Vertane Chance

Neonazis dürfen nicht unwidersprochen ihre kruden Thesen skandieren. Die Zivilgesellschaft ist aufgefordert, diesem abstoßenden Treiben entgegen zu treten. Der letzte Samstag bot die Chance, ein friedliches und kraftvolles Zeichen für Toleranz zu setzen. Sie wurde vertan. Kommentar.

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Der Auftakt war vielversprechend. Die Kundgebung auf dem Kirchplatz ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Mehrere Tausend Menschen demonstrierten friedlich gegen das versprengte Häuflein von vielleicht 150 Rechtsextremen, das zu diesem Zeitpunkt im Anmarsch auf Wuppertal war.

Aber schon gegen Ende der Veranstaltung, als von der Bühne dazu aufgerufen wurde, sich in Richtung Unterbarmen zu bewegen, um die Nazis zu „empfangen“, schwante vielen Teilnehmern nichts Gutes. Sie sollten Recht behalten. Bereits hinter dem Döppersberg kam es aus der Mitte des friedlichen Demonstrationszuges zu ersten Gewaltaktionen vermummter Chaoten gegen Polizeibeamte, die dagegen entschlossen (manche sagen: mit übertriebener Härte) vorgingen.

Im weiteren Verlauf des Tages kam es immer wieder zu Handgreiflichkeiten zwischen Polizei und linken Demonstranten. Der Streit um die Deutungshoheit darüber, wer wen wie zuerst mit welchem Gewalteinsatz angegriffen hat, ist ein Ritual, das von solchen Anlässen hinreichend bekannt ist und das wir vermutlich schon am 1. Mai wieder erleben werden.

Am Ende werden sich wieder die falschen Bilder in den Köpfen festsetzen: Flaschen werfende Chaoten und Polizisten auf der Jagd nach Autonomen. Vom friedlichen Protest tausender Bürger gegen den Nazi-Aufmarsch wird kaum noch die Rede sein.

Georg Sander
njuuz-Team

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Kommentare

  1. Svenja M. sagt:

    Hier wurde überhaupt keine Chance vertan! Ich bin stolz auf die Wuppertaler Bürger, die zu tausenden friedlich(!) gezeigt haben, was sie von Nazis halten. Wegen einer kleinen Gruppe gewalttätiger Linken, diesen Erfolg kleinzureden finde ich schlecht. Ich war am Wicküler Park, stand direkt vor den Polizisten. Hier flogen Eier auf die Nazis, aber keine Flaschen! Meine türkische Freundin hat am vorletzten Samstag (mal wieder) Angst gehabt als sie auf zum Teil vermummte und parolenschwingende Nazis in Elberfeld traf. Ich frage mich, wieso die Polizei da nur zugesehen hat. Und ich frage mich, warum man nach vierstündiger erfolgreicher Nazi-Blockade am Sa. die B7 nicht endlich wieder der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt hat und die Nazidemo in eine Nebenstraße geschickt hat?

  2. Rosemarie Steyer sagt:

    Diese Chance ist auf gar keinen Fall vertan! Im Gegenteil – 5000 haben die Chance genutzt! Die Wuppertaler haben wieder einmal ein deutliches Zeichen gegen Rechts gesetzt. Dass einige das Recht auf Demonstration wieder genutzt haben, um mit Gewalt vorzugehen ist sehr bedauerlich. Wer aber nur über diesen Aspekt einer in großen Teilen friedlichen Veranstaltung schreibt und spricht konterkariert den Erfolg. Die Nazis wissen jetzt, dass sie in Wuppertal (und vor ein paar Wochen in Neviges) mit Widerstand rechnen müssen.
    Übrigens – da wo meine Freunde und ich friedlich in der Nähe einer Polizeisperre standen, auch mit Kindern, hat die Polizei Reizgas eingesetzt. Für die Umstehenden völlig unangemessen!

  3. Uwe Peter sagt:

    Lieber Georg Sander,

    ich finde es bedauerlich, dass eine politische Distanzierung Ihrerseits scheinbar nicht nur notwendig sondern auch bestimmend ist in der Bewertung des vergangenen Samstages.

