Auf dem Weg zum grünen Sozialismus

Wie sieht unsere globale Zukunft aus? Darüber machen sich ein gutes Dutzend Autoren ihre Gedanken: Unser Buch der Woche.

Zwei zentrale Beiträge stammen von Rolf Reißig, der in der DDR, und von Johano Strasser, der in der alten BRD sozialisiert wurde. Beide Autoren umkreisen das Ob, das Wie und das Durch wen einer Transformation genannten Veränderung des gegenwärtigen wirtschaftlichen und politischen Status quo: „Statt Verharren in einem abstrakten Antikapitalismus also Transformation des Kapitalismus und über ihn hinaus“ (Seite 62).

 

 

Der Begriff der Transformation bleibt jedoch unscharf: Ursprünglich geschaffen für den Übergang der realsozialistischen Gesellschaften in die „westliche“ Gesellschafts-, Wirtschafts- und Werteordnung, ist nunmehr seit dem 18. Jahrhundert beständig „transformiert“ worden, ja, wir befinden uns gerade heute mitten in einem solchen Prozess, der eine „Neudefinition des ‚Modells Deutschland’ und ‚Modells Europa’“ erfordert (S. 42).

Der Berliner Wissenschaftler beruft sich dabei auf den Club of Rome und sieht am Horizont einen „Ökokapitalismus“ entstehen, der „Eingriffe in die Logik kapitalistischer Verwertung und Akkumulation“ (S. 52 f.) erfordert – auch weil die demokratische Grundstruktur gefährdet ist und international, was wir spätestens seit Donald Trump fast täglich erfahren, die internationale Friedensordnung ständig bedroht wird.

Manche These erinnert an die „alten“ Theorien eines dritten Weges zwischen Kapitalismus und Sozialismus, und dem Rezensenten kam das SED/SPD-Papier „Der Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit“ von 1987 ins Gedächtnis, in dem sich SPD und SED gegenseitig die Möglichkeit (weil Notwendigkeit) der friedlichen Weiterentwicklung ihrer Gesellschaften konzidierten. Aber wer könnte heute – ganz wichtige Frage – der Träger einer solchen Entwicklung sein?

Für Strasser ist eine Lösung der gegenwärtigen Probleme nur bei einer Abkehr vom Eurozentrismus möglich. Den „kosmopolitischen“ Ausweg sieht er in der Anerkennung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 (ergänzt 1976) als „unerlässliche Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Rassen, Religionen, Klassen, Schichten und Kulturen“ (S. 86).

Bei seinem Parforceritt führt er Xenophanes und Seneca, alte Kirchlehrer, islamische und jüdische Aufklärer, Adam Smith und Immanuel Kant, Goethe und Schiller, Marx und Engels, Walter Benjamin und Paul Klee an. Nebenbei gesagt: Strasser zu lesen ist ein Vergnügen und widerlegt die These, Wissenschaft sei per se dunkel und unverständlich.

Einer linken Perspektive redet auch der Sozialwissenschaftler Dieter Klein das Wort: Wenn „nicht Revolution allein und nicht Reform allein die Wege zu einer nachhaltigen Solidargemeinschaft bzw. zu einem demokratischen grünen Sozialismus sind, dann gerät eine dritte Weise der Herausbildung einer sozialistischen Zukunft auf die Agenda, die die Einheit beider Gegenpole realisiert: die Transformation, die die jeweiligen Stärken von Reform und Revolution in sich bewahrt und ihre jeweiligen Schwächen überwindet“ (S. 343).

MATTHIAS DOHMEN

 

Michael Brie/Rolf Reißig/Michael Thomas (Hrsg.), Transformation. Suchprozesse in Zeiten des Umbruchs, Berlin: Lit 2016 (= Texte aus dem Brandenburg-Berliner Institut für Sozialwissenschaftliche Studien, 4), ISBN 978-3-643-13528-5, 354 S., Euro 34,90, www.lit-verlag.de.

 

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