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OCW: Mit dem Projekt kann Einzelhandelsgeschichte geschrieben werden

05.11.2015 23:02

Am vergangenen Dienstag fand in Wuppertal der erste Local Commerce Kongress in Deutschland statt. Online City Wuppertal zog Zwischenbilanz.

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© njuuz

Zalando schreibt rote Zahlen, Amazon ebenso – obwohl letzteres Unternehmen inzwischen seit 1995 am Markt ist. Im Internet gelten offensichtlich andere Regeln, als in der „normalen“ Marktwirtschaft! Zunächst scheint es nicht um Gewinne, sondern um Marktanteile zu gehen. Wie sonst ist der aggressive Preiskampf zu verstehen, den die Giganten mit den traditionellen Marktteilnehmern – den Einzelhändlern, den Offlineketten aktuell ausfechten. Und es sind zuerst die kleinen, schon seit Jahrzehnten ansässigen Familienunternehmen, denen es zuerst an den Kragen geht. Und das was weg ist, kommt auch nicht wieder – so lautet ein ungeschriebenes Gesetz. So stellte sich die Situation dar, als sich in Wuppertal vor 2 Jahren Widerstand ankündigte. Unter der Federführung der Wirtschaftsförderung, gründete sich das Pilotprojekt „Online City Wuppertal“. Mit einer Förderung der nationalen Stadtentwicklungspolitik und 50 % lokaler Unterstützung ausgestattet, haben sich Christiane ten Eicken und Innovationsberater Andreas Haderlein, begleitet von bundesweitem Medienecho, auf den Weg gemacht, nichts weniger als den lokalen Handel internetgestützt neu zu erfinden. Im Rahmen des ersten Local Commerce Kongresses der am vergangenen Dienstag in Wuppertal über die Bühne gegangen ist, zogen ten Eicken, Haderlein und Wuppertaler Händlerprominenz eine erste Bilanz vor NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin, Oberbürgermeister Andreas Mucke, Sparkassendirektor Gunter Wölfges und rund 130 zahlenden Teilnehmern, die bundesweit angereist waren.

Online City Wuppertal – in Wuppertal wird Basisarbeit geleistet
Und es war kein einfacher Weg ins Neuland Internet. Von der Partnerakquise, über die Öffentlichkeitsarbeit, der Akquise und Schulung der Händler, bis hin zum Marketing für den Onlinemarktplatz, war ein unfangreiches Aufgabenspektrum zu bearbeiten, bei dem der Teufel oftmals im Detail lag. Es galt den unterschiedlichen Wissensstand im Umgang mit digitalen Medien anzugleichen. Händler mit Fragen wie – „brauche ich um Mitzumachen, jetzt eine eigene E-Mailadresse“ – standen anderen gegenüber, die ihr ganzes Sortiment schon im eigenen Onlineshop abbilden. Was vor zwei Jahren mit einigen Händlern und wenigen Produkten begann, ist trotz aller Widerstände inzwischen auf 60 Händler mit tausenden von Produkten im Onlineshop unter www.talMarkt.net angewachsen. Einige davon installieren zur Zeit eine eigene Warenwirtschaft, die Schnittstellen zum talMarkt haben. Große Zwischenhändler wie Soennecken (für den Schreibwarenbedarf) und libri (für die Buchhändler) stellen ihre Bild- und Textdaten via Schnittstelle bereit, so dass das eigene Sortiment auf Knopfdruck in die eigene Warenwirtschaft und von dort auf den talMarkt eingespielt werden kann. In Wuppertal wird Basisarbeit auf den verschiedensten Ebenen geleistet, die später allen zur Verfügung stehen soll. Die Händlerschaft professionalisiert sich, wird damit wettbewerbsfähiger und sie experimentiert mit neuen Verkaufskonzepten.

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4. von links: Dr. Rolf Volmerig, 6. von links: Andreas Mucke, NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin, Gunther Wölfges ©njuuz

