Wirtschaft
 |  | 7.12. | 

Die Renaissance des Hutes

07.12.2017 10:15

Viele waren traurig, als Hut Küpper am Kirchplatz vor einigen Jahren schloss. Das war’s dann mit dem Hutmacherhandwerk in Wuppertal. Aber da tut sich was…..

20 schmucke Quadratmeter Hochparterre in der Luisenstraße 120. Im Rahmen der schönen Flügelfenster drehen sich verspielt kleine feierliche Faszinator neben tellerrunden Baskenmützen und bringen das Licht und die Farbe in den Raum, die das verregnete Winterwetter derzeit nicht zu leisten vermag. Im Hintergrund das sanfte Rauschen von Wasserdampf. Es klingt beruhigend und entspannend, dabei ist es harte Arbeit, die gerade hinter meinem Rücken stattfindet. Ich befinde mich im Atelier der jungen Hutmacherin Luisa Glücklich.

© Stephanie A. Bley

Der kleine Laden ist so wie Luisa selbst  – freundlich und unaufgeregt und unglaublich sympathisch. Beim Betreten der charmanten Boutique fühlt man sich direkt willkommen. Die junge Mutter eines zweijährigen Sohnes kehrte nach über zehn Jahren mit ihrer kleinen Familie aus Berlin in ihre Heimat zurück. Hier in Wuppertal fühlt sie sich wohl. „Die Stadt lässt einen mehr zur Ruhe kommen als die Metropole, da entsteht auch mehr Raum für Ideen im Kopf. Und es tut gut, die Eltern und die großen Geschwister in der Nähe zu haben.“ Gerade wenn man selbstständig arbeitet, als Mutter, geht das heutzutage viel besser mit Unterstützung der lieben Familie. Den Hutladen eröffnete sie just im September.

Es ist ein warmer Laden. Viel Holz, ein großer Spiegel, alte Hutschachteln. Und ein großer massiver Arbeitstisch. Die hohen Decken verleihen dem bescheidenen Raum eine offene Großzügigkeit. Auf handgefertigten, luftigen Hutständern und in maßgefertigten Regalen präsentieren sich die besonderen Kreationen der jungen Hutmacherin — eine handverlesene und nicht erschlagende Menge an selbstgefertigten Hüten, Kappen und Mützen. Vom klassischen Herrenhut, auch Fedora genannt, bis zum Kopfschmuck für Damen und Mützen für Kinder, schaut man direkt auf eine feine Auswahl schöner Formen und Materialien.
Luisa Glücklich fertigt Unikate. Die Individualität, Kreativität und Nachhaltigkeit wird hier im besten Sinne gelebt. Denn auch gebrauchte Hüte werden unter den geschickten Händen der Hutmacherin wieder wie neu.


Früher waren Hüte fester Bestandteil der Garderobe. Im 15. Jahrhundert erkannte man am Hut den Stand oder Beruf seines Trägers. Frauen trugen zu Beginn des 20 Jahrhunderts aufwendigste Kreationen mit viel Dekoration. Auch die Schutzfunktion vor Wind und Wetter spielte beim Huttragen in vorangegangenen Generationen noch eine große Rolle. Mit dem Aufkommen des Autos verlor dies an Bedeutung.
Seit einigen Jahren erlebt der Hut seine Renaissance. Und das nicht nur in Ascot. Der Hut ist zum modischen Accessoire geworden. Für Mann und Frau salonfähig, ist der Hut gerade auch im Alltag inzwischen das i-Tüpfelchen auf dem Outfit.

Trotzdem ist das Handwerk der Hutmacher ein aussterbendes.

Die korrekte Bezeichnung für den Beruf lautet heute eigentlich Modistin, früher hieß es Putzmacherin. Der Hutmacher war einmal ein Männerberuf, da die Arbeitsgänge zur fertigen Hutform zum Teil sehr krafterfordernd sind. Die Damen sorgten ausschließlich für die Verzierung, den sogenannten “Putz” der Hüte.
Die Modistin Luisa Glücklich hat intensiv drei ganze Jahre in einem klassischen Hutmacherbetrieb gelernt macht heute die komplette Arbeit allein.