    Bei allen Differenzen zu Inhalten und Aktionsformen bestimmter politischer Gruppierungen, bleibt mir nur zu sagen: Viele Wuppertaler/innen haben gezeigt, dass die Nazis hier nicht willkommen sind und dass ihnen nicht bereitwillig die Straße überlassen wird. Und nicht nur verbal, sondern auch ganz konkret. Es handelte sich schließlich nicht um „harmlosen“ Blödsinn redende Politiker, sondern eine Gruppierung die ganz konkret – auch in Wuppertal – tätliche Übergriffe auf unsere Mitbürger unternimmt.

    Ich bin ehrlich gesagt froh, dass es Menschen gibt, die dem nicht nur bei „Sonntagsreden“ etwas entgegensetzen. Dass es dann Rangeleien mit der Polizei gibt, hat auch was mit den Einsatzkonzepten und dem Selbstverständnis der Einsatzleitung zu tun. Leider ist die Polizei kein Maßstab, sie setzt willfährig alles durch, was man ihnen vorgibt. Dass sie dabei ihre Handlungsspielräume im Unguten mit Übergriffen und kruden Konzepten überstrapaziert, beweisen nicht nur in Wuppertal die 1. Mai-Demos sondern auch Aktivitäten um Stuttgart21.

    Wenn eine Chance vertan wurde, dann die, den Nazihorden im Vorfeld politisch/rechtlich einen eindeutigen Platzverweis zu erteilen. Ganz ohne „Flaschenwerfen“.

  4. Peter Becker sagt:

    Die Gewalt ist ausschließlich von den (linken-)Gegendemonstranten ausgegangen. Dafür, dass Polizisten am Wicküler-Park mit Flaschen und Pflastersteinen beworfen wurden, handelten sie sehr besonnen.
    Diese Pressemitteilung des Bündnisses spiegelt sicher nicht den „bürgerlichen“-Teil der Unterzeichner wieder.
    Die linken Chaoten haben mit ihren Alleingängen und der eingesetzten Gewalt einen sehr dunklen Schatten auf die erfolgreiche Kundgebung vom Vormittag gelegt. Außer den Linksparteien sind alle düpiert. Glückwunsch!

    1. Waldorf sagt:

      Sie waren offenbar nicht viel unterwegs an dem Tag. Kein Mensch heißt die Aktion des Steinewerfens in Unterbarmen gut. Ich selbst habe jedoch miterlebt, wie völlig grundlos – und damit offenbar beabsichtigt – die Polizei zu völlig unangemessener Gewalt in Form von Tränengas und Schlagstockeinsätzen griff und dadurch die Situation erst eskalieren ließ. Von de-eskalativem Verhalten der Polizei kann daher überhaupt keine Rede sein. Es ist nicht sinnvoll in eine bis dato friedliche Menge von ca 300 Demonstranten mit 6-8 schwer uniformierten Polizisten reinzustürmen, um da jemanden rauszuholen, dabei zu allen Seiten hin Reizgas zu versprühen und die Leute beiseite zu prügeln. Den Menschen haben sie dann auch direkt in der Menge zusammengeknüppelt und ihm ebenfalls eine ordentliche Portion Reizgas aus nächster Nähe verpasst. Das darauf hin die Situation eskalierte war vorprogrammiert – und meiner Meinung nach auch von Seiten der Polizei so gewollt.

      1. trainspotter sagt:

        Beziehst Du dich damit auf die Situation, in der das weiter unten besprochene Bild von Herrn Fischer entstand?
        Für jemanden, der nicht dabei war, wäre dies eine hilfreiche Zusatzinformation. Vorab Dank für etwaige Aufklärung.

        1. Waldorf sagt:

          Nein – zu dieser Situation kam es an der Hofkamp/Ecke Gathe, als noch etwa 300-500 Demonstranten vor Ort waren und die „Kundgebung“ der Nazis fast vorbei war. Man stand friedlich – aber laut im Protest – vor den Barrikaden und für diese Eskalation gab es überhaupt keinen Grund. Weder wurde mit irgendetwas geschmissen, noch wurde in irgendeiner Form versucht, die Barrikaden zu druchbrechen. Der dort Zusammengeprügelte war übrigens erst 17 Jahre alt, wie uns von seinen Freunden berichtet wurde. Wir haben natürlich ugehend den Ermittlungsausschuß informiert.