Die Produkte die lokal verfügbar sind, müssen im Internet gefunden werden
Die Motivation der Einzelnen sich an dem Projekt zu beteiligen, war höchst unterschiedlich. So möchte Peter Bothmann mit seinem Boda-Weinshop mehr Wuppertaler erreichen. Henrick Abeler, Inhaber von Juwelier Abeler will die Stadtgemeinschaft stärken, Eleonore Putty, Inhaberin von Illert hat das „Grüne Büro“ für Ihren Schreibwarenladen entdeckt und hofft damit, die junge Käuferschicht anzusprechen, Markus Kuhnke vom Vohwinkler Naschkatzenparadies will seinen Umsatz erhöhen und in 10 Jahren noch verkaufen: „Meine Tochter geht mit dem Smartphone sogar aufs Klo und was findet sie da? Meine Produkte“, schmunzelt er. Christian Feuerstein von J.F. Feuerstein in Vohwinkel brachte es schließlich auf den Punkt: „Worauf es wirklich ankommt, ist zu wissen, ob es das Produkt in meiner Stadt gibt. Diese Frage muss die Plattform beantworten. Die Kaufentscheidung wird dann an der Ware getroffen. Oder würden Sie bei Amazon kaufen, wenn Sie wüssten, dass Sie das Produkt fünf Minuten von Ihnen entfernt finden können?“ Seine Einschätzung deckt sich mit jüngeren Marktforschungsergebnissen, wonach 70% der Verbraucher gerne bei der Produktsuche mehr lokale Ergebnisse angeboten bekommen würden. Der wirtschaftliche Erfolg der Online City Wuppertal zeigt sich bisher noch nicht in Verkäufen über talMarkt.net . Der so genannte RoPo-Effekt (Research online, purchase offline) hat nur bei einigen Händlern zu Umsatzsteigerungen zwischen 10 und 20 Prozent geführt. Besonders bei solchen, die durch mehr Produkte im Netz mehr Sichtbarkeit erzeugen, eine Tatsache die durch die Marktforschung bestätigt wird, sich aber nur schwer valide messen lässt. Dennoch wollen alle am Kongress teilnehmenden Händler weiter am eingeschlagenen Weg fest halten, denn die positiven Effekt der Zusammenarbeit gehen schon jetzt über den angestrebten wirtschaftlichen Erfolg hinaus.

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von links nach rechts: Eleonore Putty, Christian Feuerstein, verdeckt Markus Kuhnke, Henrik Abeler, Peter Bothmann ©njuuz

talMarkt, talTipp, talHeld und talKontor
Ein Erfolg der Online City Wuppertal ist auch, dass mit großer Aufmerksamkeit bundesweit auf Wuppertal geschaut wird. Das gefällt besonders Oberbürgermeister Andreas Mucke, der sich eher als „Old School“ Käufer versteht: „Wuppertal strahlt mit der „Online City“ wieder einmal ins Land hinaus, das freut mich sehr“ sagt er in seiner Begrüßungsrede. Noch keine andere Pionierstadt hat in dieser Sache bisher so weit vorgearbeitet, wie die bergische Metropole: Neben der Qualifizierung der Händler und der Weiterentwicklung der Onlineplattform, ist inzwischen auch eine Dachmarketingkampagne entstanden. „Werbung war erst jetzt möglich. Wir wollten erst etwas Vorzeigbares haben, ehe wir damit an die Öffentlichkeit gehen,“ erklärt Andreas Haderlein. Nun ist ein eigenes Signet kreiert worden, es gibt den talMarkt, den talTipp (ein reduziertes Produkt im talMarkt), den talHeld und seit September hat das talKontor mit Abholschalter in der Rathausgalerie eröffnet. „Hier wird Online City Wuppertal anfassbar“, beschreibt dies Haderlein. Das talKontor ist ein zentraler Baustein im Konzept der Online City. Leerstand soll mit einem intelligenten Zwischennutzungskonzept überbrückt werden. Besonders Onlinehändler sollen in Zukunft ausprobieren können, ihre Ware auch in einem analogen Shop zu verkaufen. Aktuell wird das talKontor hauptsächlich gemeinsam von an Online City beteiligten Händlern als zweite Verkaufsfläche und weiteres Schaufenster genutzt. Besonders ist, dass nicht Vorrätiges, via Tablet nachgesehen, bestellt und sogar nach Ladenschluss abgeholt werden kann. Auch der erste reine Onlinehändler „Tapetenprinz“ aka Andreas Bücker ist dort vertreten und präsentiert seine Fototapeten – hauptsächlich historische Wuppertal-Motive. „Ein Geschäftsmann hat gleich die ganze Kollektion für seine Büroräume bestellt,“ berichtet Bücker begeistert. Laut eigenem Bekunden steigert er seinen Bekanntheitsgrad, generiert mehr Umsatz und das bei geringen Kosten. Denn in der Miete für die Teilfläche im talKONTOR sind die Kosten für Personal, Lagerräume, Technik und vieles mehr direkt inbegriffen. Außerdem haben die Mietverträge nur wenige Monate Laufzeit, so dass jederzeit ein Ausstieg möglich ist.