Zunächst muss der grob vorgefertigte Stumpen, so heißt das Rohmaterial aus Haarfilz, Wollfilz, Hasenhaar oder Schafwolle oder aus geflochtenem Stroh, auf einen Holzkopf gezogen werden. Dabei wird über Dampf gearbeitet, damit alles schön geschmeidig wird. Dann muss der Filz immer wieder gezogen werden, bis er die gewünschte Form hat. Es sind viele Arbeitsschritte. Formen, fixieren, wieder über Dampf halten, noch einmal ziehen, “man modelliert den Hut fast wie Ton.“, schwärmt die junge Frau. „Das sind teils mehrere Stunden sehr körperliche Arbeit. Erst dann erfolgt die Einfassung des Hutes.“ Nähen tut Luisa Glücklich natürlich von Hand. Und auch das dauert wieder einige Stunden, wenn jeder Stich perfekt sitzen muss.

Ob für Damen, Herren oder Kinder, Kopfbedeckungen fertigt Luisa Glücklich für alle gern. Natürlich stellt sie dabei Unterschiede fest: Frauen, besonders Bräute, sind oftmals die etwas anspruchsvolleren Kunden. Das meint Luisa aber keineswegs despektierlich. Sie liebt diese Herausforderung, denn wenn sie es dann schafft, das gewünschte Stück nach allen Wünschen umzusetzen, ist die Freude ihrer Kundinnen wahnsinnig groß. Frauen kommen auch öfter wieder und wollen mehr.
Männer legen sich hingegen eher auf ein Lieblingsstück fest und tragen den Hut viele Jahre. Für Männerhüte und Schieberkappen gibt es heutzutage tolle Stoffe und Bänder. Da ist die Variation viel größer geworden als vor Jahren noch. Das macht der jungen Frau Spaß, ihren frischen Wind in die Sache zu bringen.
Oft bekommt Luisa später noch Fotos von den Hüten, getragen von glücklichen Menschen in deren wichtigen Momenten.

„Hüte gibt es für jeden Kopf.“ weiß die Createurin. „Wenige haben dabei das sogenannte ‚Hutgesicht‘ und können alle tragen. Die meisten haben erstmal eine Reise vor sich, den Richtigen zu finden. Aber dafür bin ich ja da. Manchmal liegt es an der Form, oft aber auch einfach nur an der Größe des Hutes. Dann kann ich den Hut weiten, teilweise bis zu zwei Nummern größer machen, und schon sitzt er perfekt.“ Gerade bei Erbstücken sei das oft nötig, da früher die Menschen kleinere Köpfe hatten.

In der „Glücklich Boutique“ bekommt man Kopfbedeckungen, auch nach Wunsch gefertigt, in einer großen Preisspanne. Für 29 Euro bis 200 Euro wechseln die schmückenden Einzelstücke ihren Besitzer. Reparaturen aller Art macht Luisa ebenfalls möglich.

Luisa Glücklich hat auch einen Online-Shop und auf Facebook und Instagram hält sie im Alltag ihre  Kunden gern zeitgemäß spontan auf dem Laufenden.

Am Schönsten ist aber immer noch der Besuch im Laden selbst. Gerade, wenn man einmal einem so selten gewordenen Handwerk bei der Arbeit zusehen will.

Mehr Infos: www.luisagluecklich.de

© Stephanie A. Bley

Luisa Glücklich Hüte
Luisenstraße 120
Öffnungszeiten:
Dienstag-Donnerstag 10-14 Uhr
& Freitag 10-17 Uhr und  nach Vereinbarung.

Email: info@luisagluecklichhuete.de

Tel.: 0176-631 46 260


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1 Kommentar zu „Die Renaissance des Hutes“
  1. M. Peplies sagt:

    Hallo,

    ein sehr schöner Artikel über ein Handwerk das wirklich mehr Interesse verdient hat. Leider ist bereits der Eingangssatz durch eine schlechte Recherche getrübt, denn es gibt eben doch schon jemanden der in Wuppertal das Modistenhandwerk ausübt.
    Ricarda Engelsberger war bereits von 1998 bis 2003 in Wuppertal präsent und ist es eben seit 2013 wieder.

    Mit besten Grüßen und auch Erfolgswünschen an Luisa Gluecklich,

    M.Peplies

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