  5. engola sagt:

    Es ist immer nur die Frage, welche Perspektive man Ansetzt. Die Gegendemonstration und aktionen der Antifa waren sehr erfolgreich, denn die Faschisten werden so schnell nicht mehr wiederkommen, geschweige denn auf Idee kommen, eine Kundgebung (die sich auch noch gegen unsere Freiheitliche Grundordnung richtet) in Wuppertal durchzuführen.

    In der Nachlese muß ich leider sehen, daß die WZ und andere Medien äußerst einseitig berichten. Unter anderem wurde der Übergriff (schwere körperliche Gewalt) einer Gruppe Neonazis gegen friedliche Passanten auf der Friedrich-Engels-Allee in keinem etablierten Medium erwähnt. – Die Faschisten (ca. 30 Personen) wurde deswegen dort von der Polizei (leider zu spät) eingekesselt und verhaftet.

    Im übrigen werde ich persönlich mich den Faschisten immer und zu jeder Zeit in den Weg stellen. Wuppertal hat keinen Platz für Nazis, das haben die Bürger dieser Stadt am Samstag unmißverständlich klar gestellt.

    Man darf nicht übersehen: Auch auf Seiten der Blockierer fand sich ein Querschnitt der Wuppertaler Bevölkerung. Ein deutliches und wichtiges Zeichen!

  6. Thilo Prokosch sagt:

    Sehr geehrter Herr Sander,

    ich stimme Ihnen in Ihrem Kommentar so, wie er formuliert ist, nicht zu. Sie erzeugen hier leider auch das Bild, dass die „linken Chaoten“ am Ende einmal selbst Schuld daran sein werden, wenn doch wieder alle guten Bürger lieber Nazis wählen als diese unschönen Verhältnisse vom Samstag weiter erleben zu müssen: Dass – ja eigentlich wegen der Autonomen und deren Gefahren – die ganze Stadt gesperrt werden muss usw.
    Das ist doch arg a-historisch betrachtet. Wir müssen nicht jeden Ball, den uns die Nazis hinwerfen, aportieren, also wenn sie demonstrieren muss gegengehalten werden und immer weiter so, bis sich das alles auf 20er-Jahre Niveau hochgeschaukelt hat. Aber leider gibt es immer noch keine andere gute Lösung als doch in solch einem Fall lautstark „Nein“ zu rufen. Leider sind danach die ganz linken „Kräfte“ nicht Herr ihrer Verfassung und müssen immer dieses Spielchen treiben, zur Entlarvung unseres Polizeistaates oder was auch immer.
    Aber mal im Ernst: Sie und wir sind doch erwachsen genug, um das in Wuppertal 1x wegzustecken und zu sagen, „muss das denn sein, Kinder“ – aber nicht dieses Ihr trauriges Lamento, das Bild der friedlichen Protestkundgebung wäre damit besudelt worden. Seien Sie doch so stark, dies einfach mal voneindander zu trennen: Es hat beides gegeben, das eine war gut so, das andere nicht zu vermeiden, und diese Stadt hat ein Signal gesetzt, von (OB) Jung bis Alt. Wenn man Ihnen nun zuhört, scheints fast so als hätte man auch das nicht tun sollen, weils jetzt so vergebens war.
    Nein, das sehe ich anders, Sie sollten das auch nicht so schreiben, und die Aktiönchen der Autonomen sind doch immer noch halbe Sachen („Pillepalle“) im Vergleich zu dem, was wir aus historischer Erfahrung nie wieder hier haben wollen.
    Anmerkung: Damit sei diversen linken Ideologien mit autoritärem oder diktatorischem Potenzial nicht das Wort geredet. Als wenn der gewaltige „Widerstand“ jetzt richtig war und hilfreich – nein, nur Ihre Negativberichterstattung sehe ich als kontraproduktiv.

    1. Georg Sander sagt:

      > Sie erzeugen hier leider auch das Bild, dass die “linken Chaoten” am Ende einmal selbst Schuld daran sein werden, wenn doch wieder alle guten Bürger lieber Nazis wählen als diese unschönen Verhältnisse vom Samstag weiter erleben zu müssen

      Lieber Herr Prokosch,

      das können Sie weder in meinen Zeilen gelesen haben noch dazwischen.