Land wird neues Förderprogramm ausschreiben
So ist es eigentlich kein Wunder dass NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin inzwischen fast jede Woche einen Termin in der Region hat: „Ich bin erstaunt. Inzwischen bin ich fast jede Woche einmal in Wuppertal. Hier passiert so viel Spannendes, hier passiert so viel Neues.“ begeistert er sich in seiner Begrüßungsrede und zur Händlerschaft gewandt: „Neben Service, Orientierung, Präsentation, kundengerechten Öffnungszeiten, muss der Händler sich inzwischen auch noch mutig in den Onlinehandel begeben. Das sind riesige Herausforderungen, denen sich die Händlerschaft heute zu stellen hat. In einer Gemeinschaft fällt es leichter, sich dieser Aufgabe zu widmen. Die Online City Wuppertal ist ein Pilotprojekt. Es sollen Fehler erkannt und ausgezmerzt werden.“ Und schließlich kündigt er an: „Weitere, besonders kleinere Städte sollen folgen, daher wird das Land NRW im neuen Jahr ein neues Förderprogramm ausschreiben. Darin werden die Erfahrungen aus der Online City Wuppertal einfließen.“

Filiale und Handy ist der Weg
Sparkassenchef Gunther Wölfges ist sich sicher: “Filiale und Handy ist der Weg, nicht Filiale oder Handy.” Für ihn ist wichtig, dass die Wuppertaler ihr Geld in Wuppertal ausgeben. Deshalb erstattet die Sparkasse ihren Kunden beim Einkauf über talMarkt.net die entstehenden Transportkosten.

Umfassender Überblick zum Thema Local Commerce
Vorträge von Roman Heimbold – Entwickler der technischen Infrastruktur für die Plattform talMarkt.net und der taggleichen Lieferung, von Christoph Brem – Entwickler der iPad-basierten Warenwirtschaft und des im talKontor eingesetzten Kassensystems, sowie von Dr. Wolfgang Haensch von der CIMA, die in der ersten Hälfte des Jahres eine Studie veröffentlicht haben, die den Status Quo solcher Initiativen untersucht, ergänzten die Zwischenbilanz der Online City Wuppertal. Vier Aussteller, wie der Produktsuchdienst kaufnah.net, der Systemanbieter für anonyme Kundenkarten und Kundenbindung Gerabo und Unitymedia, das freies WLAN in Städten anbietet, informierten über Brückenlösungen für den Local Commerce und komplettierten den Kongress zu einem umfassenden Überblick zum Thema.

Mit dem Projekt kann Einzelhandelsgeschichte geschrieben werden
Dr. Rolf Volmerig – Chef der Wirtschaftsförderung Wuppertal und mit Andreas Haderlein der Initiator von Online City Wuppertal hielt in seiner Abschlussrede einen flammenden Appell: „Wenn man ein solches Projekt beginnt, muss man sich darüber im Klaren sein, dass erst in 3 bis 5 Jahren mit einer schwarzen Null zu rechnen ist. Aber es bietet die riesige Chance, dabei zu sein, bei dem Prozess, eine lebenswerte Innenstadt zu kreieren. Ich habe einen riesen Respekt vor den Händlern. Sie leisten einen Mörderjob. Es tut einer Wirtschaftsförderung gut, sich mit den Problemen eines Händlers zu befassen. Sie sind wichtig für unsere Innenstädte, sie gewährleisten die Nahversorgung und gestalten die Innenstädte wesentlich mit. Ich bin sicher, mit der Online City Wuppertal kann Einzelhandelsgeschichte geschrieben werden.“

www.onlinecity-wuppertal.de
www.talmarkt.net

 






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»  Bis ans Ende der Welt
»  Wozu noch Welt? Aufzeichnungen aus dem Ghetto Łódź
»  der Rubrik Wirtschaft

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2 Kommentare zu „OCW: Mit dem Projekt kann Einzelhandelsgeschichte geschriebe...“
  1. Benjamin sagt:

    Wir von Gerabo haben uns gefreut einen Beitrag zu diesem spannenden Kongress leisten zu können.

  2. Kleine Korrektur am Rande: die historischen Motive von Tapetenprinz sind nur im talKontor zu sehen. Mit freundlicher Genehmigung des Stadtarchives.
    Wir bieten im talKontor Wuppertaler Motive auf Leinwand an. Im Online-Shop selber werden neben normalen Fototapeten Motiven auch exklusive Motive von Fotografen auf Tapete zu erwerben, wie auch lokale Motive für Stadt Liebhaber (Lokal für Wuppertal).
    Aber sonst ist der Artikel Top!

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