigen Schwebebahn, die ein Symbol ist für die Entwicklung von visionären Ideen, die vor über 100 Jahren in Wuppertal gebaut werden. Dass wir dabei noch längst nicht am Ende der Fahnenstange angekommen sind, ist die größte Chance einer solchen Positionierung. Denn die Ausrichtung auf ein gemeinsames Ziel könnte Kräfte bündeln. Wenn all diejenigen, die in irgendeiner Art für Wuppertal Marketing betreiben ihre Maßnahmen auf diese Positionierung ausrichten würden, würde sich die Wirkung potenzieren.

Lasst uns die Chance nutzen, nach vorne schauen und mit Selbstbewusstsein deutlich machen, was Wuppertal attraktiv macht – Wuppertal – Stadt der Entwickler!

Die Gemeinden können auch andere Bezeichnungen, die auf der Geschichte oder der heutigen Eigenart oder Bedeutung der Gemeinden beruhen, führen. Der Rat kann mit einer Mehrheit von drei Vierteln seiner Mitglieder diese Bezeichnung bestimmen und ändern. Die Bestimmung und Änderung der Bezeichnung bedarf der Genehmigung des für Inneres zuständigen Ministeriums.

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Kommentare

  1. engola sagt:

    Wir haben übrigens neulich drüben eine Umfrage gestartet.
    https://www.facebook.com/questions/258875247487295/

    Mopperstadt, Tanztheaterstadt, Engelsstadt und Freejazzstadt hatten nach Schwebebahnstadt die meisten Stimmen. – Dazu fand ich auch „Zukunftslabor“ und Regenstadt sehr gut 😉

  2. max moritz sagt:

    langer rede kurzer sinn: ein affirmatives wörtchen finden, das uns alle gut trifft: schön, ja, finde ich auch. aber wenn ich eine packung persil kaufe, dann deshalb, weil da „waschmittel“ draufsteht, und nicht „ist ganz toll“, „wäscht gut“ etc. wie sie es herleiten, ist doch schön: schwebebahn als ausdruck von pioniergeist und erfindungsreichtum (ja, auch reichtum als solchem…). sie sind selbts marketingmensch: da liegt es nahe, mantras zu formulieren. ein ortseingangsschild soll aber kein mantra enthalten, sondern fakten. universitätsstadt z.b. wäre fakt, aber langweilig, hat jeder, und wuppertal nicht vorrangig.
    die einwände gegen „schwebebahnstadt“ sollen nicht ganz weggewischt werden, aber was bleibt uns eigentlich als ganz große identität? und sollen wir dazu nicht stehen, dass wir bereit sind, mehr als 1 mrd. euro aufzuwenden, nur um das ding heute, wo es unserer stadt finanziell „viel schlechter“ geht als 1901 (relativ natürlich nur!) nochmal komplett zu bauen? mit allen leiden (unfall…) und lasten. was genau verbindet uns mehr als dieses kuriose ding?
    diese werbetitel wie der von ihnen genannte trifft nicht das herz der leute. ganz einfach. und es stimmt so ganz eben auch nicht, es hebt uns nicht ab von vielen anderen, die auch tüfteln und entwickeln.

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