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Agenda 21-Preise 2017 in Solingen – Vorbilder für Wuppertal?

15.04.2018 17:25

Café JinoSol e.V., Junge Expertise für nachhaltige kommunale Entwicklung sowie Kinder- und Jugendgruppen der Umweltverbände sind Preisträger

Kunstmuseum Solingen ©R. Blaschke

Wuppertal kann im Gegensatz zu Solingen keinen Agenda 21-Preis haben, weil der Rat der Stadt im Jahr 2003 beschlossen hat, dass der Agenda-Prozess in Wuppertal beendet ist. Trotzdem waren in letzter Zeit auf Wuppertaler Boden zwei „Agenda-Veranstaltungen“: im Dezember 2017 in Wichlinghausen, als Abschluss des Auftakttages des Besuchs aus Jinotega im Rahmen einer „Junge Expertise“-Veranstaltung in Solingen und im Januar Im Barmer Rathaus eine Podiumsdiskussion mit einer Vertretung Solingens auf dem Podium, aber Vertretern von Rat und Verwaltung Wuppertals als Zaungästen im Saal.

Mit dem Agenda 21-Preis ausgezeichnet werden Aktionen und Aktivitäten von Solinger Einzelpersonen, Gruppen, initiativen, Vereinen oder Firmen, die sich mit herausragendem Engagement für eine lebenswerte Zukunft heutiger und nachkommender Generationen einsetzen.

Verliehen wurde der inzwischen 18. Agenda 21-Preis am 17.03.2018 in drei Kategorien:

  • der Solinger Agenda 21-Preis 2017 an den JinoSol e.V..
  • der Junior Agenda-Preis an Junge Expertise für nachhaltige Entwicklung und
  • der Sonderpreis des Oberbürgermeisters an die Kinder- und Jugendgruppen der Umweltschutzverbände BUND, NABU und RBN.

„Café JinoSol“ ist fair gehandelter Kaffe, der in Jinotega angebaut wird, und anschaulich wird der Anbau durch eine Fotoreportage: „Reise zu den Kaffebauern in Jinotega“. Vertrieben wird dieser Kaffee vom JinoSol e.V., der das Ziel verfolgt, in Jinotega (Nicaragua) und Solingen eine zukunftsfähige Lebensweise zu fördern und Menschen beider Regionen auf Augenhöhe miteinander zu verbinden – eine Art Städtepartnerschaftsverein neben dem offiziellen, dem Förderverein Städtefreundschaft mit Jinotega, der den Vertrieb des genannten Kaffes fördert. Aus Jinotega kommt rund ein Drittel des Kaffees aus Nikaragua, das Zentrum ist aber das südlich davon liegende Matagalpa, Wuppertals Partnerstadt.

In Wuppertal ist es nicht ganz so einfach. Das Informationsbüro Nicaragua hat als Partnerorganisation den Hamburger el rojito e.V., der ein sehr altgedienter Vertreiber fairen Kaffes aus Nicaragua ist. Werbung für El Rojito in Wuppertal scheint es nicht zu geben, und beim Städtepartnerschaftsverein Wuppertal – Matagalpa ist er kein Thema. Einen kleine Kaffeeröster gibt es aber in Wuppertal: das Troxlerhaus – eine Behindertenwerkstatt. Angeboten wird unter anderem Nicaragua SHG EP (strikt aus großer Höhe, europäische Aufbereitung – mit wenig defekten Bohnen). „DP“ für „trockene Aufbereitung“ des Kaffes, fehlt. Gerade in den Bereichen unterhalb der Kaffeeplantagen hat das Abwasser der feuchten Aufbereitung in Matagalpa den Einwohnern Probleme bereitet. Das könnte ein Punkt sein, wo ein Wuppertaler Kaffeeverein „MataSol e.V.“ ansetzen könnte.

Der faire Handel mit Kaffee ist hier ansonsten in den Händen der Gepa. Die hatte Besuch vom Umweltamt der Stadt Matagalpa und hat im Juni 2017 ein Podium zum Thema „Climate First“ veranstaltet – der Klimawandel droht die Errungenschaften der fairen Tauschbeziehungen zunichte zu machen. Anwesend war unter anderem der Wuppertaler Oberbürgermeister Andreas Mucke. In der Broschüre zum abgeschlossenen Projekt der Klimapartnerschaft Wuppertal – Matagalpa wird auf den massiven Pilzbefall der Kaffeefrüchte hingewiesen und darauf, dass durch nachhaltige Landwirtschaft dem Einhalt geboten werden kann. Der Titel des neuen Projektantrags lässt auch so deuten, dass das jetzt in die Tat umgesetzt werden soll. Das könnte ein Feld sein, auf dem Erfahrungsaustausch mit Angehörigen von ökologischen Verbänden wie Demeter unter Beteiligung der Wuppertaler Zivilgesellschaft möglich wäre.

Der Junge Agenda-Preis wird von den Wirtschaftsjunioren Solingen gestiftet. Die Wuppertaler Wirtschaftsjunioren handeln laut ihrer Selbstdarstellung im Internet, um „unsere Stadt so lebenswert zu gestalten, wie wir es uns vorstellen“, und auch die Namen der Arbeitskreise lassen nicht erwarten, dass der Horizont weiter ist als die Grenzen des Wirtschaftsstandorts, Bei den Solinger Wirtschaftsjunioren ist das offensichtlich anders, denn ihr Preis ging mit der „Jungen Expertise“ an ein internationales Netzwerk von Menschen im Alter von 18 bis 30 Jahren, die ihr Wissen und ihre Aktivitäten für nachhaltige Entwicklung austauschen, voneinander lernen und an ihren jeweiligen Heimatorten konkret anwenden – in Klima- und Ressourcenschutz, .Land- und Forstwirtschaft, fairem Konsum und zukunftsfähiger Stadtentwicklung. Konkretisiert wird das in Solingen durch den Austausch mit der Partnerstadt Jinotega, aber auch anderen europäischen Kommunen.

