Kultur | Matthias Dohmen | 26.3. | 1 Kommentare | drucken


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Die Legende vom „halben Halbach“ und 20 andere phantastische Geschichten

Grenzerfahrungen thematisiert die Wuppertalerin Miriam Schäfer, die ihre erste eigenständige Veröffentlichung vorlegt. Eine wirklich beeindruckendes Sammlung von Storys, die wir ohne Federlesen zum „Buch des Monats April“ erklären.

Klare Sätze, kein überflüssiges Wort, eine sehr eindringliche Prosa, die Leserin und Leser in den Bann schlägt: Ihre Art zu schreiben ist schon in die Tradition gestellt worden, in die Edgar Allan Poe oder ETA Hoffmann hineingehören. Der Rezensent fühlte sich bei der „Wandernden Wand“ in der Geschichte „Die Yuki’Hiyaku und das Licht“ an Walter Moers erinnert.

Es ist eine Wirklichkeit jenseits der Realität, die Schäfer beschreibt, eine, die sich verselbständigt: „Ohne das Zutun ihres Meisters führten die Puppen dort einen rücksichtslosen Reigen auf: Sie sponnen Fäden und zerrten daran, versuchten mit deren Hilfe andere in ihrem Sinne zu führen. Sie stießen einander vom Rand der Bühne, rissen sich gegenseitig Gliedmaßen aus und verwickelten sich dabei hemmungslos in den Stricken, bis diese sie selbst zu Fall brachten“, heißt es auf Seite 90 in der Geschichte „Der Puppenspieler“.

Beklemmend die in den Wäldern zwischen Ronsdorf und Remscheid spielende „Legende vom halben Halbach“, der dazu verdammt ist, „immer wieder mitanzusehen, wie sein Heim und seine Familie verbrannten“, was ihn aber nicht davon abhält, „den kleinen Paul von der Leyermühle, den Mutigsten von ihnen“, zu retten (S. 113 ff.).

Bemerkenswert ist auch die Geschichte über Engel, die „den Verlassenen Kraft und Hoffnung“ geben: „Und dann, wenn sie auf jemanden treffen, der ihrer dringender bedarf, werden sie weiter geschickt“ (S. 99). Auch in einer Welt ohne den Alllmächtigen lebt die Hoffnung:

„Glauben Sie an Gott? – Nein, ich auch nicht.

Aber ich glaube an Engel“ (S. 102).

Die Autorin dieser Geschichten wurde 1978 in Wuppertal geboren, wo sie als freie Literatin und Schulbibliothekarin lebt. Studiert hat sie Neuere deutsche Literatur und Japanologie. Einem breiteren Publikum wurde ihr Name 2014 bekannt, als sie den Deutshen Phantastik-Preis verliehen bekam.

Ihr ist zu wünschen, dass sie weit über das Bergische Land hinaus wahrgenommen wird. Etwa mit der Erzählung über das „Mysterium des weltweiten Uhrenstillstandes“, der auf die kleine Rosa und die „kleine Wichtelfrau Tintikedi“ zurückzuführen ist: „Opa! strahlte sie. Ist das nicht wundervoll, endlich hast du Zeit, endlich haben wir Zeit. Gehen wir in den Zoo?“ (S. 85).

 

MATTHIAS DOHMEN

 

Miriam Schäfer, Das Fehlen des Flüsterns im Wind. Und andere phantastische Kurzgeschichten aus dem Halbdunkel, Hamburg: acabus 2018, ISBN 978-3-86282-563-9, 181 S., Euro 12,00, www.acabus-verlag.de, www.miriamschaefer.com.

 

Kommentare

  1. Manuela Hahn sagt:

    Eine schöne Rezension, darf ich die unter meiner verlinken?