Kultur | Matthias Dohmen | 13.3. | 0 Kommentare | drucken


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Buch des Monats: Regine Radermachers Geschichten aus einem Seniorenheim

Alle reden vom Pflegenotstand. Was es wirklich damit auf sich hat und wie eine Lösung aussehen könnte: In diesem Roman kann man es nachlesen. Unser Buch des Monats März.

Und man liest mit Vergnügen und mitunter auch Beklemmung, wie es alten Menschen geht, die in einem Altenheim leben. Die Qualität kann nur auf ein gutes Niveau kommen, wenn sie „keine Nullachtfünfzehnpflege bleibt“, sondern „wirklich eine individuelle“ wird: „Bleibt den Mitarbeitern nicht die Möglichkeit, sich den Menschen zu nähern, weil sie unter ständigem Druck stehen oder ihnen alle Verantwortung genommen wird, steuern wir mit den stationären Einrichtungen auf eine Katstrophe zu“ (Seite 209).

 

 

Gut, das haben auch schon andere gesagt, doch was wir in Radermachers Werk auf fast 250 Seiten lesen können, geht weit über eine der üblichen Klagegesänge hinaus. Mit einem gelungenen Spannungsbogen, typischen Charakteren und Sinn für Humor entwickelt die Autorin Geschichten und eine Rahmenhandlung, die man nicht so schnell vergisst.

Diesen Rahmen bildet der ganz normale Wahnsinn einer Pflegeeinrichtung, mit Menschen wie du und ich, die sich bemühen, ihre Aufgaben zu erledigen. Doch sie haben eine außergewöhnliche Idee: Die Geschichten, die sie von den Bewohnern aufschnappen, zu Papier zu bringen:

„‚Ach, darum habt ihr auch diese Geschichtensammlung angefangen’, Susannes Gesicht hellt sich auf. ‚Ja, da haben wir gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Einiges haben wir dir schon erklärt. Die Bewohner werden für uns nicht nur zu Pflegefällen, sondern zu Menschen. Es macht Spaß, ihren Kampf mit den Hindernissen des Lebens zu verfolgen. Daraus lernen wir … Wie möchte ich alt werden?“ (S. 199).

Die Geschichten, die in dem Buch erzählt werden, gehen mitunter an die Nieren, man kann aber auch oft über die Begebenheiten lachen. Oder beides in einem, seien es nun Bombennächte, die rekapituliert werden, oder tragische Ereignisse, die sehr persönlich sind. Fast in allen niedergeschriebenen Geschichten geht es „um irgendwelche Beziehungen“, „solche, die gelungen sind oder auch gescheiterte“, resümiert Karin, eine der prägenden Gestalten, auf S. 59. Brigitte, Edith, Sven, Gundula, sie alle werden dem Leser lebendig und durchlaufen eine Entwicklung.

Man lernt auch einiges fürs Leben. Wer kennt nicht selbst aus dem engeren oder weiteren Bekanntenkreis oder der Verwandtschaft einen Menschen, der an Demenz oder beginnender Demenz leidet und unbeherrscht wird, unkalkulierbar, aber nicht den Menschen treffen will, der ihm unmittelbar gegenübersitzt, sondern mit seiner eigenen Vergangenheit kämpft (S. 137, auch S. 24)?

Die Autorin ist selbst vom Fach und hat Theologie, Erziehungswissenschaften, Psychologie und Literaturwissenschaft studiert. Bisher ist sie mit Gedichten und Kurzgeschichten hervorgetreten, die in Anthologien erschienen sind. Der „Rosinenstuten“ ist ihre erste eigenständige Veröffentlichung, und es ist nicht zu viel behauptet, wenn der Rezensent feststellt: Es ist ein großer Wurf geworden. Der Erwähnung wert sind schließlich die Illustrationen von Jens Philip Höhmann.                                                                  MATTHIAS DOHMEN

 

Regine Radermacher, Wo ist der Rosinenstuten? Geschichten aus dem Seniorenheim/Roman, Berlin: Beggerow 2017, ISBN 978-3-936103-54-0, 245 S., Euro 15,90, www.beggerow-verlag.de.