Das klingt nach informeller Begegnung auf Augenhöhe. Wie der Internetseite des Städtepartnerschaftsvereins Wuppertal – Matagalpa zu entnehmen ist, läuft es bei ihm anders: junge Menschen werden über „Weltwärts“ entsandt und arbeiten z.B. als Lehrer an einer der „Partnerschulen“. Aber die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler ist unsymmetrisch, so dass es nicht verwundert, wie erfolglos der Versuch war, im Rahmen des Klimapartnerschaftsprojekts über den Ozean hinweg Kontakte zwischen Schülern zu knüpfen. Und die Anpassung eines pädagogischen Ressourcenschonungsprojekts des Wuppertal Instituts an Klimapartnerschaften war wohl so „abstrakt“, dass wegen des fehlenden Zusammenhangs mit dem konkreten Klimapartnerschaftsprojekt (Hochwasserschutz und Aufforstung) zu erkennen war, so dass auch hier ein durchschlagender Erfolg ausblieb. Zur Schaffung eines für Klimagerechtigkeit günstigen Klimas eignet sich vielleicht ein Pilotprojekt mit jungen Erwachsenen aus der ökologischen Landwirtschaft, der Schädlingsbekämpfung und ähnlichen Bereichen.

Wie der Sonderpreis des Oberbürgermisters ausweist, wird in Solingen von Kindern und Jugendlichen noch nicht erwartet, dass sie einen ausgeprägt globalen Horizont haben: Er ging an die Kinder- und Jugendgruppen dreier Umweltverbände. Das sind augenblicklich fünf Gruppen, in denen Kindern und Jugendlichen unsere heimische Umwelt näher gebracht wird – Freude daran vermittelt, sich auf Wiesen und in Wäldern zu bewegen. Hierbei wird Wissenswertes über Pflanzen und Tiere sowie zum Erhalt von Lebensräumen vermittelt und somit das Fundament für deren späteren Schutz gelegt.

Augenscheinlich geht in Solingen nicht durch ein Übermaß an Belehrungen oder nicht intrinsisch motiviertes Forschen der Spaß an der Beschäftigung mit der Natur verloren. Wenn man bedenkt, wie in der Wuppertaler Junior-Uni junge Forscher herangezogen werden, kann man sich leicht vorstellen, warum die Kinder- und Jugendarbeit bei den Wuppertaler umweltverbänden zum Erliegen gekommen ist. Und unter diesem Gesichtspunkt wäre es vermutlich auch nicht ratsam, nach dem Vorbild von Plant for the Planet Kinder zu Klimabotschaftern machen zu wollen. Erst wenn im Ethikunterricht das Thema „Gerechtigkeit“ behandelt wurde und gewisse naturwissenschaftliche Kenntnisse erworben wurden, läuft man nicht Gefahr, mit Botschaften über den Zusammenhang zwischen gewissen Konsumgewohnheiten und Klimagerechtigkeit die Adressaten zu überfordern. Unter diesem Gesichtspunkt waren die Angebote des Kinderschutzbunds und von UNICEF: „Im Wald ist es schön.“ Und „Seife kann Leben retten.“ (zum Thema Wasser) beim Umweltfest der Station Natur und Umwelt 2017 gut gewählt, während die Artenbestimmungs-„Spiele“ bei den Umweltschutzverbänden fehl am Platze waren, da sie durch Überforderung der Kinder leicht zu Spaßtötern werden können.

Angesichts des Zuspruchs, dessen sich Urban Gardening bei Erwachsenen erfreut, liegt es nahe, Kindern und Jugendlichen eher gärtnerischen Umgang mit Pflanzen als deren Erforschung näherzubringen. Dann ergäbe sich z.B. ein Anknüpfungspunkt an die Aktivität Ireens, eines Mädchens aus Sambia, von dem UNICEF im Internet berichtet, dass sie 5.000 kleine Bäume gepflanzt und dann gehegt und gepflegt hat, und das mit einfachsten Mitteln – in alten Autoreifen oder Getränkekartons. In dieser Beziehung könnte als großes Vorbild Wangari dann Maathai dienen, die Friedensnobelpreisträgerin aus Kenia, deren Grüngürtel- Bewegung in Afrika letztlich Anregung für das Projekt einer „Großen Grünen Mauer“ südlich der Sahara war, Das könnte auch als Einstieg ein Projekt im Stile von Plant for the Planet sein – aber unter besseren Voraussetzungen.

Überdies sieht es eher so aus, als ob im nächsten Wuppertaler Klimapartnerschaftsprojekt Wuppertals etwas gegen den Wassermangel getan werden soll, der außerhalb des Starkregens herrscht – ein Thema, das auch in Jinotega akut ist. Unter anderem sollen Mustergärten angelegt und ein bestehendes Gebäude in ein Umweltbildungszentrum umgebaut werden. Hierdurch würde das Thema „Garten“ akut, und auch das Thema Entsendung von Lehrkräften oder der Austausch im Rahmen von „Junge Expertise“ erschiene in einem neuen Licht.

Selbst wenn der hier nicht erwähnte kostenträchtige Teil des Wuppertaler Projekts nicht umgesetzt werden kann, bleiben die hier angedachten ziivilgesellschaftlichen Aktivitäten sinnvoll.

 

 

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