      Ihrer Verharmlosung von Gewalt als „Aktiönchen von Autonomen“ kann ich mich nicht anschließen. Und die 14 Polizisten, die als Folge dieser „Aktiönchen“ Verletzungen davon getragen haben, vermutlich auch nicht.

      1. engola sagt:

        Manche Polizeibeamte haben bestimmt auch ihr eigenes Pfefferspray abbekommen, so wirr und ungezielt, wie sie rumsprühten. (Sowas wird dann auch als „Verletzung“ gewertet) Siehe z. B. hier: http://tinyurl.com/6kfo6ct (Beachte auch die Personen auf dem ganzen Foto, diese sind keiner einheitlichen Klientel zuzuordnen – Links sieht man übrigens die Landtagsvizepräsidentin als DemoTeilnehmerin vor der Polizeikette stehen)

        Pauschale Aussagen sind immer sehr schwer zu werten, wenn man nicht weiß was, was wann wie und warum passiert ist.

        1. trainspotter sagt:

          Genau das hier verlinkte Bild ist mir auch aufgefallen. Ich möchte meine Bewertung dieses konkreten Vorfalls in folgendes Bild fassen: Wenn es sich hier um eine Schulhofrangelei zwischen zwei Klassen gehandelt haben würde, dann hätte sich der Hauptakteur auf dem Bild eine gehörige Portion Klassenkeile der eigenen Gruppe verdient gehabt, da er in einer (vielleicht) kritischen Situation seine eigenen Kameraden erheblich gefährdete. Als Polizeiführer würde ich mir den Mann nochmal kräftig zur Brust nehmen und ggf. disziplinarisch ‚belehren‘. (Natürlich nur, wenn er _eigenmächtig_ gehandelt hat… Ansonsten Gratifikation.)

          Wenn man diese Momentaufnahme beispielhaft als Aufhänger nimmt, dann kommt man schnell zu der Frage nach der Polizeistrategie. Die (bürgerlichen!) Gegendemonstranten wurden schon auf dem Kirchplatz durch halbverdeckte (hinter Fenstern in umliegenden Gebäuden) Aufklärungspolizisten intensiv beobachtet und teilweise auch gefilmt. Offensichtlich gaben diese Herren ihr Wissen in Echtzeit weiter (Handy). Die Polizeiführung wusste also sehr genau, was die Gegendemonstranten machten. (Und die Polizisten vor Ort übersahen geflissentlich die offensichtlichen Kundschafter aus dem braunen Lager, die auf späteren Bildern von Herrn Fischer als Teilnehmer des Nazi-Marschs wieder auftauchten.)

          Die Polzeiführung für dumm zu halten ist töricht, sie hat sicherlich genug Erfahrung, um den Ablauf infantiler ‚Laufspielchen‘ autonomer Gruppen im voraus zu berechnen und entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten.

          Es ist also unglaubwürdig, wenn so getan wird, als ob friedliche Polizisten (also Bereitschaftspolizei in abgerüsteten Zustand ohne Schild und Helm) sich auf der B7 plötzlich und unerwartet einem gewaltbereiten Mob aus Luftballonträgern und MdL gegenüber sah. Die auf dem Bild gezeigte Situation ergibt aber Sinn, wenn man sich an die Taktik erinnert, die in Stuttgart gefahren wurde: Es wurde versucht eine Hundertschaft _ungeschützter_ Polizeischüler zu verheizen, um „gute“ Pressebilder zu bekommen. In Stuttgart ging dieses Konzept, dank der Besonnenheit auch Wuppertaler Demonstranten, nicht auf. In Wuppertal wohl.

          Nebenbei. Als nach den Reden des OB und des Ministers deutlich wurde, daß im weiteren infantile Geländespielchen zwischen Braunen, Grünen und Roten statt finden sollten, habe ich zum Zwecke des ‚Trainspotten‘ die Stadt verlassen. Gesehen und gelernt hatte ich über diese Stadt und die Abläufe darin, bis zu dem Zeitpunkt schon genug.

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